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Griff nach den Sternen

Alexander Gerst ist der nächste Deutsche im All

8.10.2012 | Klaus Martin Höfer | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Geophysiker Alexander Gerst

Geophysiker Alexander Gerst

Alexander Gerst ist ein kleiner Junge. Er lebt in Künzelsau, einem Ort in Baden-Württemberg. Dort gibt es Eberhard Gienger, den Turnolympiasieger, und es gibt den Opa. Der Opa ist Funkamateur. Das ist ungewöhnlich. Telefon ist teuer, Internet gibt's noch nicht. Alexander ist neugierig, will wissen, was passiert. Nicht nur in Künzelsau, sondern auch dort, wo die Sterne sind. Opa hilft. Eine lange Antenne, ein Kabuff mit Technikgeräten, Knöpfe, Messinstrumente, ein Mikrofon. Irgendwie wuseln sich die Funkbotschaften aus Künzelsau hinaus in die weite Welt. Sogar bis zu den Menschen auf der anderen Seite der Erde. Mit denen redet Opa.

Alexanders Phantasie ist geweckt. Reden, schauen, fragen. Sich ein Bild machen, daheim in Künzelsau, vom Leben auf der anderen Seite der Erde. Das gefällt Alexander. Das ist noch nicht das Weltall, aber es ist ein Anfang. Ab und zu darf er auch ans Mikrofon, seine Stimme in Richtung Mond schicken. Sie kommt sogar zurück, zwei, drei Sekunden später. Der Mond als Spiegel, von dem Worte abprallen. Das ist spannend. "Seit ich weiß, was die Sterne sind, will ich dorthin", sagt Alexander Gerst. Es ist ein Jungen-Traum. Künzelsauer sind bodenständig. Die wissen, was geht und was nicht. Alexander Gerst war klar, bereits als Kind: "Das klappt nie." Der Jungen-Traum ist eben nur eine Phantasie. Aber eine schöne. Eine, um Abenteuer zu bestehen. Das macht Mut.

Bewerbung bei der ESA

Alexander Gerst ist Geophysiker. In einem Forschungslabor in der Antarktis. Wochenlang lebt er in der Eiswüste. In der Nähe ist ein Vulkan, der ab und zu Feuer speit. Gerst nimmt Messungen vor. Wieder so eine Situation: Vom Kraterrand in die Tiefe schauen, Daten sammeln, Wissen anhäufen. Die Erkenntnisse mit in die Zivilisation zurückbringen, in den Alltag.

Gerst ist jetzt Wissenschaftler. Aber keiner, den es im Labor oder in der Bibliothek hält. Und er denkt immer noch an seine Kindheit, an den Blick zu den Sternen. Er schreibt an die ESA, die European Space Organisation. "Ich habe mich als Astronaut beworben, weil ich mir nicht irgendwann vorwerfen wollte, ich habe meinen Traum nicht verfolgt", sagt Gerst. "Auch wenn die Chancen gering waren."

Gerst lebt mittlerweile in Hamburg. Er sitzt zu Hause am Schreibtisch und wertet die Messergebnisse aus der Antarktis für seine Doktorarbeit aus. Gerade will er Feierabend machen, noch auf ein paar Bahnen ins Hallenbad gehen. Abends um neun klingelt das Telefon. Am anderen Ende ist die ESA. Gerst hat die Auswahl bestanden. Er soll ins Weltall fliegen.

Modell der Internationalen Raumstation

Modell der Internationalen Raumstation

Sechs Monate lang auf die ISS

Alexander Gerst ist jetzt Astronaut. Er und die anderen sind eine Elite, sie kommen aus der ganzen Welt. Gerst wird bald mit einem Amerikaner und einem Russen zusammen ins All starten, vom Raketenzentrum Baikonur in Kasachstan. Im Mai 2014 fliegen sie für eine sechsmonatige Mission zur Internationalen Raumstation ISS. Gerst hat extra Russisch gelernt. "Einfach war das nicht", sagt er.

Er ist sportlich, gesund, und er hat eine anständige wissenschaftliche Ausbildung. Aber genommen haben sie ihn wohl auch wegen seiner Antarktiserfahrung, glaubt er. Extremsituationen meistern, mit anderen auf engstem Raum auskommen. Gerst kann gut mit Menschen, ist ein Teamarbeiter, ein Kommunikator. Sie haben das trotzdem noch mal getestet, später, als er schon längst im Astronauten-Training war. Fünf Tage verbrachte er mit den beiden Kollegen aus den USA und aus Russland, ganz ohne Proviant. Sie mussten sich selbst Nahrung suchen – Beeren, Gräser, Blätter. "Da erfährt man, wie man auf andere wirkt, und lernt viel über sich selbst."

Notfallszenarien üben

Früher haben sie Testpiloten zu Astronauten gemacht. Weil die gut mit Technik können und ihnen Raketen und Raumkapseln am ehesten anvertraut wurden. Und Familienväter. Weil die angeblich verantwortlicher entscheiden. Zu Hause wartet ja jemand. Gerst ist keins von beiden. Leichtsinnig ist er trotzdem nicht. Ganz im Gegenteil. Über Möglichkeiten nachdenken, Notfälle durchspielen, nicht nur einen Plan B, sondern gleich noch vier weitere Alternativen haben – das ist Astronauten-Denke. Gerst mag das. Dazu gehören Übungen, wenn alle Pläne danebengehen und nur noch der Notausstieg bleibt: in zwei Minuten in den Raumanzug geschlüpft sein, in sieben Minuten in der Sojus-Rettungskapsel verschwinden, sich von der Raumstation absprengen, um in einer knappen Stunde wieder auf der Erde zu sein.

