Die Rückkehr Obamas

annalog | 20.10.12 22:37 | 0 Kommentar(e) | » zum Blog: Die US-Wahl aus Sicht einer Teaching Assistant

Wir befinden uns im Bundesstaat Pennsylvania. Genauer gesagt in Williamsport, Pennsylvania. Es handelt sich um eine kleine Stadt mit 30.000 Einwohnern im Norden des Staates. Umgeben von Wald und Bergen gibt es hier nicht viel. Man wählt traditionell republikanisch. Die Demokraten tun sich verdammt schwer. Dennoch hat sich eine kleine Gruppe von ihnen in Downtown Williamsport ein Büro eingerichtet. Von hier aus versuchen sie, das Wahlverhalten der Bewohner in der Region zu beeinflussen. Es ist relativ aussichtslos, die Ausbeute gering. Die wenigen Menschen, die sich beteiligen, suchen händeringend nach Unterstützern. Wie jede Debatte wurde auch diese in ihrem Büro übertragen. Schon bei der ersten Debatte zwischen den beiden Rivalen um das Amt des Präsidenten waren wir drei, die Teaching Assistants für jeweils Französisch, Spanisch und Deutsch, hier anwesend. Die allgemeine Reaktion über unsere Anwesenheit war wie auch beim ersten Mal ein Mix aus Überraschung und Freude zugleich. Mit Spannung erwartete man diese Debatte. Der Tonus war: Obama hatte nicht nur laut allgemeinem Urteil die letzte Debatte verloren, sondern auch seine Anhänger in Williamsport enttäuscht. Er musste nun liefern - nicht weniger, nicht mehr.

Thema diesmal war zum Beispiel die Außenpolitik. Einer meiner Schüler sagte mir im Vorfeld, dass für er Obama stimmen wird, egal wie diese Debatte ausgeht, denn "lass uns ehrlich sein: Romney hat keinen blassen Schimmer von Außenpolitik!" Auch in dieser Debatte wurde das wieder deutlich, auch wenn Romney besser vorbereitet schien und weniger enttäuschend auftrat, als von vielen Demokraten im Raum gehofft. Dennoch sah man auf der einen Seite Einen, der zeitweise in die Rolle des Moderators schlüpfte, und auf der anderen Seite sah man einen Präsidenten. Dies kann man einfach nicht übersehen. Moment - einige scheinen es immer noch übersehen zu wollen, schließlich sieht man in den Umfragen bisher weder für den einen noch den anderen Kandidaten einen klaren Vorsprung. 

Die Frage, die man sich da immer wieder stellen muss, ist, wie kann das sein: Warum favorisieren immernoch viele Amerikaner diese Republikaner? In Gesprächen mit meinen Studienkollegen und Freunden tritt das zu Tage. So sagte ein Studienkollege aus meinem Terrorismus-Seminar, dass Romney zwar nicht "awesome" sei, aber er nie für Obama stimmen würde, komme was wolle. Er glaubt, Obama wisse auch nach vierjähriger Amtszeit nicht, was auf dem Spiel steht. Er hält ihn für unerfahren und glaubt, dass Obamas Politik für Amerika nicht gut sei. Die Amerikaner sind allgemein enttäuscht - so mein Eindruck - von ihrem Präsidenten. Vier Jahre Amtszeit haben nicht den gewünschten Wandel hervorgebracht, auf den so viele gehofft haben. Zu allem Übel denken viele Amerikaner, so auch mein republikanischer Kommilitone, dass ein Multimilliardär eher wisse, was der durchschnittliche Amerikaner durchmacht; dass ein Romney eher einen Bezug zur Mittelklasse hat als ein Obama, der ganz klar in der Mittelklasse verwurzelt ist. Diese Einstellung kann durch nichts erschüttert werden. Nicht einmal, wenn auf Romneys Vermögensstand und seinen Fokus auf Materielles direkt in der Debatte hingewiesen wird: 

"Mr. President, have you looked at your pension?" fragte Romney, und Obama anwortete "I don't look at my pension. It's not as big as yours!"

Diese Szene sorgte für Lacher. Und es blieb nicht dabei: Ginge es nicht um die Zukunft einer der einflussreichsten Nationen dieser Welt, hätte man das gut und gerne für eine Comedy Show halten können, in der die beiden Kontrahenten einander scharf kritisierten und ab und zu das trockene Politikgefasel mit mehr oder weniger gewollten Witzen aufpeppten. Eine Comedy Show, bei der dennoch einer siegte: Es war die Rückkehr Obamas!

Mehr Impressionen rund um die US-Wahl gibt es im Reisetagebuch der bpb.

Anna ist Teaching Assistant in Williamsport, Pennsylvania und berichtet von dort über die US-Präsidentschaftswahl.

Fotos: privat



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