Der Biologe und Philosoph Julian Sorrell Huxley, Bruder des Science-Fiction-Autors Aldous Huxley ("Brave New World", 1932), prägte die Idee des Transhumanismus. Hinter diesem Begriff verbirgt sich nichts weniger als die Vorstellung, dass der Mensch die Erweiterung seines Wirkungsbereichs, die Verbesserung seiner Lebensumstände, ja, die Überwindung der menschlichen Natur durch den konsequenten Einsatz technologischer Verfahren verwirklichen könnte. Enthusiastisch notierte Julian Huxley 1957 in seinem Werk "New Bottles for New Wine" (etwa "Neuer Wein für Neue Schläuche"):
"Die menschliche Spezies kann über sich selbst hinauswachsen, wenn sie es möchte – nicht nur sporadisch, ein Individuum auf die eine Art, ein anderes auf eine andere Art und Weise, sondern als Gesamtheit, als Menschheit. Wir brauchen einen Namen für diese neue Überzeugung. Vielleicht kann Transhumanismus dienen: Der Mensch bleibt Mensch, aber er transzendiert sich selbst durch die Verwirklichung neuer Möglichkeiten in und über seine menschliche Natur."*
Ein halbes Jahrhundert später diskutieren Anhänger dieser philosophischen Bewegung das, was Huxley mit den "neuen Möglichkeiten" bezeichnete: Stammzellenforschung, Nanotechnologie, Kryonik, neuronale Implantation oder das sogenannte Mind-Uploading, das heißt die Erlangung digitaler Unsterblichkeit durch den Transfer des menschlichen Bewusstseins in ein digitales Computersystem.
Noch ist die Menschheit meilenweit davon entfernt, Gehirne oder gar das menschliche Bewusstsein digitalisieren zu können. Obwohl Forschungsgruppen am Max-Planck-Institut inzwischen so weit sind, mittels Elektronenmikroskopie neuronale Netze von Fliegengehirnen im Computer nachzubilden. Und es Wissenschaftlern der University of California gar gelang, Filmszenen, die Versuchspersonen gesehen hatten, alleine durch die Messung der Hirnströme im Rechner zu rekonstruieren.
Aber ist die Speicherung des Selbst und die permanente digitale Aktualisierung der eigenen Beziehung zur Umwelt nicht bereits heute fester Bestandteil der Alltagspraktiken der Netzbevölkerung? Marktforscher mühen sich ab, ihre jungen Zielgruppen über dieses Phänomen zu etikettieren und nennen digitale Konsumenten abwechselnd "Generation Upload" (Vodafone), "Junge Hyperaktive" (ARD-Online-Studie) oder "Digitale Avantgarde" (TNS Infratest). Inzwischen scheint sich im Marketingjargon der Begriff "Digital Natives" (etwa: Digitale Ureinwohner) durchgesetzt zu haben.
Insbesondere wenn private Daten wie Informationen darüber, auf welchen Internetseiten man gesurft hat ("Cookies"), mit dem Bewegungsprofil einer App oder der eindeutigen ID eines Smartphones miteinander in Zusammenhang gebracht werden, kann es für den Einzelnen schwer werden, die Übersicht und Kontrolle darüber zu behalten, was Dritte alles über einen wissen oder sogar schlussfolgern können.
Wie auch immer man es bewertet, eines steht fest: Unzählige Webservices, Communities und mobile Applikationen basieren darauf, Bestandteile der Persönlichkeit, Spuren des eigenen Kommunikationsverhaltens und der damit verbundenen sozialen Strukturen in Datenform zu übertragen, zu visualisieren und quantifiziert erfahrbar zu machen. Die Zahl der eingegangenen E-Mails, Handykontakte, Twitter-Follower, Facebook-Freunde, Status-Updates, Blog-Einträge, Fotoaufnahmen, Location-Check-Ins – sowie die mehr oder weniger verdeckte Messung technischer Daten durch Mobilfunkanbieter, andere Unternehmen und nicht zuletzt den Staat – sind dabei nur die Spitze des Statistik-Eisbergs.
Ungeachtet der Risiken, die die Offenlegung von Daten, ob gewollt oder ungewollt, mit sich bringen: Der "Quantifizierung des Ich" scheint ein Mechanismus innezuwohnen, der für viele Menschen so faszinierend ist, dass es mittlerweile eine regelrechte Flut von Angeboten gibt. Immer mehr Angebote, die es ermöglichen, alle nur erdenklichen Aspekte des eigenen Alltags aufzuzeichnen und öffentlich zugänglich zu machen. 2011 haben Smartphone-Besitzer in Deutschland 962 Millionen Apps auf ihre Mobiltelefone geladen (nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom); darunter fast jeder von ihnen soziale Anwendungen wie Facebook, die es ermöglichen, alle nur erdenklichen Aspekte des eigenen Alltags aufzuzeichnen und öffentlich zugänglich zu machen.
