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Bis(s) zur Eheschließung

Wie sexy sind Vampire?

14.9.2012 | Carola Dorner | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Edward und Bella aus der ''Twilight''-Saga

Edward und Bella aus der ''Twilight''-Saga

Seit 2005 stellen sich Leser/innen und Kinofans der vierteiligen "Twilight"-Saga Fragen wie: Bleiben der smarte Vampir Edward und die blasse Schülerin Bella zusammen? Betrügt sie ihn mit Jacob? Wird Bella ein Vampir? Und: Wann haben die beiden endlich Sex? Eine millionenköpfige Fangemeinde aus circa 13- bis 33-jährigen Mädchen und ein paar Jungs fiebert also dem ersten Sex eines Highschool-Mädchens entgegen. Die Frage, ob der unnahbare Vampir sie zuerst beißt oder zuerst entjungfert, halten diese Fans ernsthaft für den Gipfel der Romantik. Warum bloß?

Blutleere Moral

Die "Twilight"-Autorin Stephenie Meyer ist Mormonin und vertritt recht rigide moralische Vorstellungen. Das gilt gemeinhin als Grund dafür, dass in den ersten drei Bänden der Geschichte allenfalls vorsichtig geknutscht wird. Und das in einem Genre, das als eher erotisch gefärbt gilt. Dabei liegt Meyer mit ihrem Ansatz gar nicht so falsch. Um die Botschaft "Kein Sex vor der Ehe" zu transportieren, ist vielleicht sogar kein Thema so geeignet wie der Vampirstoff.

In der "Twilight"-Tetralogie ist die Beziehung zwischen Blutsauger und Mädchen nur möglich, weil Edward seine Triebe auf übermenschliche Weise unter Kontrolle hat. Würde er sich "gehen lassen", hätte das für Bella fatale Folgen. Schließlich dürstet Edward nach Blut. Ihn erregt nicht ihr Körper, sondern ihr Lebenssaft.

Zur Annäherung haben sie ohnehin wenig Gelegenheit. Edward hat alle Hände voll damit zu tun, seine Angebetete aus lebensbedrohlichen Situationen oder aus Flirts mit dem Nebenbuhler Jacob, einem Werwolf, zu retten. Nach der Eheschließung kommt es in einer an Kitsch schwer zu übertreffenden Inselidylle endlich zum ehelichen Vollzug zwischen Mensch und Vampir.

Sex mit Folgen

Natürlich bleibt der Vollzug nicht ohne Folgen. Die Holzhammer-Moral begreift auch der begriffsstutzigste hormongeschüttelte jugendliche Leser: Sex führt zu Schwangerschaft! In diesem Fall bedeutet das Lebensgefahr für die werdende Mutter: Das Produkt menschlich-vampirischer Zeugung droht Bella zu zerreißen. Zudem weiß niemand, was da überhaupt heranwächst. Die Kreatur entzieht sich sowohl menschlichen Vorstellungen als auch vampirischer Regelhaftigkeit und ist so noch bedrohlicher als der Sex. Wie durch ein Wunder aber geht alles gut und Bella wird nach einer dramatischen Geburt zum Vampir. Das Paar kann sich nun ungestört und unkontrolliert der körperlichen Liebe hingeben. Damit verlässt "Twilight" im letzten Band die Grenzen des Vampirgenres.

Sex zwischen Vampiren, genau wie Sex zwischen Mensch und Blutsauger, gibt es in der Vampirliteratur normalerweise nicht. Vampire pflanzen sich nicht fort. Die einzige Interaktion zwischen Mensch und Vampir ist der Biss in die Halsschlagader. Für den Menschen bedeutet der den Übergang in die Unsterblichkeit, für den Vampir ist es der einzig sinnvolle Austausch von Körperflüssigkeiten.

