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Bedrohtes Refugium

Wie die Studenten den Sex revolutionierten

9.9.2012 | Oliver Geyer | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Sozialforscher Wolfgang Kraushaar

Sozialforscher Wolfgang Kraushaar

Waren die Achtundsechziger so wichtig für die sexuelle Befreiung der Gesellschaft, wie sie immer behaupten? Und hat sich das Thema im Zeitalter des Web-2.0-Pornos nicht eigentlich erledigt? Mit dem Sozialforscher Wolfgang Kraushaar zieht jemand Bilanz, der auf dem Höhepunkt der Bewegung dabei war.

War der Anteil, den die 68er an der sexuellen Befreiung Ende der 1960er-Jahre hatten, womöglich kleiner als angenommen? Der Aufklärungs-Filmer Oswald Kolle und die Expertin für "Ehehygiene" Beate Uhse hatten sich ja schon an die Arbeit gemacht.

Da hat es in der Tat viel Streit darüber gegeben, wie das im Nachhinein einzuschätzen ist. Aber man darf schon annehmen, dass es ohne Achtundsechzig wohl nie zu der Freiheit gekommen wäre, mit der heute jeder seine sexuellen Vorlieben ausleben darf, geschweige denn zu der Selbstverständlichkeit, mit der heute jeder beansprucht, sexuelle Erfüllung zu finden. Ob die Aktivisten der 68er aber nun ganz so avantgardistisch waren, wie sie sich in sexueller Hinsicht empfanden, darf eher bezweifelt werden. Von diesem Selbstbewusstsein sind ja einige der damals Beteiligten bis heute nicht mehr wieder runtergekommen.

Aber waren Leute wie Rainer Langhans, die in der Kommune I die freie Liebe propagiert haben, nicht tatsächlich eine Avantgarde?

Viel von dem, was im Laufe der Jahrzehnte über die Kommune I und ihre sexuellen Experimente berichtet wurde, hat sich höchstwahrscheinlich so nie zugetragen. Die Kommune I war ja seit Anbeginn auch ein Medienphänomen. Berichten von damaligen Mitbewohnern zufolge hat es dort in Wirklichkeit dann doch etwas anders ausgesehen, als die großen Illustrierten berichtet haben. Es gab damals einen starken Schlüsselloch-Effekt: Die als sexuell unbefreit geltenden Normalbürger waren eben sehr neugierig, wie es dort zuging, und haben die Kommune I zu einer Art Projektionsfläche gemacht. 

Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment, war ja so ein beliebter Spruch. Sind die Achtundsechziger in sexueller Hinsicht nicht ziemlich an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert? Später sind doch viele der hochtrabenden Experimente mit neuen Lebens- und Wohnmodellen wieder aufgegeben worden.

In der Tat haben sich nicht wenige damals heillos übernommen, was häufig zu Eifersuchtsdramen und chaotischen Beziehungen führte. Man eiferte dem vermeintlichen Vorbild der Kommune I nach und wurde dann rasch von der Realität eingeholt. Man stellte fest, dass das Bedürfnis nach der Geborgenheit einer Zweierbeziehung nicht so einfach auszuschalten war. Außerdem lief das Experiment mit der "befreiten Sexualität" im wahrsten Sinne des Wortes auf ein wechselseitiges Ausstechen hinaus. Irgendwann musste man sich eingestehen, dass diesem Anspruch erhebliche Schranken gesetzt sind. Allein schon deshalb, weil man sonst permanent Gefahr lief, andere Menschen zu verletzen. Was im Übrigen auch eine der Wurzeln der Frauenbewegung war. Die Frauen hatten in der ganzen Gemengelage ja nur zu oft den Kürzeren gezogen. Das war ein entscheidender Grund mehr für sie, zu rebellieren.

Die Langzeitwirkung freier Liebe

Die Protestgeneration von damals hegte sehr hohe politische Erwartungen an das Thema. Waren das aus Ihrer heutigen Sicht überhöhte Erwartungen?

Die Überzeugung, dass "freie Liebe" quasi automatisch auch zu einer Befreiung aus autoritären und faschistischen Systemen führen würde, ist sicher ein Trugschluss gewesen. Inzwischen hat die historische Forschung ja herausgearbeitet, dass der Nationalsozialismus keineswegs mit einer allumfassenden Unterdrückung der Sexualität einhergegangen ist, sondern vielmehr mit einer rassistisch kanalisierten Freizügigkeit in weltanschaulich pervertierter Form. Die Sittenstrenge der Kriegsgeneration, gegen die ihre Kinder 1968 aufbegehrten, ist vor diesem Hintergrund heute eher als eine Flucht in einen vorfaschistischen christlichen Wertekanon zu sehen, der als unbelastet von den Übeln der Nazizeit galt – die die Kriegsgeneration ja nach Kräften verdrängen wollte.

