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Daniel Suarez: Daemon

Reboot der Zivilisation

19.10.2012 | Werner Labisch | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Matthew Sobol ist ein hochbegabter Spiele-Designer. Die letzten Jahre seines Lebens verbringt er damit, ein ganz besonderes Computerspiel zu erschaffen, eines, das in die reale Welt hinaus wirken soll. Dieses Spiel startet mit seinem Tod und manipuliert erfolgreich Menschen, Institutionen und letztendlich gesamte Staatsgebilde. Sobol hat seinen Willen über seinen physischen Tod hinaus ausgedehnt. Teile von ihm sind unsterblich.

Daniel Suarez' Roman "Daemon" von 2006 ist ein Roman über Nerds, angefüttert mit viel Action und Tech-Sprech. Der US-Amerikaner Suarez, der vor seiner zweiten Karriere als Bestseller-Autor als Programmierer arbeitete, entwickelt in diesem Roman Voraussagen für die technologische Entwicklung, die konsequent und realitätsnah sind. Er beschreibt eine vorstellbare Zukunft, kein phantastisches Szenario.

Teuflisch gut programmiert

Schließlich befindet sich die Menschheit gerade in einer technologisch dominierten Phase, in der die gute alte Zeit immer gerade mal fünf bis zehn Jahre zurückliegt. Dass, was in dem Zukunftsroman "Daemon" beschrieben wird – und auch in dem 2010 veröffentlichten Nachfolgeband "Darknet" – ist nicht weit entfernt von unserer Wirklichkeit: schnellere und stabilere Funkdatenübertragung, höhere Bandbreiten, 3D-Drucker, ausgereifte Kampfdrohnen und effektivere Energiespeicher.

Man muss kein Nerd sein, um "Daemon" zu verstehen und zu genießen. Doch es hilft. Denn Suarez setzt seine Spezialkenntnisse aus seinem vorherigen Berufsleben reichlich ein. Diesen Tech-Sprech kann man allerdings auch querlesen, für die Handlung ist er nicht wichtig.

Sobols Spiel ist wie ein klassisches Rollenspiel aufgebaut, in dem zuerst verschiedene Charaktere erschaffen werden müssen. Das nicht gefühlsbegabte Konstrukt, der von Sobol erschaffene Daemon, ist den Menschen nicht, wie die Künstlichen Intelligenzen in vielen anderen SF-Szenarien, haushoch überlegen. Er ist lediglich teuflisch gut programmiert, in hohem Maße manipulativ und mit ausreichend Geld und anderen Ressourcen ausgestattet. Und natürlich kann er nicht moralisch empfinden.

Autor Daniel Suarez

Autor Daniel Suarez

Um in der realen Welt wirken zu können, benötigt der Daemon menschliche Mitstreiter. Diese werden nach der jeweils benötigten Eignung ausgewählt und mit Belohnungen bei der Stange gehalten, mit Anreizen wie Sicherheit, Bildung, Schutz, Geld und Macht. Es gibt auch Sanktionen: Tod, Schmerz, Machtentzug, Armut oder Gefängnis. Die menschlichen Agenten, die ihre Rolle freudig und bedingungslos erfüllen, stärken die Macht des Daemon in der realen Welt. Mehr als das: Sie sind die Manifestation des Daemon außerhalb der Bits und Bytes, in denen er sonst lebt. Die Menschen, die dem Daemon folgen, schließen sich zu einer sozialen Bewegung zusammen, deren komplette Entwicklung Suarez aber erst in dem nächsten Teil, "Darknet", entfaltet.

Maschine kontrolliert Menschheit

Suarez erfindet in "Daemon" scharfsinnig eine neuartige Art der digitalen Revolution. Er beschreibt, wie man die Empörung, die sich bei den Unzufriedenen aufstaut, nutzbar machen kann, indem man diese vernetzt und gleichzeitig manipuliert. Immer wieder gibt er einen Blick frei hinter die Kulissen von Politik und Wirtschaft, in eine engverzahnte Maschinerie aus Macht, Bürokratie und Kapitalflüssen. Der Daemon funktioniert so gut, weil er sich als der noch bessere Manipulator erweist. Er ködert die Mächtigen und Einflussreichen mit noch mehr Geld und der Aussicht auf noch mehr Macht. So gelingt Suarez eine elegante Beschreibung der brutalen Mechanismen, mit denen die Geschicke der Welt gelenkt werden.

Die Regierung, die Geheimdienste und vor allem die von ihnen eingesetzten Privatfirmen versuchen alles, um mit dieser neuartigen Bedrohung fertig zu werden. Die menschliche Hauptfigur, der Detektiv Peter Sebeck, gibt sein Bestes, um den Daemon zu bekämpfen. Aber wie soll er einer über das Internet verteilten Datei, die eine riesige Anhängerschaft hat, beikommen? Schlussendlich gerät er selbst in die Fänge des Daemon, und es bleibt ihm kein anderer Ausweg, als sich zu ergeben. Scheinbar.

Die gesellschaftliche Bewegung, die der Daemon erschafft, indem er seine Anhänger manipuliert und ihnen gleichzeitig neue Technologien und eine effiziente Art der Vernetzung gibt, ist auf den ersten Blick so unsympathisch wie lebensnah. In dem Nachfolgeband "Darknet" wird dieses Spiel fulminant weitergetrieben. Und dort zeigt sich dann, dass das, was die einen als Bedrohung ansehen, den anderen die Chance bietet, einen Neuanfang zu wagen und die bestehende Gesellschaftsordnung in Frage zu stellen.

Daniel Suarez: Daemon: Die Welt ist nur ein Spiel (Rowohlt 2010, 640 S., 9.99 €, auch als E-Book)

 

 

Werner Labisch, Jahrgang 1970, lebt in Leipzig und liest gerne Science-Fiction-Romane.

Foto, Startseite: © fult / photocase.com

Foto, Unten: © Frank Buddenbrock

 







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