t

"Wir leben in den Fiktionen von Idioten"

Interview mit Dietmar Dath

8.10.2012 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Journalist und Autor Dietmar Dath

Journalist und Autor Dietmar Dath

Der 42-jährige Dietmar Dath hat eine ungewöhnliche Karriere hinter sich: vom Physikstudenten zum freien Autor von Science-Fiction-Romanen über die Spex-Chefredaktion bis zur Kulturredaktion der FAZ. Sein literarisches Output ist mindestens ebenso beeindruckend: Ende diesen Jahres werden fünf Bücher von ihm in unterschiedlichen Verlagen erschienen sein, darunter mit "Der Implex" das neue kapitalismuskritische Standardwerk.

Für seinen Roman "Die Abschaffung der Arten" von 2008 erhielt Dath mit dem Kurd-Laßwitz-Preis nicht nur den wichtigsten deutschsprachigen SF-Preis, er kam damit auch auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Spätestens seitdem kommt das Feuilleton nicht mehr um ihn herum. Wenn es jemand in Deutschland gibt, der Science Fiction in den Mainstream geholt hat, dann ist er es.

Freude an Gedankenspielen

Zum Kennenlernen von Dietmar Dath eignet sich seine neueste Veröffentlichung "Kleine Polizei im Schnee" übrigens hervorragend: Die Kurzgeschichten darin, die wieder einmal die Grenzen zwischen der phantastischen Literatur und der Belletristik verwischen, machen Freude und wecken die Lust an Geschichten und Gedankenspielen. Dietmar Dath war also aus mehreren Gründen unser Lieblingskandidat für ein Gespräch über Science Fiction.

Stephanie Wurster: Lieber Dietmar Dath, wenn man ihren Namen bei Amazon eingibt, dann werden auch zahlreiche Angebote zu Darth Vader gelistet. Was verbindet Sie, außer einem unsinnigen Such-Algorithmus, mit dem Schwarzen Lord?

Dietmar Dath: Wir mögen beide keine Ewoks. Ansonsten nichts.

Wie kamen Sie mit Science Fiction in Kontakt?

Irgendwann in den späten Siebzigern, frühen Achtzigern brachte der Freund meiner Mutter, von Beruf Gelegenheitsleibwächter und Weltreisender, ein paar Perry-Rhodan-Planetenroman-Taschenbücher mit. Ich hatte gerade lesen gelernt. Ein Hit von Clark Darlton, "Sturz in die Ewigkeit", über den entkörperlichten Geist des Mutanten Ernst Ellert, der per Zeitreise die halbe Evolutionsgeschichte miterlebt, hat mich völlig verstört, geweckt und verwandelt. Bald darauf fand ich Bücher von Leuten, die noch kühner mit ihren Stoffen und vor allem auch ihrer Sprache umgehen: Harlan Ellison, Samuel R. Delany, Joanna Russ – ihr Buch "Und das Chaos starb" war prägend für alles, was ich seither selber probiert habe.

"SF behandelt Wichtigeres"

Was fasziniert Sie daran?

Dass diese Sachen wenigstens nicht, wie viel zu viel Schrott in Deutschland, vergessen haben, wozu Kunst und Literatur da sind: sich mit dem Möglichen zu befassen und mit Haltungen, die man zur Wirklichkeit haben kann, statt einfach damit, was sowieso passiert. In diesem Land glauben die zuständigen Leute ja, Literatur sei dafür da, Ehekrisen, Nazizeit, DDR, Krebs und Familiengejammer in hölzerner Sprache mit vielen falschen Imperfekt-Konstruktionen und am besten noch ohne Anführungszeichen bei der wörtlichen Rede auszubreiten. Traurig. SF behandelt Wichtigeres. Und außerdem müssen Leute, die nicht einfach was abbilden, sondern was Erfundenes glaubhaft machen wollen, sich viel mehr und interessantere Gedanken über Formen machen, mit denen das geht.

