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Ein Regenguss für das feindliche Heer

Technologische Quantensprünge

29.10.2012 | Dirk Eckert | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Das Internet wurde bekanntlich in Zeiten des Kalten Krieges erfunden. Und würde es Computer und Satelliten, die unseren täglichen Datenverkehr bestimmen, wohl geben ohne den Raketenbau im Zweiten Weltkrieg, der die Grundlage für die gesamte Weltraumfahrt legte? Vieles, was Anfang des 20. Jahrhunderts noch wie Science Fiction klang, aber heute unseren Alltag bestimmt, hat seinen Ursprung im Krieg.

Kriege als technologische Quantensprünge

Dass der Krieg der Vater aller Dinge ist, hat schon der griechische Philosoph Heraklit um 500 vor Christus gesagt. Aber was ist wirklich dran an der These? Ohne Krieg kein Fortschritt – das ist natürlich Unfug. Aber tatsächlich haben Kriege so manche technologische Entwicklung massiv befördert. "Alle Kriege waren technologische Quantensprünge", gibt Reiner Braun zu. Er ist Geschäftsführer der "Vereinigung deutscher Wissenschaftler", die 1959 von Carl Friedrich von Weizsäcker und anderen Wissenschaftlern gegründet wurde, einer Gruppe, die sich zuvor als "Göttinger 18" gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr ausgesprochen hatte.

In dieser Tradition steht die Wissenschaftler-Vereinigung heute noch. Trotzdem muss auch Braun feststellen: "Kriege treiben technologische Entwicklungen voran und bringen sie auf die Spitze." Tatsächlich lassen sich gerade im 20. Jahrhundert zahlreiche Beispiele dafür finden. In den Ersten Weltkrieg zogen die Menschen noch mit Pferden, aus dem Zweiten kamen sie mit der Atombombe raus – nur 31 Jahre später. Die Grundlagen der Kernphysik waren schon vorher da; aber der Krieg beschleunigte den Bau der Atombombe ganz entscheidend.

Allerdings hatte derlei technologischer Erkenntnisgewinn seinen Preis: Millionen Menschen starben in den beiden Weltkriegen. Außerdem steht seither die atomare Vernichtungs-Drohung in der Welt. Und Atomkraft als Form der Energiegewinnung erwies sich zuletzt in Fukushima als unbeherrschbar. Rainer Braun fordert deshalb, ganz im Geiste der "Göttinger 18", einen "bewussten Verzicht auf den militärischen Weg".

Drohnen für Hollywood

GPS-gesteuerte Drohne

GPS-gesteuerte Drohne

Doch davon ist die Welt noch weit entfernt. Bald gibt es vielleicht ein Nasenspray, das Selbstmordgedanken vertreibt. Daran forscht jedenfalls das US-Militär, denn immer mehr Soldaten sind durch die Auslandseinsätze wie Afghanistan traumatisiert, so dass die Zahl der Suizide dramatisch zugenommen hat. Ein Wirkstoff, über die Nase verabreicht, soll das verhindern.

Schon jetzt ist absehbar, dass unbemannte Luftfahrzeuge, sogenannte Drohnen, als Überwachungs- und Aufklärungsgeräte bald in großen Stil im zivilen Alltag eingesetzt werden. Die Polizei nutzt sie heute schon, aber prinzipiell können Drohnen überall eingesetzt werden, wo Luftaufnahmen gebraucht werden – sei es bei Hollywood-Produktionen, in der Luftbild-Archäologie oder bei Rettungseinsätzen. Bislang machen sie vor allem dann Schlagzeilen, wenn die USA in Pakistan mit bewaffneten Drohnen mutmaßliche Islamisten töten.

Gesteuert werden Drohnen über das GPS-Signal. Das Satellitennavigationssystem Global Positioning System (GPS) war in den 1970er-Jahren vom US-Verteidigungsministerium entwickelt worden, um Raketen, Flugzeugen, Kriegsschiffen oder eben unbemannten Luftfahrzeugen den Weg zu weisen und die eigene Position zu bestimmen. Heute fahren Autos mit GPS-Navigation. Da GPS ein US-amerikanisches System ist, haben Russland und China eigene Satelliten-Systeme entwickelt, um nicht von den USA abhängig zu sein. Auch die EU arbeitet an einem Satellitensystem namens Galileo. Es soll zivilen Zwecken dienen – eine spätere militärische Nutzung ist aber natürlich nicht ausgeschlossen.

Schönwetterwolken auf Knopfdruck

Wie man es künstlich regnen und schneien lässt, hat zwar nicht das Militär erfunden. Aber im Kalten Krieg stürzten sich Militärs in Ost und West auf die damals neue Entdeckung und arbeiteten an Techniken für Wetterkriege, um feindliche Heere in Regengüssen untergehen zu lassen. Im Vietnam-Krieg versprühten die USA Silberjodid, um den Monsun über dem Ho-Tschi-Minh-Pfad zu verstärken und so die Versorgung des kommunistischen Vietkong zu unterbrechen. 1978 verboten die Vereinten Nationen jedoch in einer Konvention, das Wetter für militärische Zwecke zu manipulieren.

Auch für zivile Zwecke sind Wettermanipulationen schon lange kein Science-Fiction-Szenario mehr. Sie sind weiter erlaubt und werden immer wieder durchgeführt, etwa bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2008 in Peking – oder auch in Deutschland, um die Ernten vor Hagelschlag zu retten.

Übrigens geht nicht jede Entdeckung, die dem Militär zugeschrieben wird, auch darauf zurück. Das Internet zum Beispiel ging zwar aus dem 1969 aufgebauten Arpanet hervor, das vom Advanced Research Project Agency (ARPA) des US-Verteidigungsministeriums finanziert wurde. Aber dieses Geld hätte der Staat natürlich auch über einen anderen Haushaltstopf bereitstellen können. In der Praxis diente das Arpanet dazu, Forschungseinrichtungen zu vernetzen, um knappe Rechnerkapazitäten effizienter zu nutzen. Daraus entstand später die Legende, das weltweite Netz sei erfunden worden, um im Falle eines Atomkrieges eine dezentrale Kommandostruktur zu haben.

Dirk Eckert ist Journalist. Internationale Politik, Kriege und Konflikte sind sein Arbeits-Schwerpunkt.

Fotos: © dpa



Links

Das Göttinger Manifest der 18 Atomwissenschaftler vom 12. April 1957
Mehr über GPS auf Wikipedia
Mehr über das Arpanet, den Vorläufer des Internets





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