Science Fiction befasst sich mit dem Möglichen und mit Haltungen, die man zur Wirklichkeit haben kann, statt einfach nur damit, was sowieso schon passiert. So beschreibt Scifi-Autor Dietmar Dath im fluter-Interview die Faszination für sein Lieblingsgenre. Fernab von Unterteilungen wie "Hard SF" oder "Soft SF" steht dabei fest, dass in der Science-Fiction-Literatur die Form eine besondere Rolle spielt. Die "Literatur der kognitiven Verfremdung" ist so reich an Metaphern wie kaum ein zweites Genre. Gesellschaftlich brisante Themen wie Verdinglichung, Fremdenfeindlichkeit, Migration oder Klassenunterschiede werden als Ideen getarnt in scheinbar ferne Welten befördert und treten somit, zumindest auf den zweiten Blick, meistens noch deutlicher hervor. Deshalb lohnt es sich wirklich, einige besondere Stilmittel noch einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Viel Spaß beim Stöbern im dritten und letzten Teil unseres A-Z! Falls euch ein Begriff fehlt, dann schreibt uns und helft mit, das Alphabet auszubauen.
Die Oberfläche des Planeten Solaris in Andrei Tarkowskis gleichnamigem Film aus dem Jahr 1972 ist von einem seltsamen Ozean bedeckt, der die Gewissensbisse der Wissenschaftler, die ihn beobachten, manifestiert. Ziemlich "ballardian" kehrt sich ihr von Schuld geplagtes Innerstes nach außen. In der Verfilmung eines Romans von Stanislaw Lem ist Science Fiction kein Selbstzweck, sondern vielmehr ein technischer Kunstgriff, um eine starke Metapher für das moralische Problem der Schuld und des Umgangs damit zu erschaffen.
Linearbeschleuniger im CERN
Teilchenbeschleuniger
Teilchenbeschleuniger haben leider weder etwas mit dem Warp-Antrieb des Raumschiffs Enterprise noch mit Marty McFlys Fluxkompensator aus dem Film "Zurück in die Zukunft" (1985) zu tun, sondern sind ringförmige Versuchsanlagen, in denen atomare Teilchen mit nahezu Lichtgeschwindigkeit zum Kollidieren gebracht werden. Dabei herrschen Bedingungen vor wie bei der Entstehung des Universums – besser bekannt als Urknall. Das CERN in Genf, die Europäische Organisation für Kernforschung, ist das weltgrößte Forschungszentrum für Teilchenphysik. Mit großen Teilchenbeschleunigern wird dort nach grundlegenden Bestandteilen der Materie gesucht.
Am 24. Juni 1947 sichtete der US-amerikanische Pilot Kenneth Arnold ein Flugobjekt, dessen Bewegungsmuster er folgendermaßen beschrieb: "Die Dinger flogen wie Untertassen, wenn man sie flach übers Wasser springen lässt." Der Begriff "flying saucer" (fliegende Untertasse) war geboren. Der damalige Geheimdienst der USA übernahm zuerst den Ausdruck, ging später aber doch lieber zu "UFO" (unbekanntes Flugobjekt) über. Seitdem haben Schlüsselbegriffe wie Area 51 und Roswell Einzug in die Pop-Kultur gehalten, international operierende UFO-Religionen sind entstanden, der grenzwissenschaftliche Forschungszweig der Ufologie – und trotzdem fragen sich die meisten unter uns wohl immer noch, wer eigentlich seine Freizeit damit verbringt, Untertassen über das Wasser springen zu lassen. Heute sagt man zu allem Unerkennbaren, was da oben so herumschwirrt, übrigens "UAP" für "unidentifiziertes Luftraum-Phänomen".
