Alternativweltgeschichte, auch Uchronie genannt, ist als benutzerfreundliches Sub-Genre der Science Fiction ein ideales Medium dafür, die Frage "Was wäre, wenn …?" zu stellen - und davon ausgehend alle möglichen Szenarien durchzuspielen. Alternativweltromane modifizieren historische Tatsachen und stellen damit das Machtgefüge der Gegenwart auf den Kopf.
Ausgangspunkte für den alternativen Geschichtsverlauf in diesen Texten sind historische Schlüsselbegebenheiten. Markante Schlachten oder politische Umbruchsituationen eignen sich besonders dafür – wie die Schlacht von Waterloo, der Amerikanische Bürgerkrieg, die Wiedervereinigung Deutschlands oder der Zweite Weltkrieg. Diesen wählen besonders bemerkenswerte Romane, wie Philip K. Dicks "Das Orakel vom Berge" (1962), Robert Harris' "Vaterland" (1992) oder Michael Chabons "Die Vereinigung jiddischer Polizisten" (2007). Auch Christian Krachts "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" (2008) orientiert sich daran.
Der Zweite Weltkrieg ist wie wohl keine zweite historische Begebenheit in unserem kollektiven Bewusstsein verankert. Hier anzusetzen, mit einem deutlicheren Bezug zur Realität, als ihn die oft schlicht unrealistisch wirkende klassische Science-Fiction-Literatur hat, ermöglicht auch, eine breitere Leserschaft zu erreichen. Während Philip K. Dick mit "Das Orakel vom Berge" für seine Verhältnisse wohl am meisten in den Mainstream rückt, beeindruckten Chabon und Kracht, die beide in ihren Anfängen als Popliteraten eingestuft wurden, mit ihren Alternativwelt-Romanen das Feuilleton. Robert Harris, der bis zur Veröffentlichung von "Vaterland" als Journalist und Sachbuchautor arbeitete, betrat mit seinem Romandebüt Neuland – und landete eine riesigen, in einigen Ländern umstrittenen Erfolg.
Buch im Buch
Mit "Das Orakel vom Berge" schuf der SF-Humanist Philip K. Dick seinen wohl untypischsten Roman und zugleich ein Referenzwerk für viele andere Autoren und Autorinnen. Ausgangspunkt des Buches ist die Behauptung, dass Franklin D. Roosevelt 1933 ermordet wurde – dieses Attentat hat es tatsächlich gegeben –, es also nie einen New Deal gegeben hat, der den Amerikanern aus der wirtschaftlichen Depression heraushelfen konnte. So kann die USA in Dicks Buch nicht in den Zweiten Weltkrieg eingreifen und die Achsenmächte entscheiden 1947 den Krieg für sich. Die Handlung spielt in den USA, die in eine deutsche und in eine japanische Besatzungszone aufgeteilt sind.
Viele der Romanfiguren, die in diesem totalitären, faschistischen System leben, konsultieren zur Entscheidungsfindung das I Ging. Dieses uralte chinesische "Orakelbuch" benutzte auch Dick selbst beim Abfassen von "Das Orakel vom Berge". Ein besonders subversives Stilmittel ist das von den Nazis verbotene "Buch im Buch". In diesem sogenannten "Heuschreckenbuch", dessen Titel sich wiederum auf das "Buch der Bücher" bezieht, die Bibel, wird eine Alternativwelt beschrieben, in der die Achsenmächte gegen die Alliierten verloren haben. So wie es ja auch passieren wird. Allerdings stimmen hier viele der Details nicht.
Monströses Staatsfundament
Während Dick den Kalten Krieg zwischen Deutschen und Japanern verortet, herrscht in Robert Harris "Vaterland" ein nuklearer Patt zwischen dem im Krieg siegreichen Nazideutschland und den USA. Letztere unterstützen das nicht-europäische Russland, das weiterhin einen Partisanenkrieg gegen das Deutsche Reich führt. Allerdings ist anlässlich des 75. Geburtstags von Hitler der erste Staatsbesuch John F. Kennedys angesetzt – die Haupthandlung spielt 1966. Kennedy weiß nichts von dem perfekt verschleierten Holocaust, und er darf es auch nicht wissen, um die von den Nazis angestrebte Entspannung der Beziehungen zwischen den beiden Großmächten nicht zu gefährden. Harris' Buch stellt die abnorme Frage, was hätte sein können, wenn der Holocaust perfekt vertuscht worden wäre, wie es gewesen wäre, wenn sich auf diesem monströsen Fundament langfristig ein totalitäres Regime entwickelt hätte.