Sind die Achtundsechziger in dieser Hinsicht einem Missverständnis aufgesessen?

Nein, nicht unbedingt, so eindeutig würde ich das jedenfalls nicht sagen. Es lässt sich durchaus belegen, dass es in der Nachkriegszeit in Deutschland ein hohes Maß an sexueller Unterdrückung und Unfreiheit gegeben hat und dass das mit autoritären Formen, mit Gehorsamkeitskultur und mit einem überholten gesellschaftlichen Wertekanon verknüpft war. Diese repressiven Strukturen haben die Achtundsechziger aufzusprengen vermocht. Daher rührt im Grunde genommen auch ihre Langzeitwirkung.

Aber theoretisch war das doch alles ein bisschen arg weit hergeholt.

Damals wurde ja die politische Quintessenz, die man vor allem aus den Theorien des Psychoanalytikers Wilhelm Reich bezogen hat – nämlich dass eine unbefreite Sexualität, die unsere natürlichen Impulse unterdrückt, zu autoritären Charakteren und in der Folge zum Faschismus führe – mit anderen Leitgedanken des Studentenprotests zusammengebracht: dass sich in der Bundesrepublik hinter der parlamentarischen Fassade eine Re-Faschisierung vollziehe, die unbedingt verhindert werden müsse. Es gab damals zwar schon die NPD, die zudem auf ein paar Landtagserfolge blicken konnte. Aber dennoch war das zweifelsohne eine Überdramatisierung der politischen Gefahren. Zu glauben, man müsse nur seine Sexualität frei ausleben, um den autoritär-faschistischen Charakterpanzer abwerfen und die Gesellschaft so gegen autoritäre Strömungen immunisieren zu können, ist natürlich nichts anderes als eine Kurzschlussargumentation gewesen.

Lieber Karriere als Experimente

War das eigentlich ein deutsches Phänomen, dass die Studenten die Lust zu etwas Revolutionärem hochstilisiert haben? Der deutschen Jugend wurde ja als Treiber eines Neuanfangs nach Krieg und Naziterror damals viel Bedeutung beigemessen.

Bei dem Thema schwingt in der Tat immer etwas sehr Deutsches mit. Man hat auch im Bereich Sexualität versucht, eine gewisse Sonderrolle für sich zu beanspruchen. Diese Verknüpfung von Intimität mit Faschismus hat es zum Beispiel in Italien so nicht gegeben. Obwohl man dort mit Mussolini und dem Faschismus durchaus Grund genug gehabt hätte, darüber einmal auch in dieser Richtung nachzudenken. Gleichwohl spielte das Thema der sexuellen Befreiung in allen mit Deutschland vergleichbaren europäischen Industrienationen eine wichtige Rolle. Das war ein internationaler Aufbruch. Erstmals trat eine Generation auf, die keine gravierenden materiellen Probleme mehr hatte und sich deshalb auf die Suche nach dem individuellen Glück und sexueller Befreiung machen konnte.

Hat sich das Thema sexuelle Befreiung heute nicht eigentlich erledigt, angesichts einer durchsexualisierten Gesellschaft, in der nackte Haut medial allgegenwärtig ist und sich nicht wenige Menschen auf Porno-Portalen freiwillig in aller Internet-Öffentlichkeit ausziehen?

Sicher ist das Stichwort von der gesellschaftlichen Repression heute nicht mehr ganz zutreffend, wenn es um Sexualität geht – auch wenn natürlich immer noch Formen unterdrückter Sexualität übriggeblieben sind. Andererseits kann man umgekehrt aber auch nicht gerade behaupten, die Repression sei nun durch pure Libertinage ersetzt worden. Das erscheint mir zu sehr Ausdruck eines Schwarz-Weiß-Denkens zu sein.

Worauf spielen Sie an? Dass heute wieder viele Menschen in ganz gewöhnliche bürgerliche Zweierbeziehungen zurückgekehrt sind, nur in etwas coolerem Gewande?

