Make Love
Ann-Marlene Henning, Co-Autorin des Aufklärungsbuches "Make Love", hat Sexologie und Sexocorporel studiert. Letzteres Konzept besagt, dass in der Sexualität zwar der genitale Erregungsreflex angeboren ist, nicht aber die Fähigkeit, Lust zu genießen. Das gilt für Singles wie auch für Paare. Wie aber kann man junge Menschen dazu bewegen, ihr erotisches Potenzial auf körperlicher und emotionaler Ebene auszutesten und zu entfalten? Mit "Make Love" gibt es seit Kurzem ein Buch, das dies auf gleichermaßen pädagogische wie explizite Weise versucht und von vielen bereits jetzt als neues Standardwerk der Aufklärungsliteratur bezeichnet wird.
Emotional verwahrlost?
Im Zusammenspiel aus einfühlsamen Formulierungen des Autorinnen-Duos Henning/Bremer-Olszewski und ästhetischen Fotografien Heji Shins scheinen einige besonders Ambitionierte auch endlich ein Mittel gegen die sexuelle und emotionale Verwahrlosung der "Generation Porno" gefunden zu haben.
"Mit Porno Kinder vor Pornos schützen. Genial", kommentiert hingegen ein YouTube-User ironisch das Video-Interview mit den Autorinnen und trifft damit auf unfreiwillig zweideutige Art den Tenor der öffentlichen Diskussion um das Buch. Heji Shins Fotos zeigen nämlich echte Paare ziemlich genau beim echten Sex – und polarisieren damit.
Vergeblich suchte die Fotografin ihre Motive zuerst in Hamburg, fand sie dann aber in Berlin. In der Hauptstadt existiere eine echte Jugendkultur, deren Anhänger sich von den Zurückhaltungen ihrer Elternhäuser freigeschwommen hätten, so Shin. Nach kurzem Sondieren des Angebots im Lifestyle-Biotop vor ihrer Kreuzberger Haustür konnte sie dort direkt junge Paare ansprechen, ob sie sich beim Sex ablichten lassen wollten. Auf diese Weise fand sich die 35-Jährige innerhalb eines halben Jahres in den Schlafzimmern von gut 40 Paaren wieder, die sie an ihren intimsten Momenten teilhaben ließen.
Natürlich mussten die Freiwilligen volljährig sein, möglichst aber nicht älter als Anfang 20, um noch der Zielgruppe des Buches zu entsprechen. Mit ihrer realistisch-privaten Aura sind die entstandenen Fotos echte Hingucker geworden und laden zum primären Gebrauch des Aufklärungsbuches als Fotoband ein. Man kann sich gut vorstellen, wie die zierliche Südkoreanerin – das ihr entgegengebrachte Vertrauen achtend, dabei manchmal aber auch kleine Regieanweisungen gebend – inmitten der Zimmer stand und knipste.
Inhaltlich solide
Was den inhaltlichen Aufbau des Buches betrifft, gibt es keine großen Überraschungen. Über "Fass dich an", das erste und das zweite Mal gelangen Leserinnen und Leser zum Kapitel "Finde dich" über sexuelle Identität. Es wird vor allem geraten, sein inneres und äußeres Ich in Einklang zu bringen, um nicht sexuell fremdbestimmt zu handeln. Der Dialog mit dem/r Partner/in ist immer die Basis für alle weiteren genießerischen Schritte. Auf Homo- und Transsexualität gehen die Autorinnen unter dem Punkt "Das andere Ich" ein. Quer durch das Buch verstreut finden sich Randzitate aus der uns umgebenden Pop-Kultur.
Ziemlich erheiternd sind die vielen Synonyme für die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane in verschiedenen Sprachen. Gut zu wissen auch, dass Homosexuellen in manchen Kulturkreisen besondere spirituelle Fähigkeiten nachgesagt werden und Frauen vor Beginn ihrer Tage anscheinend besser räumlich denken können. Noch mehr davon hätte dem Buch nicht unbedingt geschadet. Nach dem die männliche und weibliche Anatomie erklärenden Kapitel "Hose runter" geht es dann sogar "Durch die Betten", wobei technische Feinheiten betont werden. Obligatorisch sind die Passagen zu Verhütung und Geschlechtskrankheiten, bevor man endgültig ins "sexuelle Universum" abheben darf.
Fotografin Heji Shin (links) und Interviewpartnerin Sara Jabril
Hinter der Oberfläche
"Make Love" erfreut sich bereits jetzt großer Beliebtheit, so dass viele Buchläden gar nicht mehr mit dem Nachbestellen hinterherkommen. Was ziehen wir also aus der Debatte darüber, ob das Aufklärungsbuch nun trotz seiner pädagogischen Ausrichtung zu pornografisch, zu voyeuristisch ist, oder – wie Claudia Voigt in ihrem Artikel "Liebe in Zeiten der Pornografie" (Spiegel.de) herausgefunden haben will – schlichtweg zu einem weiteren Eingeständnis dafür wird, dass wir in der Diskussion über Sex nicht mehr hinter "Bilder voller Geilheit" zurückkönnen?
Der Erfolg des Buches ist vor allem ein Zeichen dafür, dass sich junge Menschen von der Körperlichkeit, die die Bilder transportieren, angesprochen fühlen. Indem "Make Love" die emotionale Komponente betont und weit verbreitete Sex-Images mitunter täuschend echt nachahmt, dekonstruiert es diese und führt uns hinter hochstilisierte Oberflächen zurück. Auf diese Weise wirkt es der Abstumpfung des Affekts entgegen. Die Leserinnen und Leser sind sich des Realitätsgehaltes der Bilder bewusst, weil klar ist, dass es sich um echte Paare handelt. Soweit gut.
Schade nur, dass Heji Shin ausschließlich äußerst attraktive junge Menschen fotografiert hat und somit einen wesentlichen Vorteil, den ihre Herangehensweise hätte haben können, von vornherein verwirft. So wird "Make Love" auf Bildebene eher zu einem Zeugnis der jetzigen "flüggen" Generation Berlins. Dem lobenswerten Ansatz, auf Grundlage echter Emotionen die eigene Körperlichkeit zu entdecken, tut dies aber keinen Abbruch. Doch das könnte man den Jugendlichen auch ohne dieses kontroverse Buch zutrauen. Was ist oder war denn schon jemals die "Generation Porno"?
Matthias Wahsner ist Volontär bei "Redaktion und Alltag".
Fotos: © Heji Shin
Foto: "Heji Shin und Sara Jabril" | © Katrin Cürük
Kommentare
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)
Dein Kommentar
Kommentar schreiben
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)