Rhabarberkuchen von Mutti

“Hotel Mama“ – bequemes Nest oder Krisenherd?

6.10.2012 | | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Der wohnt doch noch im 'Hotel Mama'!", heißt es, wenn junge Erwachsene bis Mitte zwanzig und länger zu Hause bei ihren Eltern wohnen bleiben. Dabei liegen die Nesthocker voll im Trend; das bequeme Elternhaus wird immer später verlassen. Drei von zehn jungen Erwachsenen wohnen in Deutschland mit 25 Jahren noch im Elternhaus. Es gibt aber auch viele Jugendliche, die es zu Hause nicht mehr aushalten; sie wollen so schnell wie möglich ausziehen. Von ihren unterschiedlichen Wohnsituationen berichten Tobias, Katrin und Tereza.

Tobias Seidel aus Hessen lebt trotz seiner 24 Jahre und seines eigenen Einkommens noch bei seinen Eltern. Für Tobias kam ein Auszug bisher nie in Frage, genau wie für seinen Bruder, der erst mit 26 Jahren von zu Hause fort ging. Da er sich nach seinem Abitur für eine Ausbildung zum Sozialfachangestellten entschied, hätte er sich eine eigene Wohnung leisten können. Aber ein Umzug innerhalb einer Stadt, das wäre ja "total irrsinnig", findet Tobias.

Warum auch? Das Einfamilienhaus mit grünem Vorgarten und eigener Etage für Tobias ist sehr einladend. Zur Begrüßung gibt es erst mal ein Stück Rhabarberkuchen. Selbst gebacken – von der Mutter. Und Mama kocht und backt nicht nur, sondern wäscht, bügelt und putzt. Manchmal räumt sie sogar für Tobias auf. "Das kann ich eigentlich alleine", verteidigt er sich. Dass seine Mutter die Wäsche für ihn erledigt, findet er aber gut: "Ich weiß gar nicht, wie das geht. Welche Wäsche zusammenkommt." Obwohl Mama Seidel sich oft beschwert, dass die Männer im Haushalt nicht helfen, ändert sich an der Rollenverteilung nichts.

Wie lange Tobias noch im "Hotel Mama" wohnen wird, entscheidet der Ort des Studiums, das er im Oktober beginnen wird. Beworben hat er sich jedoch hauptsächlich an hessischen Universitäten, die nicht mehr als zwei Stunden von zu Hause entfernt sind.

Nach den eigenen Regeln leben

Die selbstbewusste IT-Beraterin Katrin Becker (27), ebenfalls aus Hessen, zog bereits mit 19 Jahren aus, zwei Monate nach dem Abitur. Tobias' Haltung kann sie nicht nachvollziehen: "Auf eigenen Beinen zu stehen, ist eine sehr wichtige Erfahrung."

Bereits mit 17 Jahren sehnte sie den Auszug herbei; zu Hause kam es immer öfter zum Streit. Die Eltern seien ihr irgendwann zu anstrengend und zu fürsorglich gewesen. Was für Tobias weniger ein Problem war, entwickelte sich bei Familie Becker schnell zum Konflikt und musste zwangsläufig eskalieren. "Meine Mutter und ich haben uns irgendwann im Treppenhaus angebrüllt. Und dann habe ich mir eine eigene Wohnung gesucht." Sie zog für ein duales Wirtschaftsinformatik-Studium nach Mannheim. Das Geld sei anfangs sehr knapp gewesen; Katrin hatte keine Ersparnisse. Aber ihre Oma unterstützte sie, sooft es notwendig war.

Mittlerweile wohnt Katrin in München und weiß, dass die Abnabelung von ihren Eltern sehr wichtig für die Entwicklung beider Seiten war: "Wenn man nicht auszieht, dann raffen die Eltern nicht, dass man erwachsen ist. Seit wir Distanz haben, verstehen wir uns wieder super. Ich kann mein Leben so gestalten, wie ich möchte, ohne mich den Regeln meiner Mutter zu unterwerfen." Inzwischen ist sie auch, entgegen den Vorstellungen ihrer Eltern, stolze Hundebesitzerin.

Kaffeetrinken statt Küchendienst

Auch die 26-jährige Tereza aus Brno in Tschechien hat den Sprung in die Eigenständigkeit geschafft. Sie ist vor wenigen Monaten aus dem Elternhaus zu ihrem Freund gezogen und arbeitet, seitdem sie ihr Wirtschaftsstudium beendet hat, in einer Bank. "Während des Studiums war es einfacher, bei meinen Eltern zu wohnen. Sie haben ein Haus, also genug Platz", erklärt Tereza.

Im Gegensatz zu Tobias war für sie das Wohnen zu Hause auch eine Geldfrage: "Als Studentin hatte ich zwar immer Nebenjobs, aber ich hätte mir eine eigene Wohnung nicht leisten können. Ich denke, dass geht den meisten Studenten in Tschechien so." Während ihrer Zeit zu Hause half Tereza gemeinsam mit ihren jüngeren Schwestern der Mutter immer im Haushalt. "Ob Küchendienst, Kochen, Waschen oder Gartenarbeit – wir haben alles geteilt", erklärt Tereza, als sei das die normalste Sache der Welt. Der Kontakt zu ihren Eltern hat sich nicht verschlechtert, trotz des Auszugs. Ganz im Gegenteil: Sie sehen sich jede Woche und mit ihrer Mutter trifft sie sich oft auf einen Kaffee.

Wie viele junge Erwachsene, die noch bei ihren Eltern leben, im Haushalt mithelfen, lässt sich nur schwer überprüfen. Was aber einen Auszug häufig erschwert, sind Geldprobleme: Der Verdienst aus dem Nebenjob oder das Azubi-Gehalt reichen oft nicht aus, um auf eigenen Beinen zu stehen. Und staatliche Förderungen sind weder in Deutschland noch in Tschechien jedem zugänglich, der sie braucht.

Tobias' Wohnsituation drückt dagegen etwas anderes aus: Bequemlichkeit und die Angst vor dem Unbekannten. Aber ist es in einer Zeit, in der man beim Eintritt in das Berufsleben mit unbezahlten Praktika und befristeten Verträgen empfangen wird und sogar für den Platz in einer WG kämpfen muss, wirklich verwerflich, noch ein bisschen länger auf Sicherheit zu setzen?

Der Sprung in die Eigenständigkeit lohnt sich dennoch, wie Katrin meint: "Erst nach dem Auszug weiß man, wer man ist und wo man steht."

Manuela Muschner (25), hat in München Theaterwissenschaft, Psychologie und Kunstgeschichte studiert und arbeitet als freie Mitarbeiterin u.a. beim Bayerischen Rundfunk und beim Online-Magazin jádu.

Dieser Text erschien bereits in jadu, dem deutsch-tschechischen Online-Magazin des Goethe-Instituts Prag (Copyright: Goethe-Institut Prag).

Fotos, oben u. Mitte: © Manuela Muschner
Foto, unten: Privat







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