"Es ging natürlich darum, nicht zurückzuschauen. Forward ever, backward never. Diese Haltung führte dazu, dass wir das Ding totgeritten haben. Keine Frage. Muss auch so sein. Jede Subkultur, die eine Kultur wird, hat ausgeschissen." Harte Worte, wahre Worte. Sie kommen von Daniel Bier, der in den 1990er-Jahren unter dem Alias "Disko" Resident-DJ im legendären Berliner Club E-Werk war. Zudem arbeitete Bier als Redakteur für Jürgen Laarmanns Techno-Magazin Frontpage.
Es ist nicht so, dass Berlins Techno-Szene Mitte der 90er-Jahre gestorben wäre. Berlin ist die Techno-Hauptstadt, heute mehr denn je. Von ihren sympathisch naiven, herrlich ungeordneten Anfängen aus betrachtet, war die Techno-Zukunft, wie sie Laarmann oder dem DJ und Low-Spirit-Labelmacher Westbam als finanziell lukrative Mainstream-Pop-Bewegung vorschwebte, vielen Szene-Protagonisten ein schmerzhafter Stachel im Fleisch.
"Somewhere over the Rainbow": Die Familie löst sich auf
Die letzten Kapitel von "Der Klang der Familie. Berlin, Techno und die Wende" arbeiten die Katerstimmung durch den Ausverkauf plastisch heraus. Man nimmt Abschied, ist ein wenig traurig, selbst als Leser. Diese Nähe, die dieses in jeder Hinsicht lesenswerte Techno-Buch der szenekundigen Journalisten Felix Denk und Sven von Thülen erzeugt, hat auch mit seiner formalen Struktur zu tun.
Denk (37) und von Thülen (36) führten über ein Jahr lang Interviews mit 70 Personen – DJs, Clubmachern, Produzenten, Plattenladenbetreibern, Türstehern oder Ravern. Das Stimmengewirr der Befragten haben sie zu einer 400 Seiten starken Montage angeordnet. Angeregt durch Tobias Rapps gegenwartsorientierten Essayband "Lost and Sound", nach dessen Erscheinen im Jahr 2009 sogar hiesige Feuilletons unbedingt über Techno sprechen wollten, ist "Der Klang der Familie" nichts weniger als eine "oral history", eine Zeitzeugenbefragung der ersten Berliner Techno-Generation.
Die Antworten wurden so arrangiert, dass man bisweilen den Eindruck gewinnt, es handele sich um lebhafte Gruppengespräche. Die Autoren selbst tauchen als Fragesteller nicht auf. Vorbildcharakter hatten "Please Kill Me" (1997), Legs McNeils und Gillian McCains Interview-Buch über die New Yorker Punkbewegung, sowie "Verschwende deine Jugend" (2001), Jürgen Teipels Doku-Roman über die Punk- und NDW-Szene Deutschlands. Es muss eine Mordsarbeit gewesen sein, die unzähligen Stunden Interviewmaterial zu einer schlüssigen Narration zu verdichten. Erzählt wird ja immerhin die Geschichte der Entstehung einer munter-hedonistischen, musikalisch und drogentechnisch äußerst experimentierfreudigen "Wahlfamilie". Die Geschichte eines Erfolges.
Mitte der 80er lag die "Berliner Krankheit" über dem Westen der Stadt: Man kriegte nichts auf die Reihe und war stolz darauf. Die avantgardistischen Impulse des Postpunk schienen kaum noch vorhanden. Dann schwappte Acid House von New York und Chicago über den Großen Teich und traf auf erste neugierige Ohrenpaare.
Zur selben Zeit in Ostberlin "war natürlich alles anders". Die Jugendlichen waren es gewohnt, sich Nischen zu suchen. Breakdance hieß eine von ihnen. Eine Subkultur mit elektronischem Musikfundament, die in der DDR immerhin so stark war, dass der Staat mancherorts Interesse an ihrer Vermarktung zeigte.
In beiden Teilen Berlins ging es also darum, Umgangsweisen mit Pop zu erlernen. Zaghafte Versuche des Mixens an den Turntables wurden rasch ergänzt von ersten Partyexzessen zu elektronischer Musik. Wenig später fiel die Mauer. Berlin verwandelte sich in eine "temporäre autonome Zone". Nach der Wende wurde Techno zum "Soundtrack des Ausnahmezustands".
