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Die Optik von morgen

Schwerelose Ästhetik

26.10.2012 | Meike Laaf | Kommentar schreiben | Artikel drucken

''2001 - Odyssee im Weltraum''

''2001 - Odyssee im Weltraum''

Weiß sollte die Welt 2001 aussehen. Geprägt von runden oder achteckigen Formen, von großzügigen hellen Räumen und biomorphen, organisch anmutenden Einrichtungsgegenständen. Frauen trugen ballonförmige Hüte, Menschen joggten kopfüber auf Laufbändern. Total schwerelos. So hat Stanley Kubrick in seinem Filmklassiker "2001 - Odyssee im Weltraum" 1968 die Zukunft gezeigt.

Das Jahr 2001 ist inzwischen Geschichte. Heute wissen wir, dass nicht alle Zukunftsvorstellungen des Filmes auch realisiert wurden. Doch die Ästhetik seines Films hat das Design und die Architektur seiner Zeit geprägt. Und tut es bis heute: Vor einem Jahr wurde der Film vor Gericht zitiert – als Beweis dafür, dass das Design des iPads mit dem flachen Bildschirm und den abgerundeten Ecken nicht einzig auf die Entwürfe des Apple-Konzerns zurückgeht. Und als Argument dafür, dass Apples stärkster Konkurrent Samsung in der Mobiltelefon-Sparte genauso das Recht auf diese ästhetischen Merkmale hat. In einer Szene des Kubrick-Films kann man nämlich sehen, wie der Astronaut eine Art Vorläufer der elektronischen Schiefertafel bedient.

Der Traum von der Zukunft

So offensichtlich wie in diesem Fall ist die Verbindung von Science Fiction und Design meist natürlich nicht. "Science Fiction und Design sind nicht als getrennte Phänomene zu sehen – die Werke entstehen immer aus einem Impuls, beeinflusst von der Zeit, aus der sie kommen", sagt die in Berlin lebende Designtheoretikerin und Dozentin Birgit S. Bauer.

In den 1960er-Jahren, als die USA und die Sowjetunion sich ein Wettrennen um die Mondlandung boten, das sogenannte "Space Race", entzündeten sich die Phantasien vieler Menschen am Weltall. Man blickte optimistisch in die Zukunft – davon überzeugt, dass Wissenschaft und Forschung in der Lage wären, die Probleme der Menschheit und des Planeten zu lösen. Rund und bunt sah die Zukunft damals in der Vorstellung der Designer aus – organische Formen, Kleider aus Metallplättchen, höhlenartige Interieurs in grellen Farben. Diese Konzepte waren so neuartig und überzeugend, dass sie bis heute als Blaupause dafür gelten, wie "modern" aussieht und sich anfühlt.

''Spiegel''-Kantine von Verner Panton

''Spiegel''-Kantine von Verner Panton

Einer der Vorreiter dieser Ästhetik war der Däne Verner Panton. Sein frei schwingender "Panton Chair" aus einem einzigen Stück buntem Kunststoff erregte Aufmerksamkeit und ging erfolgreich in Serie. Neun Jahre später verwandelte Panton das Verlagsgebäude des Magazins Der Spiegel in eine futuristische Farb- und Formenorgie. Seit kurzem kann man seine "Spiegel-Kantine" im Hamburger "Museum für Kunst und Gewerbe" bestaunen – oder auch für eine private Geburtstagsfeier mieten.

Die neue Nüchternheit

Die Weltall- und Zukunftseuphorie der Sechziger hielt jedoch nicht ewig an. Gerade westlichen Gesellschaften verging spätestens in den 1980er-Jahren gehörig die Lust auf die Zukunft: Die Öl-Krise und Wirtschaftsberichte über die "Grenzen des Wachstums" gemahnten an die Verletzlichkeit der hochtechnisierten Zivilisation; die atomare Bedrohung, das Waldsterben und "saurer Regen" schienen die unmittelbare Lebensumwelt zu bedrohen. Kein Wunder, dass auch in der Science Fiction immer dunklere Zukunftsvisionen entworfen wurden: So ließ Ridley Scott in seinem Cyberpunk-Film "Blade Runner" (1982) seinen Helden durch eine düstere, verrottende Großstadt wanken.

