Die Rechte für Larry Clarks Spielfilm "Ken Park" (2002) wurden in 30 Länder verkauft. In vielen Staaten ist es aber nicht so einfach, den Film zu sehen. Oft wurde er nur eingeschränkt vorgeführt oder gleich ganz verboten. Zum Beispiel in Australien, wo "Ken Park" bis heute nur bei spontan organisierten, illegalen Underground-Vorführungen läuft. In Neuseeland darf er nur auf Festivals oder in Filmschulen gezeigt werden. Und in den USA wurde "Ken Park" nur einmal 2002 beim Telluride Film Festival öffentlich vorgeführt. Angeblich verhindern ungeklärte Musikrechte seine Freigabe. In Deutschland ist der Film auf DVD frei erhältlich – für 18-Jährige, denn auf dieser Einschränkung besteht die FSK auch hierzulande.
Die neue Pornowelle?
Die teils drastischen Verbote wurden mit dem Argument ausgesprochen, "Ken Park" zeige Minderjährige bei sexuellen Handlungen, inklusive primären Geschlechtsorganen, Gruppensex und Ejakulation. Aber die Wellen der Empörung schlugen wohl nicht allein deshalb so hoch – schließlich waren alle Darsteller während der Dreharbeiten 18 Jahre alt. Und "Ken Park" ist keineswegs das einzige Drama, das mit pornografischen Elementen spielt – dafür gibt es viele Beispiele aus den letzten Jahren, wie "Romance XXX" (1999), "Shortbus" (2006) oder "The Girlfriend Experience" (2009) mit Porno-Star Sasha Grey, um nur einige zu nennen.
Die Gründe für die Empörung liegen tiefer, und sie haben viel zu tun mit Larry Clarks Sicht auf Jugendliche und sein Heimatland. "Ken Park" besteht aus vier teils miteinander verwobenen Geschichten, die sich um Sex, Tod, Gewalt und Missbrauch drehen. Alle fußen auf wahren Begebenheiten, die Clark im Lauf der Jahre aufschnappte und niederschrieb. Als Rahmen für die Episoden fungiert ein Selbstmord: Ken Park schießt sich auf dem öffentlichen Skateboardplatz in den Kopf. Shawn geht regelmäßig mit der Mutter seiner Freundin ins Bett; Claude versucht, seine schwangere Mutter vor seinem alkoholkranken, brutalen Vater zu beschützen, der ihn eines Nachts zu Oralsex zwingen will; Peaches lebt bei einem streng religiösen Vater, der sie brutal diszipliniert, nachdem er sie beim Sex mit ihrem Freund erwischt; und Tate wird von seinen Großeltern erzogen, die er hasst. Um seine Lust beim Masturbieren zu steigern, stranguliert er sich mit seinem Gürtel am Türknauf.
Einsame Seelen
Clark siedelt den Film nicht wie sein Regie-Debüt "Kids" (1995) in einer Metropole wie New York an, sondern in der kalifornischen Provinzstadt Visalia, die hier stellvertretend für die endlose amerikanische Suburbia steht. Clark zeigt Sex, Drogen und Gewalt als zur Realität der Provinz zugehörig, nicht nur dem Sündenpfuhl Großstadt. Er kehrt so zu seinen Wurzeln als Fotograf zurück. Berühmt-berüchtigt wurde Clark 1971 mit seinem Fotoband "Tulsa", in dem er den Alltag seiner Freunde in der gleichnamigen Stadt in Oklahoma porträtierte. Die schwarz-weißen Bilder zeigen seine Clique bei Sex, Drogenmissbrauch und beim Posieren mit Waffen. Ein Leben, wie Clark es selbst geführt hatte: Er wurde in Tulsa geboren und spritzte sich ab 1959 mit seinen Freunden Speed. Seine Fotos und Filme zeigen ein Bild der USA, das im öffentlichen Diskurs nicht existiert. Verwahrlosung und Vernachlässigung bestimmen hier den normalen Alltag. Aber Clark findet in der adoleszenten Grenzüberschreitung auch Poesie, Freiheitsdrang und unbedingten Lebenswillen. Problematisch ist für ihn nicht das Verhalten der Jugendlichen, sondern so wie in "Ken Park" eine moralisch korrupte Gesellschaft, die Werte vermitteln will, nach denen sie in Wahrheit nicht lebt.
Das gierige Auge der Kamera
Clarks Arbeiten ziehen durchaus auch Kritik aus dem liberalen Lager auf sich. Authentizität verbindet sich bei ihm mit einem Voyeurismus, der keine Distanz zum Gezeigten kennt. Sein Weltbild ist in sich selbstgenügsam, könnte der Vorwurf lauten, heile Familien oder "normale" Biografien gibt es hier nicht. So auch in "Ken Park". Hier, in seinem Alterswerk, rückt allerdings ein Element hinzu, das vielleicht noch stärker zu provozieren vermag: Viele Sex-Szenen zeichnet nämlich eine rührende Sanftheit aus. Das gilt besonders für die Schlussszene, in der Shawn, Claude und Peaches sich wie beiläufig zu dritt lieben, reden, lesen und lachen. Im Hintergrund läuft der melancholisch-entspannte Southern-Rock-Song "Shady Streets" von Dicky Betts and Great Southern, und über der Sequenz liegt ein großer Frieden. Sex, so scheint es hier, eröffnet den Jugendlichen den Zugang zu einer Utopie, in der sie sich verwirklichen können – fernab von der verlogenen Welt der Erwachsenen.
Oliver Kaever arbeitet als Filmjournalist in Hamburg.
DVD-Coverabbildungen: "Ken Park" | © Universum Film; © Legend Films
Foto, unten: © ~mya~ / photocase.com
Eine kurze Reportage auf ARTE über Larry Clark
Mehr zum Filmschaffen Larry Clarks auf den Seiten der Internet Movie Database
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