Die Autoren Felix Denk (li.) und Sven von Thülen (re.)
Sound der flachen Hierarchien
Dafür gibt es drei gute Gründe, schreiben Denk und von Thülen: "Die Wucht der neuen Klänge, die Magie der Orte und das Freiheitsversprechen, das in dieser Musik steckte. Plötzlich, so schien es, konnte jeder seine eigene Welt programmieren: Platten auflegen, produzieren, Magazine gründen, T-Shirts bedrucken – Techno war eine Musik, die zur Teilhabe aufrief, ein Sound der flachen Hierarchien." Im Verhältnis zur Welt der Rockstars war das tatsächlich so; dennoch kannte der frühe, meist brettharte Berliner Techno auch seine röhrenden Platzhirsche. DJs wie Tanith, Rok, Jonzon oder Dr. Motte züchteten ihre Eitelkeiten. Und waren selbstverständlich extrem eingeschnappt, wenn sie bei einem Club-Line-Up nicht gebührend berücksichtigt wurden.
"Der Klang der Familie" erzählt eine Vielzahl extremer, lustiger, mitunter tragischer Geschichten des Auf- und Abstiegs, die kein in sich abgeschlossenes, sondern ein sehr disparates Ganzes ergeben. Und während in Frankfurt und Hamburg, Deutschlands arroganten elektronischen Hauptstädten, längst innerhalb professionell gezogener Grenzen gefeiert wird, kletterte man in Berlin wie im UFO oder dem Tresor über Kellerlöcher in neue Möglichkeitsräume: "Durch dieses Loch im Boden zu krabbeln, hatte etwas sehr Befreiendes von diesem ganzen 80er-Jahre-Muff", erinnert sich DJ Wolle XDP. Getanzt wird tagelang, in gefährlich maroden 1.000-Quadratmeter-Hallen.
Afterhour-Durcheinander
Das Buch macht einzelne DJ-Karrieren und auch deren Ende plausibel, es verfolgt die Entstehung wichtiger Clubs, allen voran die des unterirdisch gelegenen Stahlbetongefängnisses Tresor – dem Club der frühen 1990er. Man staunt mit weichen Knien ob der körperlichen und psychischen Zähigkeit mancher Ecstasy-Dauerdruffis oder über das liebevoll-verdrogte Afterhour-Durcheinander von Schwulen und rechten Ost-Hooligans. Man erfährt pfundeweise Wissenswertes – über die Anfänge der Loveparade, bevor ihre Betreiber größenwahnsinnig wurden, über die Detroit-Berlin-Techno-Connection und das dafür verantwortliche Geschäft Hardwax, den bis heute besten Plattenladen Berlins.
Und wie das so ist, wenn Macher und Szenegänger ohne Maulkorb zu Wort kommen: Mancher wäscht schmutzige Wäsche, ein anderer redet sich halbwegs um Kopf und Kragen, ohne es zu bemerken. Das ist interessant für viele, ob man sich gar nicht für Techno interessiert oder erst seit ein paar Jahren – oder ob es der DJ oder Clubbetreiber von einst ist, der dieses Buch zur Hand nimmt, um zu erfahren, was die lieben Kollegen damals für sich behalten haben. Denn bei aller Gegenwärtigkeit und Unprofessionalität der Anfänge: Etwas Zukunft steht immer auf dem Spiel.
Felix Denk, Sven von Thülen: Der Klang der Familie. Berlin, Techno und die Wende (Suhrkamp 2012, 423 S., 14.99 €)
Michael Saager schreibt für verschiedene Magazine und Zeitungen und ist leitender Redakteur des Magazins Pony. Er lebt in Berlin.
Foto oben: "Felix Denk & Sven von Thülen" | © Willem Thomson/Suhrkamp Verlag
Foto unten: © Shadowforce/photocase.com
Felix Denk im Gespräch über "Der Klang der Familie" auf Radio Corax
Buchkritik und Kommentare zu "Der Klang der Familie" auf dem Blog von Tanith – selber damals Protagonist der Szene
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