Eine völlig konträre Vorstellung von Zukunftsdesign hatte die Gruppe Memphis aus Italien. Die Designer entwarfen Möbel und Produkte, die kaum noch benutzbar aussahen: geometrisch, lustig und hart an der Grenze zum Kitsch. Damit läuteten sie die Epoche des Postmodernismus im Design ein – und machten, wie der Kasseler Designprofessor Volker Albus sagt, "Emotionen in den Wohnungen wieder zum Thema". Einige der Memphis-Designer arbeiteten später bei dem kommerziell erfolgreichen Hersteller Alessi, der mit Entwürfen wie der berühmten raketenförmigen Zitronenpresse des französischen Star-Designers Philippe Starck von 1990 wieder Bezug auf klassische Science-Fiction-Motive nahm: eine kleine Rakete für die heimische Küche.

Staunen über Technik

''Minority Report''

''Minority Report''

In den Neunzigern und Nuller-Jahren wurde Produkt- und Setdesign immer mehr von der sich ausdifferenzierenden Technik beeinflusst. Zur Vorbereitung von "Minority Report" (2002) berief Regisseur Stephen Spielberg einen Think Tank ein, in dem sich Visionäre, Denker und Forscher aus den Bereichen Virtual Reality, Biomedizin, IT, Ökologie und der Literatur zusammensetzten und über die Zukunft von Städten, Arbeit und Freizeit nachdachten. In dem fertigen Film beeindruckten dann vor allem die Szenen, in denen Hauptdarsteller Tom Cruise riesige, halbtransparente Holografien im Raum hin und her bewegte.

Die Touchscreen- und Wisch-Technik war damals noch kein Thema, auf Handys drückte man Tasten. In US-Forschungslabors gibt es inzwischen längst Prototypen für Display-Interaktionen, die ohne direkte Berührungen auskommen; ein kleines Unternehmen aus den Staaten will mit "The Leap" ein entsprechendes Produkt für die Bildschirmsteuerung per Wink im freien Raum noch 2012 auf den Markt bringen.

Holz ist das neue Metall

Doch je schneller technische Innovationen den Phantasien von gestern nacheifern, desto müder scheinen Science-Fiction-Filme zu werden. Die Zukunftsentwürfe werden immer simpler und pessimistischer, monieren Kritiker. "Matrix war der große Spaghettiwestern der Science Fiction – danach war das Genre erledigt", befand der Historiker Georg Sedlag 2008. Auch das Design steckt derzeit in einer Krise. "Design ist als Oberflächenkosmetik in Verruf geraten", sagt Designkritikerin Birgit S. Bauer. "Die Leute haben das Gefühl, dass ihnen Objekte angedreht werden sollen. Design steht nicht mehr unbedingt für feste Wertvorstellungen, denn es gibt, zur gleichen Zeit, zahllose unterschiedliche Lebensstile."

Eine Antwort darauf ist die Do-it-Yourself-Bewegung. Statt glänzend weißer oder gebürsteter Metall-Oberflächen setzen junge Designer wieder mehr auf ursprünglichere Materialien wie Holz, mehr auf Individualität statt auf perfekte Massenproduktion, auf Teilen und Selbstverantwortung statt blinden Konsum. Die Haltung, die dahinter steht, kann man auch in einem der am lautesten bejubelten Science-Fiction-Filme der vergangenen Jahre erkennen: "Moon" aus dem Jahr 2009. In einer Szene reißt der Protagonist die glatten, weißen Wandverkleidungen seines Raumschiffs ab – und entdeckt dahinter neben Schmutz eine verborgene Welt. Die neue Selbstermächtigung befreit, macht aber auch eine Menge Dreck.

Meike Laaff ist Redakteurin bei der tageszeitung (taz) in Berlin.

Fotos: ©Verleih / © Michael Bernhard, Spiegel Verlag







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