Gerst freut sich auf die wissenschaftlichen Experimente. Dabei wird er auch selbst zum Versuchskaninchen werden, sich die Gehirnströme messen lassen, während er an einem Computerbildschirm Fragen beantwortet und Zuordnungstests zur räumlichen Orientierung macht. Am Boden und während des Weltraumfluges. In dieser Zeit wird sich sein Gehirn verändern, denn in der Schwerelosigkeit verliert es den Gleichgewichtssinn. Andere Regionen im Hirn übernehmen die Aufgabe. Nach einigen Tagen an Bord können sich die Astronauten dann wieder orientieren.

Hirmstrom-Messung bei einem Experiment

Hirmstrom-Messung bei einem Experiment

Die Gehirnströme zeigen an, welche Teile von Gersts Gehirn aktiv sind, wie sich die Aktivitäten in den Hirnregionen bei den unterschiedlichen Denksportaufgaben verschieben. Finden die Forscher heraus, wie das Gehirn Aufgaben neu zuordnet, lassen sich bessere Therapien für Schlaganfallopfer entwickeln. Denn denen geht es ähnlich: Teile des Gehirns funktionieren nicht mehr, andere Bereiche könnten mit den Erkenntnissen aus dem Weltraum besser trainiert werden, deren Arbeit zu übernehmen.

Gerst freut sich auf die Kollegen. Auf die Arbeit, den Blick aus dem Panorama-Ausguck auf die Erde. Man kann von dort aus sehen, wie dünn die Atmosphäre ist, so zerbrechlich, so schutzbedürftig. Das haben die anderen berichtet, die Astronauten, die schon da draußen waren.

Nachgestellt wird der Blick schon mal im Trainingszentrum der Astronauten. Da sind Teile der Raumstation aufgebaut, die russische Kapsel, mit der sich die Astronauten andocken und sich später wieder wegsprengen. Wenn nichts dazwischen kommt. Das ist nicht sicher. Deswegen üben Gerst und die Kollegen monatelang, jahrelang, ziehen so ziemlich jede Möglichkeit in Betracht, müssen wissen, an welcher Stelle welches Arbeitsgerät verpackt ist, wo die Schraubenzieher sind, wo die Minilabors. Wo die Spritzen für den medizinischen Notfall verstaut sind.

Ein neuer Traum: der Mars

Es sind hunderte Kisten, alle genau beschriftet, alle haben sie einen festen Platz in den verschlossenen Regalfächern, die um die in der Schwerelosigkeit schwebenden Astronauten herum angeordnet sind. Oben und unten gibt es nicht im All, das muss erst mal bestimmt werden. Wenn man zum vorderen Teil des Raumschiffes schaut, ergeben sich die anderen Richtungen: "overhead" wie oben, "deck" für unten und "starboard" wie Steuerbord. Auf Englisch hört sich das romantischer an. Starboard – da, wo die Sterne sind. Auch wenn das von der Wortherkunft nicht ganz richtig ist.

Alexander Gerst hat einen neuen Traum: den Mars. "Es gibt keinen Astronauten, der da nicht hinwill", sagt er. Auch wenn der Flug ein ganzes Jahr dauern sollte. Wenn's denn überhaupt auch ein Ticket nach Hause gibt. "Menschen sind Entdecker – die wollen irgendwo hin und zurückkommen und berichten, was sie erlebt haben", sagt er.

Doch erst einmal geht es 2014 zur Internationalen Raumstation in die Erdumlaufbahn. Vielleicht sogar früher. Einsatzbereit müssen Gerst und seine beiden Kollegen bereits ein halbes Jahr vorher sein, falls ein Team ausfällt. An Bord gibt es auch Amateurfunk. Schulklassen haben sich bereits mit ihren Funk-AGs beim Raumschiff angemeldet. Und auch die Amateurfunker aus Opas altem Verein hoffen auf einen Small-Talk mit Alexander. "Darauf freue ich mich schon", sagt er. Amateurfunken wie damals als Kind in Künzelsau, obwohl es heute Satellitentelefon und Internet gibt. Und Twitter. Da ist Gerst übrigens auch unterwegs, als Astro-Alex.

Klaus Martin Höfer beschäftigt sich als Journalist mit Bildungs-, Kultur- und Wissenschaftsthemen. Er schreibt für Onlinemedien und berichtet für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

alle Fotos: © Klaus Martin Höfer

Foto, oben: Alexander Gerst, der nächste deutsche Astronaut, mit einem Arm in einem Vakuum-Minilabor. Dort werden Experimente mit Materialien durchgeführt, die nicht in Innere des Raumschiffs dringen sollen oder die nicht durch die Raumatmosphäre verunreinigt werden dürfen.

Foto, mitte: Ein Modell der Internationalen Raumstation hängt am Dach der Eingangshalle der European Space Administration in Köln

Foto, unten: Hirmstrom-Messung bei einem Experiment, das Schlaganfallopfern helfen soll: Gerst löst am Computer Zuordnungsaufgaben. Das Gehirn verliert seinen Orientierungssinn in der Schwerelosigkeit; Funktionen werden von anderen Stellen im Gehirn übernommen. Dies ist ähnlich wie bei Schlaganfallopfern. Wie das Gehirn Funktionen neu zuordnet, muss noch genau erforscht werden. Die Ergebnisse können zu besseren Therapien für die Patienten führen.



Links

ESA, die European Space Agency
Mehr über Baikonur, den Ort in Kasachstan, von dem aus Alexander Gerst zur ISS starten wird
Planet 3 ist die Homepage von Alexander Gerst (mit tollen Fotos von der Antarktis).





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