Schnee, Kutscher, Samowar, Tee, Ofenwärme. Das ist die Welt Turgenevs, Tschechows oder Tolstojs, die sich da vor dem Leser auftut. In seinem neuen Roman "Der Schneesturm" erweckt der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin die russische Welt des 19. Jahrhunderts mit einer klangvoll glänzenden Stilistik und Sprache zum Leben, deren magischen Ton der Übersetzer Andreas Tretner wunderbar ins Deutsche übertragen hat. "Vor ihm stiefelte Wasja munter durch den Schnee, die zwei gleichen Bügeltaschen schwenkend wie Dorfweiber die Eimer unterm Tragejoch."
Es ist das 19. Jahrhundert, das als Goldenes Zeitalter der russischen Literatur gilt und das die Metaphysik der russischen Seele so sehr zementiert hat, dass die halbe Welt an ihre Existenz glaubt. Sogar die Russen selbst.
Es ist das Ende der Welt, in der Platon Iljitsch Garin landet. Vielleicht irgendwo in Sibirien, ganz sicher aber in einer Wildnis, die gefangen nimmt. Der Landarzt wurde gerufen, um eine rätselhafte Epidemie in dem Dorf Dolgoje mit einem Serum zu bekämpfen. Das Dorf aber erreicht Garin nicht. Es tobt ein heftiger Schneesturm. Da hilft keine Technik, und auch kein Wille. Garin muss in einem anderen Dorf Halt machen und heuert dort den einfältigen Kutscher Krächz an, den Garin in typischer Landherrenart wie seinen Knecht behandelt.
Die beiden machen sich auf den Weg, werden von den Widrigkeiten des Klimas, von einer gebrochenen Kufe oder Wölfen aufgehalten. Die Erzählung fließt episch dahin, rauschhaft wird der Leser eingesogen in eine Märchenwelt, die Sorokin als bekannter Vermenger literarischer Genres schließlich ins Fantastische steigert.
Denn irgendwann wird dieses russische Roadmovie, das so herrlich altmodisch begonnen hat, zu einem Trip in eine düstere und groteske Welt. Sorokin stellt immer wieder Verbindungen zur klassischen russischen Literatur, aber auch zur deutschen Romantik her – wie bei einer schrägen Erotik-Eskapade, die Garin mit einer schönen Müllerin hat.
Der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin
Pferde, so klein wie Rebhühner
Die rätselhafte Krankheit, die Garin bekämpfen soll, stammt aus Südamerika. Ein Virus hat die Dorfbewohner in Zombies verwandelt, die sich durch das Eis fressen können. Die Reisenden landen auf einem Gut, wo sie Drogen nehmen und einen entfesselten Rausch in Parallelräumen erleben. "Nicht mal Telefon haben Sie hier", ruft Garin irgendwann aus – hinein in eine Welt, die der Leser sich bis dahin als Imitation des 19. Jahrhunderts vorgestellt hat. Hier dienen Pferde, die so klein wie Rebhühner sind, als Motorersatz. Es gibt Hologrammradios, Riesen und Zwerge. Sorokin baut sich seine eigene mythische Welt, indem er Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges und Ersponnenes miteinander verbindet.
Man liest dieses Büchlein wie im Rausch. Und man kann darin allerlei lesen, natürlich auch eine Kritik am System Putin. Aber das wäre einem ausgebufften Schriftsteller wie Sorokin zu platt und zu wenig. Den Kampf des Duos gegen eine Welt, gegen die sie letzten Endes offenbar nichts ausrichten können, zeigt er ja ironisch. Aber diese Welt – auch das macht Sorokin mit seinem kreativen Feuerwerk deutlich – haben sich die Russen selbst erschaffen. Auch mit dem Glauben an die russische Seele und mit einer fatalistischen Vergangenheitsverliebtheit, die letzten Endes dazu führen kann, dass man zum Opfer seiner eigener Vorstellungen wird.
Vladimir Sorokin: Der Schneesturm (Kiepenheuer & Witsch 2012, 206 S., 17.99 €)
Ingo Petz ist freier Journalist und schreibt vor allem über Weißrussland.
Foto: © Maria Sorokina
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