Die "Calory Guard"-App ist eines von zahllosen Services und Tools, das sich mit der Messung und genauen Auswertung des eigenen Essverhaltens beschäftigt. Die mathematische Ordnung derartiger Applikationen hat ihre eigene Schönheit – die amerikanische Künstlerin Mimi Chun ließ sich davon zu ihrer Arbeit "Square Meal" inspirieren. Wer statt schnöder Ernährungsoptimierung lieber die offensichtliche Ästhetik vergangener Essgenüsse archivieren möchte, nutzt Foto-Apps wie "Snap Dish", um damit Bilder der von ihm verzehrten Speisen für sich und die Nachwelt zu konservieren.
Um die Nachwirkungen dieser "Food Porn"-Exzesse wieder abzutrainieren, motiviert der höchst erfolgreiche Sportdienst "Nike Plus" durch minutiöses Aufzeichnen genauer Leistungsdaten über Zeiten und zurückgelegte Strecken beim Joggen. Wer will, kann jeden seiner Schritte mit dem Smartphone aufzeichnen, und wird dann über den Abgleich mit den Daten der Community informiert.Persönlicher geht es in Sozialen Netzwerken wie "CureTogether" oder "PatientsLikeMe" zu, die private Gesundheitsdaten und den Krankheitsverlauf tausender Patienten weltweit aggregieren. Dazu kommen Apps, mit denen man den Verlauf seiner Diabetes, Fruchtbarkeit oder Erkältung überwachen und timen kann. Im besten Fall ermöglichen diese Angebote Langzeitfolgen von Medikamenten oder den Behandlungserfolg einzelner Methoden empirisch zu überprüfen. Im schlimmsten Falle aber machen sie die feuchten Träume eines jeden Internetstalkers, Hypochonders oder auch Pharmalobbyisten wahr.
Wer mag, kann auch ein Abbild seiner Persönlichkeit ins Netz stellen, inklusive einer chronologischen "Lifeline", der eigenen "typischen Gesichtsausdrücke" und Informationen zur eigenen DNA. Der Anbieter "Lifenaut" sieht sieben Gigabyte für die gesammelten Lebensdaten eines Users vor. Wofür man das braucht? Es könnte ja sein, dass die zukünftigen Nachfahren einen irgendwann wieder ins Leben zurückzüchten können.
"23andMe" geht dazu passend gleich richtig an die menschliche Substanz. Die amerikanische Biotechnologie-Firma ermöglicht Genanalyse auch für den Hausgebrauch und schlüsselt neben potentiellen Erbkrankheiten, der Ohrenschmalzkonsistenz und der Muskelfaserqualität auch die eigene genetische Nähe zum Neandertaler auf. Seit Januar 2008 ist diese Genom-Untersuchung auch in Deutschland erhältlich und nicht unumstritten: Zum einen, weil bestimmte sensible Informationen – beispielweise über Erbkrankheiten – besser persönlich, beispielsweise durch einen Arzt, vermittelt werden, zum anderen, weil die Speicherung dieser Daten durch eine Firma Datenschutzrisiken mit sich bringt.
Diese technisch immer ausdifferenzierteren Möglichkeiten der Erkennung, Aggregation, Abgleichung und Vernetzung von Daten sind vermutlich irgendwann in der Lage, aus den Einzelfragmenten, Datenspuren und digitalen Timelines ein konsistentes Gesamtbild zusammenzusetzen. Ein virtuelles Abbild der eigenen Person, der Identität – vielleicht ja sogar ein simuliertes Bewusstsein.
Es mag hoch gegriffen sein, in den Nutzungsmustern von Social Media die Suche nach der Unsterblichkeit zu vermuten. Aber es stellt sich die Frage, ob nicht hinter dem offensichtlichen alltäglichen Nutzwert dieser Angebote, der reinen Zahlenfaszination oder Eitelkeit ein noch tieferes Bedürfnis steckt, das an den Wunsch des Fortlebens der eigenen Existenz anknüpft. Die Freude an der "Quantifizierung des Ich" beinhaltet vielleicht nicht nur, sich über Statistiken selbst erfahrbar zu machen, Kontrolle über das eigene Leben auszuüben oder Vergleiche mit dem Leben der anderen anzustellen – sondern auch, eine Bewusstseinspur aus Daten zu hinterlassen, die über den Tod hinaus fortbestehen soll. Eine Datenspur, an welche die implizite Hoffnung geknüpft ist, die menschliche Natur zu überwinden.
*Danke für die Übersetzung an de:trans.
Till Fischer (geb. 1979) ist seit 2005 geschäftsführender Gesellschafter der Netzwerkagentur F&B BERLIN. Er lebt und arbeitet in Berlin.
Foto, oben: © nicky_ / photocase.com
Foto, mitte: © ast-pb / photocase.com
Mehr zu den Digitalen Ureinwohnern auf Wikipedia
Vortrag von Mimi Chun über ihre Beschäftigung mit Food-Statistiken
Nike+-Seite
PatientsLikeMe
23andMe-Channel auf You Tube
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