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Hauptsache sexy oder lieber echt schön?

Es geht ums Ganze, nicht nur um Bauch, Busen, Po

4.9.2012 | Miriam Gutekunst | Kommentare (6) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Große Augen umrahmt von getuschten Wimpern, wallendes Haar, üppige Oberweite, schmale Taille, lange Beine, kombiniert mit einem verführerischen Blick und lasziven Gesten. Die Variationen reichen von blond bis brünette, von glattem bis lockigem Haar – mal lässig in engen Jeans und knappem Shirt, mal schick im Minirock und Rüschenbluse mit reichlich Dekolleté. Das ist das Frauenbild, das die Medien dominiert. Die geballte Ladung verspricht der Frauenkanal sixx. US-Serien wie "Sex and the City", "One Tree Hill" oder "Gossip Girl", Castingshows wie "Germany's Next Top Model" oder Fashion-Magazine mit den neuesten Schmink- und Modetipps bedienen sämtliche Klischees, die es gibt von der "Frau von heute". Millionen Mädchen in Deutschland konsumieren zum Beispiel Tag für Tag das Programm des Senders sixx, so auch Lena, 18, und Charlotte, 16. Die Ältere der beiden meint: "sixx finde ich einfach cool." Doch was machen diese idealisierten Bilder mit jungen Frauen?

"Frausein wird sehr reduziert auf Sexualität, auf Aussehen, auf Weiblichkeit", findet Nicole Lindenthal von Mira Mädchenbildung. Gemeinsam mit anderen Sozialpädagoginnen hat sie im Rahmen des Münchner Fachforums für Mädchenarbeit die Kampagne "Uns geht's ums Ganze" gegründet. Sie wenden sich mit diesem Projekt gegen die gängige Darstellung von Frauen und Mädchen in den Medien. Sie kritisieren, dass diese Bilder immer stärker bearbeitet werden und damit Schönheitsideale vermittelt werden, denen junge Frauen nachgehen, aber nie erfüllen können. "Es ist der perfekte Körper, der angestrebt wird", klagt Lindenthal. Es sei auch selbstverständlich, dass man für die eigene Schönheit selbst verantwortlich ist und das nichts Zufälliges mehr ist, so die Pädagogin. Das Ergebnis sind Schönheitswahn und Körperkult.

Interessen der Industrie

Ein weiterer Kritikpunkt der Kampagne ist die Sexualisierung und Pornofizierung von Frauenbildern in den Medien. Gerade in der Werbung seien immer mehr Bilder präsent, die an Pornos erinnern oder stark sexualisiert sind, stellt Rebecca Fertl von amanda – Projekt für junge Frauen und Mädchen fest. "Frauen werden einseitig als Sexualobjekte dargestellt." Halbnackte Frauen in aufreizenden Posen tauchen nicht nur in der Werbung für Produkte aller Art auf, auch in Vorabendserien, Castingshows oder Zeichentricksendungen wird der Großteil der weiblichen Akteure in erster Linie sexy und lasziv dargestellt. Die medial verbreitete Definition von Schönheit durch Eigenschaften wie sexy, schlank und makellos prägt junge Mädchen von Kindesbeinen an. "Bei jedem Blick in den Spiegel wird diese Folie, das gemachte Bild, darübergelegt", warnt Elisabeth Kretschmar-Marx vom Referat für Bildung und Sport der Stadt München. Das Ziel der Kampagne sei es, den Mechanismus und die Industrie dahinter aufzuzeigen: "Das es nicht so ist, dass Frauen auf natürliche Weise schön sein wollen und deswegen all die zur Verfügung stehenden Kulturtechniken nutzen, sondern dass das aus Wirtschaftsinteresse und aus Männerinteresse so gemacht ist."