Ja, diese neue Spießbürgerlichkeit wird aus Sicht der damaligen Protestgeneration schon als eine Bankrotterklärung wahrgenommen. Dieses Revival der Zweisamkeit und des traditionellen Familienlebens ist sicher sehr eng verknüpft mit den Karriereansprüchen, die heute allenthalben verfolgt werden. Karriere funktioniert gewiss besser, wenn man in stabilen sexuellen Verhältnissen lebt. Auch deshalb ist die Gesellschaft heute sehr auf Sicherheit getrimmt. Das war Ende der 1960er-Jahre ganz anders, da herrschte eine enorme Abenteuerlust vor, der Wunsch, vieles auszuprobieren. Andererseits darf man aber nicht vergessen, dass es heute im Gegensatz zu den 60er-Jahren einen großen Anteil von Singlehaushalten gibt. Die Individualisierung der Gesellschaft hat natürlich sehr stark zugenommen und das unterscheidet sie erheblich von den damaligen Verhältnissen. Was aber seitdem nicht verloren gegangen ist, das ist die Vorstellung eines erfüllten Sexuallebens als eine wichtige Voraussetzung individuellen Glücks. Der starke Impuls, den es damals dafür gegeben hat, wirkt weiter.

Sex sells!

Können wir das Thema Sexrevolution also zu den Akten legen?

Nein, das sehe ich nicht so. Das heutige System erzeugt mitunter ja auch dort Illusionen von sexueller Freiheit, wo die Gefühle längst vom Marketing vereinnahmt sind. In dieser Hinsicht hat der von den Achtundsechzigern besonders verehrte Philosoph Herbert Marcuse nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Schon Marcuse hatte das Selbstverständnis des modernen Menschen in der Warengesellschaft beschrieben und behauptet, seine angeblich befreitere Sexualität werde in Wirklichkeit nur besser vermarktet und durch Bilderwelten aufgeheizt – was letztlich zu einer neuen Form der Unterdrückung führe. In einer solchen Warengesellschaft, die die Sexualität völlig vereinnahmt habe, setze sich auf diese Weise auch im sexuellen Bereich das Leistungsprinzip durch. Alle messen sich nur noch an den körperlichen Vorzügen von medialen Idealbildern, deren Sexualität mit der Wirklichkeit nur noch wenig zu tun hat. Das hatten auch schon Autoren wie Reimut Reiche ("Sexualität und Klassenkampf") und Günter Amendt ("Sexfront") auf dem Radar, die damals über Sexualität geschrieben haben. Da lagen die wirklich nicht ganz falsch. Und insofern ist das ein wichtiges Thema geblieben.

Aber sind diese Web-2.0-Verhältnisse, in denen jeder sich zu jeder Zeit im Internet entblößen kann, nicht der feuchte Traum jener Generation, die mal die Losung ausgegeben hat, das Private sei politisch?

So interpretieren sich heute zweifelsohne Leute wie Rainer Langhans, die sagen, genau das haben wir damals schon gewollt. Wir hatten nicht die technologischen Möglichkeiten dafür, aber im Grunde genommen war das unsere Absicht. Ich sehe das ganz anders: Für mich ist es problematisch, dass die jungen Leute immer mehr das Gefühl dafür verlieren, wo die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem zu ziehen sind. Alle Welt ist dabei, sich gegenüber vermeintlich Gleichgesinnten zu öffnen und nicht nur Persönliches, sondern auch Sexuelles von sich bekannt zu geben. Und ich fürchte, dass einige derer, die heute in dieser Hinsicht sehr weit gehen, das einmal ähnlich bitter bereuen werden wie diejenigen, die am Ende der 60er-Jahre gemeint haben, alles Private über Bord werfen zu können. Die mussten ja auch erfahren, dass Intimität eigentlich nur einhergehen kann mit der Vorstellung von Grenzen und letztlich auch eines Reservats für Persönliches. Eines Refugiums, das man besser doch nicht ganz aufgeben sollte.

Oliver Geyer lebt in Berlin. Er schreibt für Magazine und Zeitungen.

Foto, oben: Dr. phil. Wolfgang Kraushaar, Politikwissenschaftler; Wissenschaftler im Arbeitsbereich "Die Gesellschaft der Bundesrepublik" des Hamburger Instituts für Sozialforschung | Foto: © Bodo Dretzke

Foto, mitte: © froodmat/photocase.com

Foto, unten: © monotonique/photocase.com



Links

Die 68er-Bewegung: Orgasmen wie Chinaböller

Die 68er-Bewegung: Die sexuelle Revolution

 





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