Voight-Kampff-Test aus ''Blade Runner''
Voight-Kampff-Test
Das ist ein Verfahren, das es dem Kopfgeldjäger Rick Deckard in Ridley Scotts SF-Klassiker "Blade Runner" (1982) ermöglicht, flüchtige Androiden von echten Menschen zu unterscheiden. Der VKT erfasst die emotionale Reaktion der Getesteten auf Gewalt an Tieren, die auf der radioaktiv verseuchten Erde besonders wertvoll geworden sind. Vor allem aber ist der Test ein künstlicher Mechanismus, um eine Grenze zwischen Mensch und immer menschlicher werdenden Maschinen zu ziehen. Die Aufgabe des Kopfgeldjägers, der "die Andys in den Ruhestand versetzt", ist es, diese künstliche Trennlinie aufrechtzuerhalten. Im Laufe der Handlung zweifelt Deckard zunehmend an seiner eigenen Menschlichkeit.
In der Science Fiction stoßen Weltraum-Expeditionen oft auf fiese Dinge, zum Beispiel schwarze Löcher, dunkle Materie oder feindlich gesinnte Aliens. Doch vor allem die schier unbegrenzten Möglichkeiten faszinieren die Menschen immer wieder: Was ist da draußen? Gibt uns das All vielleicht Antworten auf Fragen nach unserer Herkunft oder sogar nach der Zukunft? Vielleicht können wir bald auf fremden Planeten wohnen? Daran wird gearbeitet. Unseren jetzigen Planeten haben wir ja schon etwas arg heruntergewirtschaftet.
Fremdenfeindlichkeit, also Xenophobie, manifestiert sich in vielen verschiedenen Formaten der Science Fiction als Ablehnung gegenüber anderen und Bekämpfung des Andersartigen. Aliens werden in den meisten Fällen als Eindringlinge, ja als illegale Immigranten beschrieben – beispielsweise bei "Men In Black" (1997) – und sind oft als ein Verweis auf bestehende soziale Probleme auf dem Planeten Erde zu sehen. Passenderweise werden Aliens als Verkörperung des Fremden meist hässlich oder abstoßend dargestellt: grün, glitschig, mit überzähligen Extremitäten.
Yedi-Meister Yoda aus ''Star Wars''
Yoda
In "Star Wars Episode V" warnt der schrumpelige Yedi-Meister Yoda den jungen Luke Skywalker: "Zorn. Furcht. Aggressivität. Die dunklen Seiten der Macht sind sie. Besitz ergreifen sie leicht von dir." Außerdem gibt er zu bedenken: "Ein Jedi benutzt die Macht für das Wissen zur Verteidigung. Niemals zum Angriff." Diese Unterweisungen gehen angeblich auf einen tibetischen Lama zurück, der eine ähnliche körperliche Gestalt wie Yoda gehabt haben soll. Yodas Weisheiten sind ziemlich nah dran am "Geheimen Mantra" – buddhistischen Unterweisungen der Vajrayana-Schule, die erst im 20. Jahrhundert frei zugänglich wurden und vorher nur als "geflüsterte Überlieferungen" von Meistern an ausgewählte Schüler weitergingen.
Der Urvater der Zeitmaschinen-Literatur ist wohl unumstritten der Brite H.G. Wells, der mit "The Time Machine" bereits 1895 die Referenz für alle weiteren Zeitreise-Romane erschuf. Wells namenloser Protagonist reist in das Jahr 802.701, in dem die Welt von zwei völlig gegensätzlichen Arten von Lebewesen bewohnt wird: den oberirdisch in paradiesischen Verhältnissen lebenden Eloi und den unterirdisch schuftenden Morlocks. Mit zunehmender Beobachtungsdauer wird dem Zeitreisenden klar, dass Letztere nur scheinbar die Sklaven der "Upper Class" sind und sich diese eher für ihr leibliches Wohl halten. Um das viktorianische England seiner Zeit satirisch bloßzustellen und gesellschaftskritisch zu hinterfragen, schrieb Wells somit eine der ersten Dystopien überhaupt.
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Matthias Wahsner arbeitet als Volontär bei "Redaktion und Alltag" in Berlin.
Buchcoverabbildung: "Solaris" / © List Verlag
Foto: "Linearbeschleuniger im CERN" / Florian Hirzinger - CC BY-SA 3.0
Foto: "Yedi Master Yoda - Star Wars Ausstellung in Santa Ana 2012" / © picture alliance / ZUMA PRESS
Foto: "Blade Runner" / © picture-alliance / Mary Evans Picture Library
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