Marlantes erhält die Navy Commendation Medal
Wer einmal den Krieg gesehen hat, wird ihn nie wieder los. Karl Marlantes hat ihn gesehen. Der US-Amerikaner war 19 Jahre alt, als er als Leutnant in den Vietnamkrieg ging und für seinen Dienst mit unzähligen Medaillen ausgezeichnet wurde. Marlantes war 65, als er schließlich seinen Roman "Matterhorn" veröffentlichte, in dem er seine bedrückenden Erfahrungen als Soldat verarbeitete. Es ist ein Buch, das den Leser Seite für Seite in die verstörende Welt des Kriegsalltages zieht.
Marlantes erzählt die Geschichte eines Alter Egos, Waino Mellas, der im Buch ebenfalls 19 Jahre alt ist und frisch aus der Militärausbildung kommt. 1969, als die USA bereits im fünften Jahr in Vietnam kämpfen, um den Süden des Landes vor dem kommunistischen Norden zu beschützen, landet Mellas in Vietnam. Der Krieg ist da für die USA bereits nicht mehr zu gewinnen. Warum kämpft man als Soldat dann noch, wenn nichts mehr zu gewinnen ist? Die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens ist der Boden, aus dem der Roman seine düster-beklemmende Kraft bezieht. Als Zugführer ist Mellas für 40 Soldaten verantwortlich. Soldaten, die fast alle so jung sind wie er selbst. Teenager, die bereit sind, das Leben zu sehen, aber nicht den Tod und das Töten.
Mellas' Zug erobert in der Nähe der laotischen Grenze einen Berg, Matterhorn genannt. Der Name des Berges erinnert nicht etwa an den bekannten Berg in der Schweiz, sondern an die Sinnlosigkeit dieser Eroberung. "To matter" bedeutet im Englischen "eine Rolle spielen". Im Laufe des Romans wird klar, wie unbedeutend dieser Berg und seine Eroberung eigentlich sind. Mellas' Kompanie errichtet auf der im Nebel liegenden Kuppe einen Feuerstützpunkt. Dann werden die Soldaten von dort abberufen, um der Nordvietnamesischen Befreiungsarmee, dem Vietcong, Versorgungspfade abzuschneiden. Die Verbündeten des Vietcong, die Nordvietnamesische Volksarmee (NVA), hat das Matterhorn in der Zwischenzeit wieder besetzt. Mellas' Zug bekommt nun den Befehl, den Berg zurückzuerobern.
Absurder Kriegsalltag
Wer hier nach einem Sinn sucht, wird ihn nicht finden. Krieg ist absurd. Es geht vor allem darum, Befehle auszuführen, selbst zu überleben und seinen Kameraden beim Überleben zu helfen. Dazwischen marschiert man, wartet, hat Angst, ist erniedrigt, wütend, müde, dehydriert, man wird von Blutegeln befallen, bekommt Fußbrand, Dschungelfäule oder Malaria. Man verliert den Verstand, wird nicht von einer hinterhältigen Sprengfalle zerfetzt, sondern von einem Tiger gefressen. Oder der Rassismus innerhalb der Gruppe droht, das zwischenmenschliche Gefüge zu sprengen.
Die brutalen Kämpfe nehmen in diesem 660-Seiten-Roman nur wenig Raum ein. Vor allem wird die Geschichte von Mellas und seinen Leuten erzählt, die gemeinsam einen Krieg durchleben, der sie eigentlich zufällig zusammengebracht hat. Hier gibt es kein Abenteuer, keine Romantik, kein Pathos, keinen Ruhm, keine Ehre, keine Helden. Es gibt nur das Überleben und Durchstehen.
Marlantes' Sprache ist von einer eindringlichen Poesie, die dem Leser zuweilen heftig in die Glieder fährt. "Mellas stand unter den grauen Monsunwolken auf dem schmalen Streifen gerodeten Geländes zwischen dem Rand des Dschungels und der relativen Sicherheit des Stacheldrahtverhaus." Anders als so manche romantisierenden Kriegsbücher, -filme oder Computerspiele ist Marlantes' Buch tatsächlich ein glaubwürdiger, überzeugender Antikriegsroman, dessen Vorbilder eher bei der Weltliteratur von Lew Tolstoi als bei "Im Westen nichts Neues" oder "Apocalypse Now" zu suchen sind.
Das Buch wurde nach seinem Erscheinen 2009 in den USA zu einem riesigen Bestseller. Ein Roman, der über 30 Jahre gebraucht hatte, um als Buch zu erscheinen. Marlantes, der nach dem Krieg an einer posttraumatischen Belastungsstörung litt, hatte bereits 1977 ein erstes Manuskript beendet, das er in der Folge immer wieder umarbeitete.
Warum Marlantes seine Geschichte erzählen wollte? Seine Beweggründe hat er in mehreren Interviews eindrücklich erklärt: "Da gab es diesen einen Moment in meinem Leben – ich ging damals noch in meiner Uniform die Straße hinunter – in der Nähe des Weißen Hauses. Da stand eine Gruppe von Demonstranten und die schwangen nordvietnamesische und Vietkong-Fahnen und beschimpften mich, nannten mich Babymörder – und es war dieses Gefühl, missverstanden zu sein. Ich dachte: Ihr wisst doch gar nicht, wer ich bin!" Heute wissen wir, wer Marlantes ist und was es heißt, als Soldat in einem Krieg zu sein.
Karl Marlantes: Matterhorn (Arche Verlag 2012, 672 S., 24.95 €)
Ingo Petz ist freier Journalist und schreibt vor allem über Weißrussland.
Fotos: © Arche Verlag / © Devon Marlantes
Karl Marlantes im Videogespräch über seine Kriegserlebnisse und sein zweites Buch "What it is like to go to war" (engl.)
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