Richard Oswalds ''Anders als die Andern''
Der Aufklärungsfilm gleicht einer zeitgeschichtlichen Chimäre, in ihm verbinden sich politischer Wille, aufklärerischer Gestus und unternehmerisches Kalkül. Das Kino bot sich als Austragungsort gesellschaftlicher Aufklärung geradezu an: Die Ankunft des neuen Massenmediums fiel Ende des 19. Jahrhunderts in eine Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs. In den Großstädten hatte sich als Folge der Industrialisierung ein neuer Lebenswandel entfaltet, Werbung eroberte die Straßen und die Begehrlichkeiten der Stadtbevölkerung nach Konsum und Unterhaltung wuchsen. Damit einher ging ein moralischer Wandel: In Deutschland neigte sich der Konservatismus der wilhelminischen Ära endgültig dem Ende entgegen.
Richard Oswald war der erste deutsche Filmemacher, der das aufklärerische Potential, aber auch die Gefahren dieser neu gewonnenen Freiheit erkannte. Sexualität wurde plötzlich offen verhandelt. Oswald bediente mit seinem Sittenfilm "Es werde Licht" (1918) über die Gefahren der Syphilis das wissbegierige Publikum, verzichtete jedoch auf allzu spekulative Elemente. Oswald, der anfänglich noch für die einflussreiche "Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten" gedreht hatte, wurde im schmalen Zeitfenster des geradezu zensurlosen Weimarer Kinos zwischen 1918 und 1920 zum ersten Pionier des deutschen Aufklärungsfilms. Zu seinen Arbeiten gehörten durchaus ernst zu nehmende filmische wie gedruckte Beiträge über Prostitution, Homosexualität, Drogensucht und Abtreibung. Mit "Anders als die Andern" von 1919 zeigte Richard Oswald den ersten Schwulenfilm der Filmgeschichte. Berater und Mitwirkender war Magnus Hirschfeld, Gründer des von den Nationalsozialisten 1933 zerstörten und geschlossenen legendären "Instituts für Sexualwissenschaften". Mit der Einführung schärferer Zensurgesetze im Jahr 1920 nahm Oswalds Karriere jedoch ein vorzeitiges Ende. Es sollte fast fünfzig Jahre dauern, bis ein anderer in seine Fußstapfen trat. Und wieder hörte er auf den Namen Oswalt, dieses Mal mit t.
Oswalt Kolle: Dein Mann – Das unbekannte Wesen (1968)
Oswalt Kolle war Ende der 1960er-Jahre eigentlich ein wandelnder Anachronismus: ein adretter Herr im Anzug, der unbescholtenen Bundesbürgern ein Mikrofon unter die Nase hielt und sie nach ihren sexuellen Gepflogenheiten ausfragte. Selbst für damalige Verhältnisse war es kaum vorstellbar, dass seine Aufklärungsfilme Millionen von Deutschen in die Kinos lockten. Während in San Francisco, Paris und Berlin die Barrikaden brannten und der Sommer der Liebe seine Hochphase erreichte, drehte Kolle mit Verwaltungsangestellten-Erotik angehauchte Filme wie "Wunder der Liebe" (Teil 1 bis 4) und "Dein Mann - das unbekannte Wesen" (beide 1968) – Reportagen aus deutschen Schlafzimmern. Immer mit unverdrossen aufklärerischem Anspruch und penetranter Oberlehrerhaftigkeit: Ob unehelicher Geschlechtsverkehr oder Potenzstörungen, Kolle stand mit gezücktem Mikro buchstäblich neben dem Bett bundesdeutscher Paare Spalier, um das Publikum im pastoralen Tonfall zu belehren. Obligat waren die medizinischen "Berater", die später selbst den spekulativsten Nachzüglern wie "Abarten körperlicher Liebe", "Intim-Report" oder "Ehepaar sucht gleichgesinntes" noch einen seriösen Anstrich verleihen sollten. Reginald Puhl, Produzent von "Du - Zwischenzeichen der Sexualität", erinnerte sich in seinen Memoiren, wie damals mit der deutschen Filmaufsicht um jeden Millimeter Haut gefeilscht wurde: "Man brauchte Professoren als Deckmäntelchen, um die Nackten durch die FSK zu kriegen."
