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Mensch 2.0

Science Fiction, die Realität ist

3.10.2012 | Oliver Kaever | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Prof. Dr. Alexander Kluge

Prof. Dr. Alexander Kluge

Künstliche Intelligenz, Robotik, Biotechnologie – diese Begriffe prägen die nahe Zukunft und auch das Jetzt. Aus Industrieprozessen sind Roboter nicht mehr wegzudenken, in Zukunft sollen sie Menschen den Haushalt führen und sie im Alter pflegen. Wann künstliche Intelligenz die ihrer Schöpfer übersteigt, ist nur eine Frage der Zeit. Der Denker und Filmemacher Alexander Kluge und sein Co-Autor Basil Gelpke widmen sich in ihrem filmischen und dokumentarischen Essay "Mensch 2.0" diesem Thema. Ein Zusammenschnitt läuft im Rahmen des Filmfestivals "überall dabei" von Aktion Mensch noch bis zum 8. Mai 2013 in 40 Städten. Die 12-stündige Langfassung ist auf DVD hier erhältlich.

Oliver Kaever: Was hat Sie am Thema Robotik und Biotechnologie interessiert?

Alexander Kluge: Den Ausschlag zu der Auseinandersetzung gaben neue Forschungsarbeiten, aber auch die Existenz des Internet, das ja nichts anderes ist als eine Form von künstlicher Intelligenz. Uns haben die evolutionären Prozesse des Menschen im 21. Jahrhundert fasziniert. Wir selbst sind aus dieser Evolution entstanden, stehen also nicht über ihr, und sollten uns dessen in Anbetracht der zukünftigen technischen Entwicklung bewusst sein.

Ihr Film ist angelegt wie ein Dialog.

So konnten wir dem Thema am besten gerecht werden. Basil Gelpke porträtiert eine Vielzahl von Forschern und ihre Projekte; die meisten sind kluge Menschen, einige aber auch ziemlich verrückt. Meine Aufgabe dagegen ist es, die Verwurzelung unserer Intelligenz in den letzten 500 Millionen Jahren zu beschreiben und so das Selbstvertrauen zu befestigen, das wir auch angesichts künstlicher Intelligenz haben sollten. Hans Magnus Enzensberger etwa sagt im Film an einer Stelle, wir hätten nicht nur 5 Sinne, sondern 24. Die Sinnlichkeit des Habenwollens zum Beispiel kommt ja nicht nur an der Börse vor, sondern auch in Liebesverhältnissen. Wir Menschen sind also reich an Sinnlichkeit.

Gleichzeitig zeigen Sie die Zerbrechlichkeit des Menschen.

Wenn Helge Schneider als deutscher Wehrmachtsoldat rohe Eier durch amerikanisches Artilleriefeuer trägt, dann ist das als Symbol zu verstehen für die Zerbrechlichkeit der menschlichen Knochen.

Da kann einem angesichts der Überlegenheit zukünftiger Roboter Angst und Bange werden.

Filmautor Basil Gelpke mit einem Telenoid

Filmautor Basil Gelpke mit einem Telenoid

Mein Anliegen ist, dass man sich da nicht fürchten muss, gerade wenn diese Roboter nicht aussehen wie süße Babies oder ein niedlicher Hund, sondern ihre eigene Physiognomie haben. Es gibt Mini-Roboter, die aussehen wie kleine Scheibchen, die reinigen Kläranlagen von innen. Da würden Menschenhände nicht hinreichen. Diese kleinen Wesen sind unsere Vetter, schließlich haben wir sie geschaffen. Da wünsche ich mir, dass einer dieser kleinen Kerle eine gewisse Widerborstigkeit entwickelt und die Menschenrechte verlangt.

Trotzdem beschleicht den Zuschauer beim Anblick einiger Androiden ein merkwürdiges Grauen.

Das ist wohl vor allem bei den Robotern so, die nach dem Menschen gestaltet sind und eine merkwürdige Kunsthaut haben. Die sehen aus wie du und ich und doch ganz fremdartig. Gerade diese Kreaturen sind aber am weitesten von dem entfernt, was Roboter eigentlich können.

Rührt unser Unwohlsein vielleicht auch daher, dass wir seit Jahrzehnten von Science Fiction geprägt werden? Gerade die Robotik gehörte bisher ja, außerhalb der industriellen Fertigung zumindest, dem Reich der Fiktion an. Jetzt plötzlich treten sie dort heraus und in unsere Welt ein.

Unwohlsein, dem stimme ich zu. Der Schriftsteller Isaac Asimov war es, der den Begriff "Roboter" überhaupt erst populär machte – und der in seinen literarischen Werken freundlich mit ihnen umgeht.

Mögen Sie Science Fiction eigentlich?

Damit können Sie mich begeistern. Ich habe ja selbst zwei Science-Fiction-Filme gedreht mit "Der große Verhau", 1969/70, und "Willi Tobler und der Untergang der 6. Armee" von 1971. Ganz sicher war das auch einer der Gründe, warum ich mich mit Robotern auseinandersetze.

In apokalyptischen Zukunftsvisionen wie "Terminator" oder "2001 - Odyssee im Weltraum" ist die menschliche Erfahrung mit Maschinenwesen nicht gerade ein angenehme …

Aber es gibt genauso viele Gegenbeispiele, zum Beispiel "Solaris". Science-Fiction-Roboter werden nicht grundlegend kaltherzig oder machtgierig dargestellt. Was sie ja auch nicht sind. Ich empfinde sie als gesellig und damit als emotional. Zwischen Robotern kann ohne weiteres eine Art Plattform entstehen. Damit ähneln sie uns Menschen, auch wenn sie bestimmte heuristische Methoden, die uns zur Verfügung stehen, niemals werden anwenden können. Wir sind im Dschungel groß geworden, sie im Labor.

Insofern ist der Titel des Films – "Mensch 2.0“ – durchaus positiv zu verstehen, Sie betonen damit den Fortschrittsgedanken.

Wir können aus der künstlichen Intelligenz etwas machen oder auch nicht. Wir müssen eine Haltung dazu finden. Es kommt darauf an, wie wir sie benutzen. Unser Film soll als Klettergerüst dienen. Es geht nicht darum, beide Positionen gegeneinander auszuspielen, sondern darum zu verstehen, dass es zwei Formen von Intelligenz gibt.

Im Verlauf des Films landen wir bei Themen, die unser Vorstellungsvermögen sprengen: Lebensverlängerung bis zur Unsterblichkeit, die Auslagerung unseres Bewusstseins in einen Androiden. Brauchen wir angesichts dieser Dimensionen eine neue Definition dessen, was wir als menschlich erachten?

Wir brauchen auf jeden Fall klare Verhältnisse. Wir können aus künftigen, hochentwickelten Robotern keine Arbeitssklaven machen. Der chinesische Philosoph Wang Hui sagt: Es gibt eine Gleichberechtigung aller Dinge. Wenn wir also den Dingen Respekt erweisen, dann werden sie sich mit uns vertragen. Knechten wir sie, wird die Tücke des Objekts uns umbringen.

Oliver Kaever ist Filmjournalist in Hamburg.

Fotos: EYZ Media, © Aktion Mensch / © Markus Kirchgessner




Links

Auf der Website des Regisseurs und Autors mehr zum Schaffen von Alexander Kluge

Und hier mehr Informationen zum Filmprojekt Mensch 2.0





Kommentare

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Was bisher geschah...

Robotik

Ich kann da nur an Jeremy Riffkin erinnern. Das Ende der Arbeit.

Martin Cremer | 5. Oktober 2012   23:45

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