Die 'Quants' der Firma Rebellion Research
Wenn Alexander Fleiss morgens in sein Büro kommt, ist die Arbeit größtenteils schon erledigt. Über Nacht hat ein spezialisierter Computer in den Kellerräumen der unscheinbaren Geschäftsstelle hinter einer schweren Stahltür ununterbrochen Unmengen von Daten verarbeitet und für den 29-Jährigen berechnet, wie es um die Wirtschaft steht. Und vor allem, in welche Richtung sie sich wohl demnächst entwickeln wird. Daraus ergeben sich konkrete Vorschläge für millionenschwere Investitionen, die Fleiss nur noch abzusegnen braucht. Was klingt wie ein Science-Fiction-Film aus den 1980er-Jahren, spielt sich tatsächlich jeden Tag mitten in New York ab.
Der junge Vermögensverwalter weicht eigentlich nie von den Tipps des Computerprogramms ab, sagt er. Das hat auch einen guten Grund: Er hat es selbst entwickelt. Mit der technischen Hilfe seiner beiden Mathematiker-Freunde Spencer Greenberg und Jeremy Newton, die "Star" – so haben sie ihre Software genannt – programmiert haben. Eineinhalb Jahre und literweise Cola hatten sie dafür gebraucht, seit fünf Jahren nun sind die Jungunternehmer inklusive einem vierten Partner mit ihrer Investmentfirma "Rebellion Research" im Geschäft. Passender könnte der Name kaum sein, denn Fleiss und seine Kollegen gehören zu den Vorreitern eines Trends in der Finanzbranche: Mit dem technischen Fortschritt setzt auch die Wall Street immer mehr auf Künstliche Intelligenz.
"Quants" heißen diese modernen Finanzexperten – eine Kurzform für "quantitativer Analyst". Sie zeichnet aus, dass sie eigentlich aus der Welt der Mathematik oder Physik stammen, sie aber ihre Fähigkeiten, komplizierte Formeln auf Grundlage statistischer Modelle aufzustellen und zu berechnen, zur Entwicklung von Investitionsstrategien nutzen. Das Prinzip, massenweise Daten zur Bestimmung des Risikos von bestimmten Kapitalanlagen zu verwenden, ist zwar schon einige Jahrzehnte alt. Die enormen technischen Kapazitäten der Computer von heute und vor allem ihre Lernfähigkeit machen sie nun auch für Anleger immer attraktiver. Der Trend zur Automatisierung hat sich längst auch an den Börsen breitgemacht: Mehr als 90 Prozent des Aktienhandels werden heute ohnehin schon über Computer abgewickelt.
"Computer können einfach viel größere Datensätze verarbeiten", sagt Greenberg, der bei Rebellion Research den offiziellen Chefposten übernommen hat. "Und mit ihrer Künstlichen Intelligenz entwickeln sie neue Möglichkeiten, an die man selbst vielleicht nie gedacht hätte." So hatte ihr "Star"-Programm etwa schon im Frühjahr 2009, also nur rund ein halbes Jahr nach dem Höhepunkt der jüngsten weltweiten Finanzkrise, eine Erholung der US-Wirtschaft vorhergesehen. Den Konjunkturaufschwung wagte damals noch kaum jemand zu erahnen, aber er trat schließlich ein. Greenberg und sein Team, die ihr Investmentportfolio rechtzeitig dafür in Position gebracht hatten, waren vielen anderen Marktteilnehmern einen Schritt voraus und profitierten dementsprechend davon.
Jeden Abend zieht sich "Star" Datenmassen zu 30 verschiedenen Einflussfaktoren ins System – etwa zum Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktienunternehmen oder zu aktuellen Zinsraten – und berechnet, wie diese sich wohl auf die Kurse der tausenden vorausgewählten Unternehmen aus verschiedenen Ländern auswirken werden. Daraus ergibt sich die Investitionsempfehlung: Halten, Kaufen oder Verkaufen. Kein menschliches Gehirn könnte so viele Daten auf einmal verarbeiten.
Das Computerprogramm von Rebellion Research aber schon. Es wählt von all den möglichen Aktienunternehmen 60 bis 70 aus, die in der Regel für mehrere Monate in das Portfolio aufgenommen werden. Wie groß das Gesamtvolumen des Vermögens ist, das sie für knapp 70 individuelle Investoren verwalten, wollen die Jungunternehmer aus wettbewerbstechnischen Gründen nicht sagen. US-Medienberichten zufolge liegt es bei rund sieben Millionen Dollar. Dank herausragender Gewinnbilanz: Seit Geschäftsbeginn schneidet Rebellion Research laut dem Wall Street Journal jährlich zehn Prozent besser ab als der wichtige US-Aktienindex Standard & Poor's 500, in dem die 500 größten börsennotierten US-Unternehmen aufgelistet sind.