Ich habe mich erst für Science Fiction angefangen zu interessieren, als ich im Jahr 2000 Ihren Roman “Am blinden Ufer“ gelesen habe. Am meisten beeindruckt hat mich etwas, was ich als lässig und angenehm unperfekt empfand. Ist das etwas, was Science Fiction besonders gut kann – Raum für eigene Gedanken lassen?

Raum für eigene Gedanken ist immer da, wenn man ihn sich nimmt. Aber wenn man Sachen ergänzen soll, die man eh schon kennt, ergänzt man sie natürlich mit Gedanken, die man eh schon hat. Da geht man doch lieber in einem neuen Kopf herum.

"Ohne Einfälle keine Wissenschaft"

Sie haben mal Physik studiert. Bis zum Ende?

Nö. Damals hatte ich schon mit dem Schreiben angefangen, auch, um mangels reicher Eltern ein bisschen Geld zu verdienen. Das stieß dann, weil Physik von Anfang an zu Recht ziemlich verschult ist – viele Übungen –, sehr, sehr schnell an Kapazitätsgrenzen bei mir. Da bin ich dann abgehauen, was der Physik wahrscheinlich nicht geschadet hat.

Wie viel Fiktion steckt in der Wissenschaft – und umgekehrt?

Ohne Einfälle keine Wissenschaft, aber ohne Gegenprobe bleibt die schönste Idee immer bestenfalls Kunst. Was ja auch nichts Schlechtes ist. Man darf da bloß nichts durcheinanderbringen, sonst stürzt die Brücke ein oder die Patientin stirbt oder das Buch wird eine langweilige Aufzählung von Fakten.

Ist es nicht so, dass wir bereits ein Stück weit in einer fiktionalisierten Welt leben? Und zwar mehr, als wir wissen?

Gegen das Leben im Ausgedachten habe ich nichts. Es stimmt ja: Je weniger direkte Not herrscht, je weniger Hunger und Unwetter, desto mehr Zeit hat man, die Phantasie zu trainieren. Bloß stört mich, dass man so oft gezwungen ist, in etwas zu leben, das man sich nicht selber oder mit anderen ausgedacht hat, sondern das von irgendwelchen Leuten mit den entsprechenden Geld- und Machtmitteln ausgedacht und dann auch noch als Wirklichkeit und Wahrheit ausgeschildert wird. Wir leben in den Fiktionen von Idiotinnen und Idioten im siebenunddreißigsten Stock dummer Türme in Frankfurt, New York, London, Tokio, die Dreck in ihre Headsets quatschen und damit den Planeten ruinieren. Da sollte man was unternehmen, und zwar nichts Fiktives.

Was kann die deutschsprachige Science Fiction, was die anderen nicht können?

Die Deutschen können ganz gut spinnen und waren früher gern fleißig. Im Keller und auf dem Dachboden steht viel Hegel und Hölderlin, und ein paar lustige Naturphilosophen zwischen Goethe und Heisenberg hatten wir auch. Das Grübeln liegt uns – und die Abstraktion. Das sind Stärken. Aber es werden natürlich Schwächen daraus, wenn wir's nicht mit einer Öffnung nach anderswohin verbinden. Besagter Goethe hat uns das beibringen wollen, mit seinem Fachausdruck "Weltliteratur". Die ist mir lieber als "Heimatkunde".

Letzte Frage: Ist es schwer, Dietmar Dath zu sein? Wer wären Sie lieber?

Geht schon. Das, was man hat, kann man ja verbessern – das bringt mehr, als nach nebenan zu schielen.

Stephanie Wurster lebt als freie Autorin und Redakteurin in Berlin.

Foto, oben: "Dietmar Dath" / © privat

Foto, unten: © spacejunkie / photocase.com

Dietmar Dath: Kleine Polizei im Schnee (Verbrecher Verlag 2012, 280 S., 24 €)



Links

Leseprobe aus "Kleine Polizei im Schnee", dem neuen Kurzgeschichten-Buch von Dietmar Dath
Dietmar Dath erklärt Kathrin Bauerfeind seine Sicht des Kommunismus – und auch, wie Science Fiction da hineinkommt.





Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)