Annelie Wendeberg
Schon als Kind wusste Annelie Wendeberg, dass sie später mal “was mit Biologie“ machen wollte. Heute arbeitet die 38-Jährige als Mikrobiologin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. In ihren zwei Blogs, unter anderen für die Leipziger Volkszeitung, bloggt sie über Mikroorganismen und “Wissenschaft, echtes Leben und Fiktion“. Vor kurzem hat Wendeberg ihren ersten Roman veröffentlicht, “The Devil’s Grin“, einen historischen Mikrobiologie-Thriller. Wenn sie neben Job und Familie noch Zeit findet, arbeitet Wendeberg auch als Beraterin von Science Fiction-Autoren und -Filmemachern.
Ellen Köhrer: Frau Wendeberg, gibt es in den Naturwissenschaften absolute Wahrheiten?
Annelie Wendeberg: (lacht) Das hängt vom Blickwinkel ab. Ich glaube, die absolute Wahrheit gibt es relativ selten. Wir denken, weil wir in der “modernen“ Zeit leben und Fortschritte in der Forschung gemacht haben, dass wir wissen, wie alles funktioniert. Vor 50 Jahren waren Wissenschaftler zum Beispiel völlig davon überzeugt, dass es kaum Mikroorganismen in den Ozeanen gibt und dass Mikroben in diesen Ökosystemen kaum eine Rolle spielen. Heute weiß man, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Mikroben treiben die biogeochemischen Zyklen der Erde an. In 100 Jahren wird unser Blickwinkel wieder ein anderer sein, weil wir wiederum mehr gelernt haben werden.
Wissenschaft wird zu einem großen Teil von der Wirtschaft finanziert. Wie groß ist der Einfluss der Wirtschaft auf die Forschungsergebnisse?
Wenn du ein Forschungsprojekt bearbeiten möchtest, brauchst du Geld dafür. Das gilt für jeden Forschungsbereich, egal ob Krebsforschung oder Umweltforschung. Das Geld kommt zum Beispiel von der Wirtschaft, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder von der Europäischen Union. Wenn man in der Umweltforschung arbeitet, ist klar, dass das Thema Klimawandel aktuell ist, also gibt es dafür Forschungsgelder. Das ist notwendig und gut so. Doch es wird meiner Meinung nach immer weniger aus der Schönheit der Neugierde heraus geforscht. Die Gefahr besteht, dass man einen Tunnelblick bekommt. Als Forscher entdeckt man oft die spannendsten und neuesten Sachen aus Versehen und nicht deshalb, weil man gerade danach sucht.
Sind Wissenschaftler durch die enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft heute mehr als früher an der Lebenswirklichkeit der Menschen dran?
Bakterien bei der Übertragung von genetischem Material
Das hängt vom Forschungsbereich ab. Wir Umweltforscher wollen, dass unsere Forschungsergebnisse von der Allgemeinheit verstanden werden. Aber ich finde, dass Forscher, egal welcher Disziplin, lernen müssen, sich so auszudrücken, dass man sie versteht. Phänomene wie die Vogelgrippe und den Klimawandel muss man ordentlich kommunizieren können, sonst kann ja keiner was dagegen unternehmen. Die Forschungsergebnisse möchte man ja nicht nur den eigenen Kollegen verständlich machen, sondern allen, die es betrifft.
Am Beginn jedes Forschungsvorhabens steht ja meist eine kühne Hypothese. Ist es nicht frustrierend, wenn diese dann am Ende widerlegt ist, wenn die These scheitert?
Das ist ja gerade das Spannende daran. Wir Umweltmikrobiologen gehen oft mit einer spezifischen Frage in ein Projekt. Aber oft kommt am Ende dann doch was anderes heraus. Es kommt vor, dass ich zwar meine Anfangsfrage beantworten kann, dass sich aber im Laufe meiner Forschung dann viele neue Fragen stellen, die auch total interessant sind. Hypothesen, die man vorher hatte, werden allerdings meist widerlegt.
Was gefällt Ihnen an der Mikrobiologie?
Wenn kein höheres Leben mehr auf der Erde möglich ist, dann sind die Mikroorganismen die Letzten, die noch glücklich vor sich hin wachsen. Die können sich an extremste Bedingungen anpassen. Sie haben die Kommunikation erfunden. Sie können sich organisieren, haben gelernt, wie man sich anpasst und überlebt, indem sie ihre eigenen, chemischen “Waffen“ entwickelt haben – also Antibiotika.
Wir erleben gerade einen populärwissenschaftlichen Boom der Naturwissenschaften. Wie kommt das bloß?