"Computer haben keine Gefühle"
Für die Quants sind die Vorzüge der Computer offensichtlich. "Das Gute ist, dass Computer keine Gefühle haben", meint Software-Entwickler Jeremy Newton. "So merken sie, wenn die Märkte überreagieren", fügt sein Kollege Greenberg hinzu. Menschen dagegen könnten nie völlig objektiv sein. Allerdings, das müssen sie beide einräumen, hat die Künstliche Intelligenz auch ihre Grenzen: So können Computer nur begrenzt Texte verarbeiten und etwa zwischen den Zeilen lesen. "Sie können nicht bewerten, ob die Führung der Aktienunternehmen fragwürdig oder vertrauenserweckend klingt", sagt Greenberg. Den Maschinen fehlt schlicht die Vernunft.
Und das ist auch das Hauptargument, das Kritiker gegen die wachsende Macht der Quants anführen. Denn die Wirtschaft hält sich eben nicht an Naturgesetze, sondern wird von Menschen vorangetrieben. Anders als in der Mathematik und in den Naturwissenschaften können die Konsequenzen und Wirkungen in der Wirtschaft nicht bis ins Letzte berechnet werden – so umfangreich die statistischen Modelle und so ausgeklügelt die mathematischen Formeln auch sein mögen.
Einer der lautesten Kritiker der Quants ist in den eigenen Reihen zu finden: Emanuel Derman, ein ausgebildeter Physiker mit einer Karriere im US-Investmentbanking, der sich vor allem mit seiner Autobiografie "Mein Leben als Quant" und dem Buch "Modelle, die sich schlecht benehmen" einen weltweiten Ruf als "Über-Quant" erschrieben hat. Derman plädiert dafür, mathematische Modelle mit Erfahrung und gesundem Menschenverstand anzureichern.
Das aber ist vor allem beim Hochfrequenzhandel nicht möglich, der laut dem Beratungsunternehmen Tabb Group aktuell mehr als die Hälfte des US-Aktienhandelsvolumens ausmacht. Knapp 22 Milliarden Dollar Gewinne wirft der Hochfrequenzhandel pro Jahr weltweit ab. Dabei werden Computer so für den Börsenhandel programmiert, dass sie in Bruchteilen von Sekunden größere Orderströme aufspüren und entsprechend Aktien kaufen und verkaufen – alles automatisch. Möglich machen das spezielle mathematische Formeln, die ausgewählte Durchschnittswerte, etwa für das tagesaktuelle Handelsvolumen, als Referenzgröße heranziehen. Die Investoren profitieren dabei von minimalen Kursschwankungen. Allerdings ist der Hochfrequenzhandel sehr anfällig für technische Probleme, was in der Vergangenheit schon häufiger zu erschreckenden Kursstürzen geführt hat.
Das prominenteste Beispiel hierfür ist der sogenannte "Flash Crash" vom 6. Mai 2010, der die US-Börsen völlig unerwartet traf und innerhalb weniger Minuten insgesamt knapp 900 Milliarden Dollar an Aktienwert auslöschte. Ausgelöst wurde er laut US-Börsenaufsichtsbehörde Securities and Exchange Commission (SEC) von einem fehlerhaften Computerprogramm. Es folgte eine verheerende Kettenreaktion. Kritiker meinen, dass der Hochfrequenzhandel diesen plötzlichen Kursabsturz erheblich verschlimmert habe – gerade weil alles so schnell und automatisch läuft. Seit diesem Vorfall ist der Hochfrequenzhandel in den Fokus der Aufsichtsbehörden gerückt. Sie prüft derzeit, ob und inwiefern sie die Regeln verschärfen will.
Rebellion Research aber, in ihrem Kellerbüro weit abseits vom hektischen Handel auf dem Börsenparkett, macht es auch in etwa so, wie Derman es sich gedacht hat. Denn ihr Computer entscheidet schließlich nicht selbst. Chief Investment Officer Fleiss legt die Positionen erst fest, nachdem er die Ergebnisse des Programms gesichtet hat. Die Handelsaufträge gibt er dann ganz altmodisch per Telefon durch.
Kim Bode ist Wirtschaft- und Finanzkorrespondentin in New York.
Foto, oben: "Rebellion Research" / © Kim Bode
Foto, unten: © Fritz / photocase.com
Emanuel Dermans FAZ-Kolumne (seit September 2012)
Der britische Autor Robert Harris im Gespräch über seinen Quants-Roman "The Fear Index" (dt. "Angst", Heyne Verlag 2011) (engl.)
Rebellion-Research-CEO Spencer Greenberg spricht über Künstliche Intelligenz (engl.)
Mehr zum Gesetzesentwurf der Bundesregierung, mit dem die Macht der Quants eingedämmt werden soll
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