Ina Hartwig
Ina Hartwig lebt als freie Autorin und Literaturkritikerin in Frankfurt/Main. Dieses Jahr veröffentlichte sie den Essayband "Das Geheimfach ist offen. Über Literatur" (S. Fischer Verlag). In ihrer Dissertation über "Sexuelle Poetik" von 1998 ging es darum, wie das Denken der Sexualität in literarischen Werken des 20. Jahrhunderts Identität mit definiert – anhand der Werke von Marcel Proust, Robert Musil, Jean Genet und Elfriede Jelinek.
Oliver Koehler sprach mit ihr über das Verhältnis von Sexualität und Literatur in der heutigen Literatur – und über die Bestseller-Trilogie "Shades of Grey", die Hartwig in der Süddeutschen Zeitung verrissen hat.
Oliver Koehler: Alle zwei Jahre werden in Großbritannien die "Bad Sex in Fiction Awards" verliehen. Wem würden Sie dieses Jahr den Preis geben?
Ina Hartwig: "Bad Sex in Fiction"? Das können sich wohl nur die Briten ausdenken! Dieses Jahr würde eindeutig E. L. James den Preis von mir bekommen für "Shades of Grey".
Wieso? Was ist entscheidend für eine gute Sexszene?
"Shades of Grey" ist ein schlechtes Buch, und ich glaube sogar, dass es ein schlechter Porno ist. Wenn man über dieses Thema redet, gilt es zunächst einmal zwischen Pornografie und Literatur zu unterscheiden. Pornografie ist ein Genre, folgt also festgelegten Regeln, von denen sie nicht abweichen darf. Auf Literatur trifft das nicht zu. In der Pornografie erfährt man nichts über die Herkunft, den Charakter und die Gefühle der Protagonisten, sie wollen nur eines: Sex – und den nach bestimmten Regeln. Pornografie ist insofern verlässlich, kalt, seelenlos.
Klingt nicht gerade interessant …
Pornografische Texte sind Gebrauchstexte. Sie sollen einen bestimmten Zweck erfüllen – wir alle wissen, welchen. Da gibt es in den seltensten Fällen so etwas wie einen Kunstanspruch. Literatur, die den Namen verdient, hat aber einen Kunstanspruch. Um auf E. L. James zurückzukommen: Sie ist literarisch gesehen völlig untalentiert, ihre metaphorische Begabung ist gleich Null. Das Buch ist als Phänomen trotzdem interessant; gerade weil es so laienhaft ist, die Sprache reizlos, klinisch, technisch – und daher komisch. Die unfreiwillige Komik spielt bestimmt eine Rolle für den unfassbaren Erfolg.
Wie unterscheiden sich Autorinnen und Autoren im Umgang mit literarischen Sexszenen?
Die Geschlechtszugehörigkeit des Autors oder der Autorin interessiert mich nicht so sehr. Wichtiger scheint mir der kulturelle Hintergrund zu sein. Denn Werke entstehen ja nicht aus dem Nichts. Die französische Tradition zum Beispiel sieht, was das Erotische angeht, ganz anders aus als die amerikanische und englische, die beide stark vom Puritanismus geprägt sind. Die Franzosen haben eine lüstern-libertäre Ausgangslage – das geht auf die höfische Kultur zurück.
Wie sieht es bei den Deutschen aus?
Die Deutschen wiederum haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg und dem primitiven Mutter- und Fruchtbarkeitskult der Nazi-Zeit eine enorme Freizügigkeit erstritten. Die heutige deutsche Medienöffentlichkeit – denkt man etwa an Charlotte Roche und ihren enormen Erfolg – würde ich fast schon als pornografisiert und spießig-obszön bezeichnen.
In Ihrer Dissertation behandeln Sie das Verhältnis von Sexualität und Literatur anhand von Romanen aus dem 20. Jahrhundert. Wenn Sie jetzt eine Neuauflage des Buches schreiben würden, würden Sie also "Shades of Grey" nicht darin aufnehmen?
Natürlich nicht. "Shades of Grey" ist gar nicht satisfaktionsfähig – als Literatur, meine ich. Das hat mit sexueller Poetik nichts zu tun. Die umfangreiche Tradition der erotischen Literatur, die man gegen krude Pornografie absetzen muss, hat kanonische Texte hervorgebracht, etwa die "Histoire d'O" von Pauline Réage oder die "Geschichte des Auges" von Georges Bataille. Solche Bücher zeichnen sich durch eine anspruchsvolle Sprache aus, die etwas von Metaphern, von Stimmungen, von Atmosphäre und Handlungsabläufen versteht. Da werden Räumlichkeiten und Figuren geschildert, sogar Allegorien. All das ist bei E. L. James nicht gegeben. Sie ist keine ernstzunehmende Schriftstellerin.
Welche Funktionen können Sexszenen als erzählendes Element in der Literatur erfüllen? Eine gesellschaftskritische? Oder können sie eine analytische Funktion haben?