Kolles Erfolgsrezept aus Interview-Sequenzen und haarsträubend schlechten Spielszenen, das in den folgenden Jahren von noch weit weniger talentierten Nachahmern übernommen wurde, kam bei der Presse und im europäischen Ausland nicht sonderlich gut an. Ganz im Gegensatz zu einem anderen Film, der den Boom des Aufklärungsfilms ein Jahr zuvor ausgelöst hatte. "Helga" von 1967 war eine Auftragsproduktion des Familienministeriums und der frappierende Beleg dafür, wie sich der Staat eine politisch wünschenswerte Sexualerziehung vorstellte. Erich F. Benders Film mit dem Untertitel: "Vom Werden des menschlichen Lebens" begleitete ein junges Paar von der Empfängnis ihres ersten Babys gar bis zur Geburt des vierten Kindes. Eine perfekte deutsche Familie: Der Verleih machte damals keinen Hehl aus seinen Absichten, das Publikum über ein produktives Volksbefinden aufzuklären; wissenschaftliche Erläuterungen, wie Zeichnungen des Geschlechtsaktes, unterbrachen immer wieder die unbeholfene Spielhandlung. "Helga" erhielt trotz einiger für die damalige Zeit expliziter Szenen eine Altersfreigabe ab 16 Jahre. Dennoch erinnerte seine Mentalität schwer an die fünfziger Jahre. Mit der dreizehnteiligen "Schulmädchen-Report"-Reihe (1970-80) war die Hoffnung auf einen ernsthaften Umgang mit Sexualität zumindest im westdeutschen Kino dann endgültig gestorben.
In der DDR setzte Sexualerziehung tatsächlich beim heranwachsenden jungen Menschen und nicht beim kopulierenden und gebärenden Bruttosozialproduktsvermehrer an. "Geschlechtserziehung ist Charakterbildung" heißt es im ersten Film der vierteiligen Reihe "Beziehungen zwischen Jungen und Mädchen" (1963-65). Das hatte noch einen streng erzieherischen Beiklang, doch die Filme selbst, die vom Deutschen Hygiene-Museum in Dresden in Auftrag gegeben und von der DEFA produziert wurden, schlugen einen ganz anderen Ton an. Vor allem war deutlich zu spüren, dass die Jugendlichen hier ebenbürtige Gesprächspartner waren, deren Gefühle und Sorgen etwa über den ersten Freund, den ersten Sex oder ungewollte Schwangerschaften wirklich ernst genommen wurden. Das Hygiene-Museum produzierte zudem eine Reihe von eher trockenen Aufklärungsfilmen mit Titeln wie "Geschlechtskrankheiten" (1982), "Geschlechtsorgane" (1983) oder "Schwangerschaft und Geburt" (1983), die regulär in den Kinos liefen. Wirklich sehenswert aber sind vor allem die auf ein junges Publikum zwischen 10 und 16 Jahren zugeschnittenen Filme, in denen die Jugendlichen selbst zu Wort kommen und in denen es nur zweitrangig um Sex, sondern in erster Linie um zwischenmenschliche Probleme des Heranwachsens geht.
Ganz großartig ist die Dokumentation "Erste Liebe" (1984) von Konrad Weiß, der einer Gruppe Teenager ein Jahr lang durch ihren Alltag folgt. Mit seinen unverstellten, nachdenklichen Dialogen und dem coolen 70er-Jahre-Rocksoundtrack erinnert "Erste Liebe" an die zwei herausragenden westdeutschen Jugendfilme der siebziger Jahre, "Nordsee ist Mordsee" und "Rocker". Filme wie "Schon fast wie Mann und Frau" oder "Kann man Liebe lernen?" (1977) widerlegen alle Vorurteile von der DDR-Filmindustrie als ideologische Propagandamaschine. Das traf eher auf den westdeutschen Aufklärungsfilm mit seiner verklemmten Wirtschaftswunder-Erotik zu. Noch im Jahr des Mauerfalls wurde in der DDR der letzte Aufklärungsfilm "L.o.A. - Liebe ohne Angst" zur AIDS-Problematik produziert. In den vermeintlich hedonistischen neunziger Jahren übernahmen schließlich die Privatsender die Sex-Erziehung der wiedervereinigten deutschen Jugend – im Spätprogramm. Bezeichnenderweise mit Material aus den siebziger Jahren: Schulmädchen-Reports und jodelnden Lederhosen.
Mit der Wende änderte sich auch die Ausrichtung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung; Filme sind heute nur noch ein Aspekt ihrer Kampagnen, gesetzt wird auf interaktive Medien. 1997 produzierte das ZDF in Zusammenarbeit mit der BZgA die achtteilige Kinderreihe "Mag Love", ein Jahr zuvor wurde der Coming-of-Age-Film "Das erste Mal" mit Benno Führmann und Hannes Jaenicke ausgestrahlt. Die Dokumentation "Liebe!" (2005) war die bislang letzte von der BZgA in Auftrag gegebene Produktion. Der Aufklärungsfilm ist ein Relikt der Vergangenheit. Und wie kaum ein anderes Filmgenre verrät er etwas über die Gesellschaft, in der er entstand.
Andreas Busche ist Filmrestaurator und -kritiker.
Foto, Oben: © edition filmmuseum / film & kunst GmbH
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