Astrophysiker Stephen W. Hawking
Woran das liegt? Mein Hauptverdächtiger ist Google. Aber was soll schlecht daran sein? Ich finde es toll, wenn sich Leute für meine Forschung oder Wissenschaft im Allgemeinen interessieren. Noch toller finde ich es, wenn sich Forscher so ausdrücken können, dass auch ein Kindergartenkind sie versteht. Leider ist das eher selten so. Wir brauchen eigentlich mehr Menschen wie Stephen Hawking. Der Mann hat praktisch das ganze Universum im Kopf und kann es so einfach und wunderschön beschreiben, dass es auch wirklich jeder kapiert. Eigentlich braucht die Umweltmikrobiologie genau so was. Denn wenn ich in den Supermarkt gehe und “Bakterie“ sage, denken alle, ich meine irgendeinen Krankheiterreger. Wer weiß denn schon, dass Leben auf der Erde ohne Mikroorganismen völlig unmöglich ist? Man kann ja nicht mal seine Nahrung ohne die kleinen Dinger verdauen.
Sie beraten auch Science Fiction-Autoren und -Filmemacher. Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?
Ich arbeite gerade mit einem neuseeländischen Science Fiction-Autor zusammen. In dem Plot geht es um Nanobots, Miniaturroboter, die in die Zellen von Menschen eindringen und ihr genetisches Material umprogrammieren können, damit der physische und psychische Schock bei Reisen zwischen den Welten nicht zu einer Gefahr wird. Die Zusammenarbeit mit diesem Autor ist total spannend, wir diskutieren seine Ideen und schauen, ob die wissenschaftlich überhaupt Sinn machen. Ich kann ihm Ideen liefern, die auf echten, brandneuen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Wir basteln uns zurzeit halb-wissenschaftliche Miniroboter, die was können – was noch keiner im Science Fiction-Genre gemacht hat.
Es geht dabei aber nicht darum, dass alles korrekt ist. Ich versuche, mit dem Autor einen guten Kompromiss zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu finden. Aber das ist bei jedem Projekt verschieden; oft braucht man die “echte“ Wissenschaft gar nicht. Ich bewundere Autoren wie Joanne K. Rowling, die eine ganze Hogwarts-Schule mit all ihren Winkeln und geheimen Kammern in ihrem Kopf hat. Am Ende zählt ja, ob man als Autor oder Filmemacher eine gute Illusion produzieren konnte. Allerdings sind die Science Fiction-Fans da heute anspruchsvoller als früher: Die wollen halbwegs korrekte Wissenschaft mit eindrucksvoller Fiktion verbunden sehen. Mir macht es sehr viel Spaß, Science Fiction von beiden Seiten zu sehen – aus der Perspektive des Autors und der des Wissenschaftlers.
In Ihrem englischsprachigen Blog sciencezest schreiben Sie: ”This is a blog, I write about science, real life, and fiction …“ Was also verstehen Sie unter Fiktion?
Alles was meiner Phantasie entspringt, ist Fiktion. Die Wissenschaft kann die Fiktion befruchten; eigentlich sollte sich jeder Science Fiction-Autor oder -Filmemacher einen Wissenschaftler anlachen. Ich glaube, alle Wissenschaftler, die ich kenne, sind irgendwie auch Science Fiction-Fans. Wir brauchen ja eine gehörige Portion Vorstellungskraft für unseren Job. Wie sollten wir uns sonst vorstellen können, was es noch alles zu entdecken und zu erforschen gibt?
Ellen Köhrer schreibt und fotografiert für Tageszeitungen, Magazine und Online-Medien.
Foto, Oben: © Magnus Wendeberg
Fotos, Mitte u. Unten: © picture-alliance / OKAPIA KG, Germany
sciencezest ist der englischsprachige Wissenschaftsblog von Annelie Wendeberg.
Annelie Wendebergs Blog für die Leipziger Volkszeitung, der Microblog
Mehr zu Annelie Wendebergs viktorianischem Kriminalroman
Kommentare
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Was bisher geschah...
Neuseeländischer Autor
Hi Tobi, der gute Mann heisst David Reynolds und sein Werk ist noch in der Revision. Ich weiss nicht genau, wann es veröffentlicht wird. Tschüß Annelie
Annelie | 22. November 2012 13:38
SciFi
Kann man uns den Namen des "neuseeländischen Science Fiction-Autor[s]" nennen? - Oder wenigstens das Werk? würde sehr gerne mehr darüber erfahren.
Tobi | 6. November 2012 22:18
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