Wichtig ist, dass Sex nicht wie in der Pornografie isoliert wird, sondern eingebunden ist in ein größeres Ganzes – im Bestfall in ein ästhetisch und poetisch überzeugendes Ganzes. Vorbildlich war in den letzten Jahren Ralph Rothmanns Roman "Feuer brennt nicht". Das ist eine sexuelle Autobiografie, als Roman verpackt. Anhand seiner sexuellen Biographie entwickelt Rothmann eine komplexe, weit über den bloßen Sex hinausgehende Geschichte. Rothmann spricht über alle Facetten seines Gefühlslebens, wenn er über Sex spricht.
Mir ist alles Angeberische unangenehm; ein gewisser Sexprotz, der meistens mit pornografischen – oder softpornografischen – Versatzstücken arbeitet. Das hat Rothmann nicht nötig. Manchmal habe ich den Eindruck, dass in der Literatur die Tabuisierung des Gefühlsanteils größer ist als die Tabuisierung von Sex. Es ist offenbar schwer, über Gefühle zu reden.
Also kann gute Literatur gar nicht pornografisch sein?
Es gibt Bücher, die die Sphären von Literatur und Pornografie ziemlich trickreich vermischen. Zum Beispiel Michel Houellebecq. In seinem Roman "Plattform" geht es um Sextourismus – wobei die Provokation darin besteht, eine radikal nüchterne Bestandsaufnahme vorzulegen. Dabei verwendet Houellebecq durchaus pornografische Mittel, mit ziemlichem Kalkül. Gleichzeitig nimmt er den Pornografie-Betrieb und den Sextourismus auf eine intelligente und bösartige Weise auseinander. Ein Antimoralist, einer, der den schlechten Geschmack bewusst für sich in Anspruch nimmt.
Ist "Shades of Grey" nicht gerade wegen seines schlechten Geschmacks ein Roman unserer Zeit? Einer Zeit, in der Pornografie offen diskutiert wird, ja, geradezu gesellschaftsfähig geworden ist?
Ja, "Shades of Grey" ist ein Roman unserer Zeit insofern, als dass er alles ausspricht. Ein Geheimnis bleibt da nicht zurück. Und da fragt man sich, wenn man etwas altmodisch gestrickt ist: Wo bleibt denn das gute alte Geheimnis im Umgang mit der Sexualität? Es wäre schon schön, wenn das Geheimnis noch eine Chance hätte.
Wenn Sie Ihre Dissertation noch mal schreiben würden, welche Bücher würden Sie heute verwenden?
Damals habe ich Proust, Musil, Genet und Jelinek behandelt. Die Arbeit war auch ein Bekenntnis: Das sind für mich alles großartige Schriftsteller und großartige Texte. Heute müsste man tatsächlich ganz andere Quellen nehmen. Mein literarisches Quartett für eine "Sexuelle Poetik des 21. Jahrhunderts" würde Ralph Rothmanns Roman "Feuer brennt nicht" ebenso berücksichtigen wie Michel Houellebecqs "Plattform".
Dann würde ich auch Marlene Streeruwitz' großartigen Roman "Kreuzungen" anschauen. Das Buch handelt von einem Börsenspekulanten, der eine Midlifecrisis erlebt und sich selbst finden will. Er ist ein Fetischist, braucht also ein ganz bestimmtes Arrangement, damit er sexuell funktionieren kann. Und so kauft er sich alles … Da geht es um den Zusammenhang von Geld, Macht und Sex auf eine ziemlich ungewohnte Weise: viel besser und viel anspruchsvoller als "Shades of Grey".
Zuletzt würde ich Nicholson Bakers "Haus der Löcher" nehmen, eine ebenso köstliche wie kluge Satire auf die amerikanische Pornoindustrie. Aber der interessanteste Sex-Fall der letzten Zeit ist zweifelsohne der von Dominique Strauss-Kahn gewesen. Die Geschichte des ihm angelasteten Übergriffs auf ein Zimmermädchen in New York – sie eine Einwanderin aus Afrika und er einer der mächtigsten Männer der Welt – ist so komplex und spannend, besser als jede erfundene Geschichte.
Ralph Rothmann: Feuer brennt nicht (Suhrkamp 2010, 304 S., 9.90 €)
Michel Houellebecq: Plattform (2002, vergriffen)
Marlene Streeruwitz: Kreuzungen (Fischer 2010, 256 S., 9.95 €)
Nicholson Baker: Haus der Löcher (Rowohlt 2012, 320 S., 19.95 €)
Oliver Koehler (39) lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Texter und Übersetzer.
Foto, oben: © Jürgen Bauer
Foto, unten: © jonibe.de / photocase.com
Ina Hartwig: "Strauss-Kahn: Literatur und Wirklichkeit - Stelldichein im Luxuskämmerchen" (Süddeutsche Zeitung)
Wikipedia über den Bad Sex in Fiction Award
Kommentare
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Was bisher geschah...