Alaska auf Jiddisch
In "Die Vereinigung jiddischer Polizisten" erdenkt sich Michael Chabon eine Welt, in der die Juden in Sitka, einem vorübergehend unabhängigen Gebiet Alaskas, leben. Weil der US-Kongress 1940 dem "Alaska Settlement Plan" zustimmte, konnten sich dort circa vier Millionen Juden vor der Vernichtung durch die Nazis in Sicherheit bringen. Doch die Unabhängigkeit Sitkas wurde für nur 60 Jahre garantiert. Am Ende dieser Zeit setzt die Handlung ein. Der evangelikale Präsident der USA will Sitka seinem Land einverleiben. Außerdem glaubt er an die göttliche Billigung des "Neo-Zionismus": Die Juden sollen Israel zurückerobern.
Mit all dem im Hinterkopf findet der alkoholabhängige Inspektor Landsman das heroinsüchtige Wunderkind Mendel Shpilman, das eigentlich der neue Messias sein sollte, tot in einer miesen Absteige vor. Michael Chabons Sorge um das Israel von heute ist unmissverständlich, gekonnt spielt er aber auch mit dem Konzept der Diaspora.
Schweizer Sowjetrepublik
Wie bereits Philip K. Dicks "Das Orakel vom Berge" andeutete, wird die Geschichte von Menschen geschrieben, also über Sprache konstruiert. Der Schweizer Christian Kracht verneigt sich vor Dick, indem in seinem Roman "Ich werde hier sein in Sonnenschein und im Schatten" auch dessen verbotenes "Buch im Buch" auftaucht. Bei Kracht jedoch verstummt die Sprache, die Geschichte löst sich auf. Die Schweizer Sowjetrepublik, die Lenin im Züricher Exil einläutete, weil er seinen Zug nach Russland verpasste, befindet sich seit fast hundert Jahren im Krieg mit den Deutschen und den Briten.
Krachts Held ist Afrikaner – von Schweizern in seinem Heimatland ausgebildet. Er soll den ideologisch entgleitenden Oberst Brazhinsky finden und vor den Obersten Sowjet bringen. Dazu muss er in das Réduit, eine Felsenfestung, in der der Kommunismus zu einem in sich abgeschlossenen, sinnlosen Gebilde erstarrt ist. Brazhinsky beherrscht die sogenannte "Rauchsprache", die die Menschen festhalten und Dinge verschieben kann. Indem Kracht zeigt, wie Ideologie sich verselbstständigt, lässt er uns hinterfragen, welchen ideologischen Strömungen wir heute ausgesetzt sind. Sein Protagonist – der die Rauchsprache Brazhinskys als "Idiom des Krieges" ablehnt – wie auch ein sich auf dem Vormarsch befindendes Afrika dienen als Gegenentwurf und weisen den Weg hin zur Rückbesinnung auf das Natürliche. Was das ist, muss der Leser am Ende mit sich selbst ausmachen.
Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge (Heyne Verlag 2009,352 S., 9.95 €)
Robert Harris: Vaterland (Heyne Verlag 1994, 378 S., 8.95 €)
Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten (dtv 2009, 496 S., 9.90 €)
Christian Kracht: Ich werde hier sein in Sonnenschein und im Schatten (dtv 2010, 160 S., 8.90 €)
Matthias Wahsner lebt in Berlin. Bei seinen Recherchen zu diesem Artikel musste er feststellen, dass er das "Das Orakel vom Berge"-Exemplar mit dem hässlichsten Cover besitzt. Aber das ist ja subjektiv.
Foto: © Violess / photocase.com
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Offizielle Website zu Philip K. Dick – mit Cover-Art-Galerie zu "Das Orakel vom Berge"
Buch-Trailer zu "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" von Christian Kracht
Kommentare
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Was bisher geschah...
Erst die Fakten suchen
Neben den fiktionalen Werken sind auch die faktischen Analysen interessant. Hierzu sei auf das Buch "Wendepunkte: Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg" von Ian Kershaw verwiesen. Es sind nicht alle von kershaw angesprochenen Ereignisse in meinen Augen Wendepunkte (so z.B. die "Entscheidung" für den Holocaust, diese Sichtweise halte ich für nicht zutreffend), aber die Analyse der Anfangszeit des 2. Weltkriegs in England, die Wichtigkeit der Person Churchills und der Kampfverlauf in Dünkirchen machen klar, daß Geschichte auch ganz anders hätte verlaufen können.
Dieter | 17. Oktober 2012 09:41
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