Tötet 20 Wildschweine!

Ein Rollenspieler erzählt von seinen zwei Welten

20.10.2012 | Protokoll: Nina Aleric | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Mit Cornelius, einem 20-jährigen Soziologie-Studenten aus Chemnitz, bin ich für ein Gespräch verabredet. Er soll mir erzählen, wie sein Leben als Rollenspieler aussieht – ein Leben, in dem Cornelius eine virtuelle Persönlichkeit hat, einen Avatar. "Lade dir mal bitte TeamSpeak herunter, da treiben sich eh alle üblichen Verdächtigen rum", schlägt er vor. TeamSpeak ist eine Sprachkonferenzsoftware, über die sich Zocker wie der leidenschaftliche MMORPG-Spieler Cornelius vernetzen. Na gut. Ach so, MMORPG heißt "Massively Multiplayer Online Roleplaying Game", Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiel. Dies ist nicht das letzte Wort, das Cornelius mir erklären muss.

An sich stehe ich nicht so auf diese ganze Fantasy-Sache – Filme oder so. Um ein Fantasy-Buch zu lesen, ist mir die Zeit zu schade. Das klingt jetzt ein bisschen paradox aus dem Mund von jemandem, der täglich eine Stunde zockt: Aber meine Fantasy-Vorliebe ist wirklich auf das Zocken beschränkt.

Alleine und doch nicht einsam

Mit 14 Jahren hatte ich eine Mandel-OP und plötzlich ganz viel Zeit, weil ich nicht zur Schule gehen und keinen Sport machen konnte. Also habe ich mir eine Beschäftigung gesucht, die viel Zeit in Anspruch nimmt und die ich alleine durchführen konnte. Als ich nach kostenlosen Spielen im Internet suchte, stieß ich auf ein MMO. Das bedeutet "Massively Multiplayer Online Game" und ist ein Spiel, bei dem man mit Tausenden oder, wie bei World of Warcraft (WoW), mit Millionen anderen Spielern spielt und in die Rolle eines Kriegers oder Zauberers schlüpft. Ich fand das ziemlich cool. Da habe ich mit der ganzen Geschichte angefangen.

Mein erstes Spiel war Last Chaos. Das läuft so ab, dass du am Anfang in dieser Stadt auf den Schmied oder auf den Bürgermeister triffst. Die sind sogenannte NPCs, also "Non Player Characters". Der gibt dir dann eine Quest, also eine Aufgabe, die du erfüllen sollst. Ich hatte keine Ahnung, wie das läuft. Also habe ich mich auf einen zentralen Marktplatz gestellt und angefangen, Fragen zu stellen. Da fragte einer: "Du bist wohl neu hier, brauchst du eine Gilde?"

Kulturschock in der Parallelwelt

Eine Gilde ist eine große Gruppe von Spielern, die von einem Gildenleiter gemanaged wird. Dadurch wird auch sichergestellt, dass Leute, die neu ins Spiel kommen, eine Community haben, die ihnen sagt, wie was gemacht werden muss. In dem Gildenchat kann man einfach seine Fragen stellen, über Sprachvorrichtungen wie TeamSpeak oder Skype. Anders kann das Ganze gar nicht funktionieren. Man eignet sich auch irgendwann den Spielerjargon an. Zu meinen besten Zockerzeiten wäre ein Außenstehender neben mir direkt eingeschlafen, weil er nichts verstanden hätte.

Die Welten sind sehr unterschiedlich. Bei WoW sind es comichafte Wüsten- oder Moorlandschaften. Bei Dekaron geht es mehr in die Fantasy-Richtung, mit alten Tempeln und so. Und bei League of Legends gibt es ein quadratisches Schlachtfeld, das immer gleich aussieht.

Da es vordergründig um die Strategie geht, sind in den Spielen keine abgetrennten Körperteile und kein Blut zu sehen. Sie sind also auch für Zwölfjährige geeignet – wenn man davon absieht, dass manche Kreaturen rauchen. Es geht eher darum, eine Beziehung zu den Mitspielern aufzubauen, die schließlich alle reale Personen sind.

Virtuelle Krieger, echte Freunde

Irgendwann lernt man sich besser kennen. Bei mir war der Gildenleader der Typ, mit dem ich mich das erste Mal ausführlicher unterhalten habe. Der war damals doppelt so alt wie ich und hatte schon Familie. Im Spiel war er ein absoluter Stratege, ein total abgeklärter Typ. Ein Bogenschütze. Und dann siehst du Fotos von ihm, wie er mit seinen Kindern in der Realität SingStar spielt. Man hat ja doch ein Bild von jemandem im Kopf. In 50 Prozent der Fälle wird das aber über den Haufen geworfen.

In der gleichen Gilde habe ich dann Sebastian kennengelernt, mit dem ich auch heute noch guten Kontakt habe. Wir waren im Spiel oft miteinander unterwegs. Während einfacher Quests, wie etwa "Tötet 20 Wildschweine!", haben wir über alles Mögliche geredet. Seine beiden Kumpels kenne ich auch. Die wohnen alle drei in Stuttgart. Ich würde schon sagen, dass wir mittlerweile gute Freunde geworden sind. Vor einem halben Jahr sind sie spontan nach Chemnitz gefahren und haben mich besucht. Wir wollen uns bald mal wieder treffen.

Mit der Kriegsaxt in die S-Bahn?

Die Leute sind eigentlich ganz normal, so wie mein Mitbewohner und bester Freund Flo und ich auch. Wir studieren nebenbei Soziologie. Besser gesagt, zocken wir nebenbei. Ich mache ziemlich viel Sport, und er spielt viel Gitarre. Wir bedienen also nicht das Klischee der sozial inkompetenten Zocker. Ab und zu reden wir auch mal aus Spaß im Spielerjargon. Aber sonst ist alles normal. Wenn wir spielen, dann geht allerdings jeder in sein Zimmer und man trifft sich virtuell.

Es ist cool, mal eine andere Rolle in einer anderen Welt einzunehmen. Es unterscheidet sich ja wirklich komplett von dem, was in der realen Welt passiert. Wenn ich mit einem Lederharnisch und einer Kriegsaxt in der Hand in die S-Bahn steigen würde, würde ich wahrscheinlich schräg angeguckt werden. Und relativ schnell in U-Haft sitzen. Im Spiel ist das normal. Dort kann man auch schnell großes Ansehen erlangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in einem Computerspiel durch die Straßen laufe und alle sagen: "Oh krass, das ist ja der und der!", die ist höher, als wenn ich im realen Leben durch die Straßen laufe und alle Leute sagen: "Das ist der Cornelius, den kenn ich!"

Das macht die ganze Sache auch so suchtgefährdend: der Ruhm und die Tatsache, dass der Aufstieg so leicht vorangeht. Im realen Leben wäre das ziemlich anstrengend. Im Spiel nicht, weil es eine gewisse Anonymität gibt, die die ganze Sache ein wenig entschärft.

Foto oben: Privat

Foto unten: © Blizzard Entertainment







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