So ein Quatsch, lieber Kommentator!
@ Georg Schloss Erstens kann Frau Hartwig auf ein erfolgreich abgeschlossenes Studium zurückblicken. Zweitens gibt es auch keine Ausbildung für den Beruf Porno-Schriftsteller. Und drittens hat Frau Hartwig durchaus plausibel dargelegt, warum sie „Shades of grey“ für schlechte Literatur hält: die Schriftstellerin habe keinerlei „metaphorische Begabung“, die man allerdings braucht, wenn man Geschichten schreiben will, die über sich selbst hinaus etwas bedeuten. Und genau das macht „gute Literatur“ aus: sie ist nicht einfach nur eine Geschichte, sondern sie bedeutet auch jenseits des reinen Versinkens in diese Geschichte etwas für das Leben des Lesers. Gut erzählte Geschichten schaffen das fast automatisch. Aber eben auch nicht immer. So etwas muss der Autor oder die Autorin planen. Wie Frau Ringo schreibt, fabrizieren Sie hier leider nur eine Kritik, die sich selbst lächerlich macht. @ Niina Ringo Kurzer Hinweis: im Interview ist von den poetischen Mängel die Rede. Diese poetischen Mängel sind natürlich mit den stilistischen sehr eng verknüpft, aber eben nicht genau das selbe. Die stilistische Ebene behandelt eher den typischen Ausdruck eines Autors, während die poetische Ebene die erzeugte Wirkung beim Leser stärker in Betracht nimmt. Deshalb bezeichnet Frau Hartwig pornographische Texte ja auch als Gebrauchstexte.
Frederik Weitz | 27. September 2012 14:06
Komplexe Sachverhalte, stark vereinfacht
"Nur Emanzen schreiben das Buch so schlecht. Die wollen nicht wahr haben, dass es viele Frauen mit Unterwerfungsfantasien gibt, die das auch mal ausleben wollen." Ich bin immer wieder überrascht ob der bemerkenswerten Thesen, die von Lesern kritischer Rezensionen, mit denen sie selbst nicht konform gehen, in den Raum geworfen werden. Zugegeben: Auch mir mangelt es in dem hier vorliegenden Interview an Beispielen, mit denen die beständig wiederholten Behauptungen (primär bezogen auf vorgebliche stilistische Mängel) unterfüttert werden, allerdings verlieren doch durch die mangelhafte Argumentationsstruktur eines Einzelnen mitnichten die oftmals plausibel erscheinenden und mit entsprechenden Textzitaten unterlegten Argumente anderer Kritiker an Wert - konkret die von ihnen als solche identifizierten "Emanzen". Abgesehen davon, dass mir nicht einleuchtet, weshalb emanzipierte Menschen nach wie vor konsequent als negativ zu bewertende Sondererscheinung bezeichnet werden, deren Vertreter/innen scheinbar unbedacht-aggressiv und unkonstruktiv ihre persönlichen Ideale durchzusetzen versuchen, ist mir schleierhaft, inwieweit die (mutmaßlich unbegründete) Feststellung, dass die Urheber/innen der publizierten kritischen Reflektionen „Emanzen“ sind, relevant sein soll. Indem Sie den Urheber/innen der Kritiken auf eine derart banale Weise ihre Glaubwürdigkeit in Abrede stellen, anstatt selbst valide Argumente dafür vorzubringen, dass „Shades of Grey“ mitnichten ein literarisch mangelbehaftetes Werk ist, positionieren Sie sich exakt dort, wo Sie die Kritiker/innen verorten – auf dem reich frequentierten Allgemeinplatz, der nichts als unkonstruktiv dargebrachte Subjektivität beherbergt. Im übrigen wird zunehmend Kritik von Seiten BDSM-Praktizierender laut, jener Gruppierung also, die unter anderem, jedoch nicht ausschließlich dem Konzept der „Unterwerfung“ durchaus wohlgesonnen gegenüber steht. Vorgebracht wird aus diesen Kreisen primär, dass die in „Shades of Grey“ beschriebenen Praktiken nicht den im BDSM sorgfältig beachteten Sicherheitsstandards („safe, sane and consensual“) entsprechen – und die Befürchtung besteht, dass unbedarfte Leser/innen ersteren nacheifern könnten.
Niina Ringo | 24. September 2012 17:45
Shades of grey
Nur Emanzen schreiben das Buch so schlecht. Die wollen nicht wahr haben, dass es viele Frauen mit Unterwerfungsfantasien gibt, die das auch mal ausleben wollen. Weltliteratur hatte die Autorin dabei nicht im Sinn. Warum verkauft sich das Buch nach "Geschichte der O" so sensationell gut? Und warum kaufen es auffällig viele Frauen? Antworten darauf bleibt die Literaturkritikerin (das ist ein Beruf ohne Ausbildung!) schuldig. Ob das "Haus der Löcher" mit seinem ordinären Titel so viel besser ist?
Georg Schloss | 21. September 2012 12:23
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