Der Vampir zeugt nicht, er erzeugt. Zwar sind Vampire, neben ihrer Jagd nach Blut, ständig auf der Suche nach Partnern. Dabei geht es aber nicht um Sex, sondern um Komplizenschaft. In "Twilight" ist das anders. Nach der Verwandlung lässt sich der Neo-Vampir auf zwei Grundbedürfnisse reduzieren: Sex und Blut. Zum Glück bricht über Bella und Edward bald eine Bedrohung von außen herein. Sonst wäre der vierte Band am Ende noch ein Fall für die "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" geworden.

''Bram Stoker's Dracula'', 1992

''Bram Stoker's Dracula'', 1992

Genug Raum für Phantasie

Wie aber sieht es in der restlichen Vampirliteratur aus? Vampire treten üblicherweise weder als lustfeindliche Kontrollfreaks noch als entgrenzte Erotomanen auf. Enthaltsam sind sie aber nicht. Tatsächlich gibt es in Vampir-Romanen jede Menge erotischer Anspielungen. Der Sex, der im viktorianischen Zeitalter nicht beschrieben werden durfte, wurde in ein Gruselgenre verlegt, so dass die Leser/innen sich zumindest in Gedanken der ambivalenten Lust an Sex und Tod hingeben konnten.

Bram Stokers Roman "Dracula" von 1897 hält hocherotische Szenen bereit. Da wäre zum Beispiel die Orgie zwischen dem gefangen gehaltenen Jonathan und den drei weiblichen Vampiren, die ihn gleichzeitig erregen und abstoßen. Auch die minutiöse Beschreibung der Bluthochzeit zwischen Mina und dem Grafen lässt wenige Fragen offen. Allerdings wird immer Blutsaugerei, niemals Kopulation beschrieben. Der Rest bleibt der Phantasie der Leserschaft überlassen.

Ein starker Held in einer unsicheren Zeit

Warum aber ist in "Twilight" Sex – beziehungsweise Sex, der nicht stattfindet – ein so großes Thema? Urvampir Dracula hält den Schlüssel bereit. Der Graf ist aus der Zeit gefallen. Mehrere hundert Jahre liegen zwischen seiner Lebenszeit und dem neunzehnten Jahrhundert, in dem die Handlung des Romans spielt. Da kann es auch einem Vampir passieren, dass er zwischen den Moralvorstellungen der jeweiligen Gesellschaften die Orientierung verliert. Edward geht es nicht anders. Etwa hundert Jahre soll der smarte Junge zählen. Kein Wunder, dass seine geschliffenen Umgangsformen und seine moralischen Vorstellungen etwas gestrig erscheinen. Vampire sind konservierte "Lebensformen" einer anderen Zeit. Deshalb eignen sie sich dazu, Botschaften zu transportieren, die außerhalb des gegenwärtigen Mainstreams stehen.

Das trifft auf Edward ebenso zu wie auf Graf Dracula und unzählige andere Film- und Romanvampire. Daher erscheint uns der prüde Vampir Edward mit seiner Botschaft "Kein Sex vor der Ehe" heute so fremd und auf eine ganz eigene Art verführerisch – in einer Zeit, in der Sexszenen schon in der Jugendliteratur vorkommen.

Der Vampir-Roman, heute wie schon vor 200 Jahren, ist offenbar ein Genre, in dem Sehnsüchte angesprochen werden, die nicht offen verhandelt werden können, weil sie nicht in die Zeit passen. Offensichtlich träumen die jugendlichen "Twilight"-Fans nicht von einem zeitgenössischen Helden, der für alles zu haben ist. Sie träumen, heimlich, von einem Ritter mit vollendeten Umgangsformen und kontrollierten Trieben – von einem unsterblichen Helden und einer Liebe, die stärker ist als der Tod.

Carola Dorner ist freie Journalistin und lebt und arbeitet in Berlin.

Foto, Aufmacher: © shiana / photocase.com

Foto, Oben: © dpa

Foto, Unten: © United Archives



Links

Mehr zu Vampirromanen auf Wikipedia
Es gibt über 200 Dracula-Verfilmungen, noch viel mehr Vampirfilme und unzählige Serien über die amourösen Verstrickungen von Blutsaugern. Auf Wikipedia gibt es eine schöne Übersicht – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.





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