Kunstprojekt von 'mira Mädchenbildung'

Kunstprojekt von 'mira Mädchenbildung'

Fragt man Lena nach einem Vorbild aus den Medien, muss sie lange überlegen. "Also wenn ich es jetzt auf das Aussehen beziehe, würde ich die taff-Reporterin anbringen. Die schaue ich mir ganz gerne an. Die ist immer schick angezogen. Und die hat schöne Haare und ist schön geschminkt", meint die Abiturientin schließlich zögerlich. Doch recht überzeugt scheint sie nicht. "Wo gibt es alternative Rollenbilder? Es fehlen komplett die Alternativen", äußert sich Lindenthal zu der Auswahl an weiblichen Charakteren im Fernsehen. Es gäbe tatsächlich Vorbildfrauen, aber die würden medial nicht so gehypt werden. Auch bei ihrer Arbeit mit Mädchen machte sie die Erfahrung, dass Vorbilder grundsätzlich über ihr Aussehen definiert werden. Meistens fallen in den Gesprächen Namen wie Rihanna, Paris Hilton oder Heidi Klum. Auch Charlotte findet wie viele Mädchen in ihrem Alter eine Frau schön, "wenn sie gute Klamotten anhat oder schöne Haare hat, so dick und gelockt". Dann überlegt die 16-Jährige kurz und fügt hinzu: "Und wenn jemand Ausstrahlung hat." Wenn jemand die ganze Zeit lache, dann sei das positiv und das fände sie schön. "Wenn jemand nur gut aussieht, ist er nicht automatisch toll", betont sie noch einmal.

Kampagne 'Uns geht’s ums Ganze'

Kampagne 'Uns geht’s ums Ganze'

Ein anderes Frauenbild aus dem Koffer

Und an diesem Gedanken setzt die Kampagne "Uns geht's ums Ganze" an. In Seminaren und Workshops sprechen die Fachfrauen mit Mädchen darüber, was für sie eigentlich Schönheit ist, über was sie sich definieren und welchen Einfluss die Frauenbilder aus den Medien auf sie haben. "Welche Möglichkeiten zur Selbstbestimmung haben Mädchen sonst? Das möchten wir vermitteln: Schau genau, ob es das ist, was du willst, oder ob das Suggestion ist", erläutert Kretschmar-Marx, die gerade einen Methodenkoffer zum Thema "Schönheit" für 3- bis 12-Jährige entwickelt.

Auch Lena konsumiert Serien auf dem Fernsehkanal sixx mehr zur Unterhaltung als wirklich aus Begeisterung. Sie ist sich der technischen Manipulation des Aussehens der Moderatorinnen und Schauspielerinnen durchaus bewusst. "Wenn ich da vorne vor der Kamera stehen würde, hätten die mich auch so schön gemacht", sagt sie selbstbewusst.

Doch so viel Selbstreflexion kann man nicht von jedem Mädchen erwarten. Lena hat gerade ihr Abitur gemacht und wird von ihrer Familie unterstützt. Viele junge Frauen bekommen keine Alternativen aufgezeigt und keine Gelegenheit, die medialen Bilder kritisch zu betrachten. "Uns geht's ums Ganze" will das ändern. "Es gibt immer Einzelne, die sich auf wunderbare Weise davon unabhängig machen können", meint Kretschmar-Marx. Und genau von diesen Mädchen soll es ab sofort mehr geben.

Miriam Gutekunst lebt in München. Sie schreibt für Zeitungen und Magazine.

Fotos: © wetwater / photocase.com ; © nanduu / photocase.com

Foto, mitte: Kunstprojekt für Mädchen mit und ohne Behinderung | © mira Mädchenbildung

Foto, unten:  "Uns geht's ums Ganze" - Fotokampagne 2012 / © amanda – Projekt für Mädchen und junge Frauen







Kommentare

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Was bisher geschah...

Unsere volle Unterstützung!

Uns geht's ums Ganze hat unsere volle Unterstützung und wir sind froh, dass immer mehr solcher Initiativen entstehen. Zum Beispiel ist dieses Jahr auch Anybody Deutschland gestartet, Susie Orbachs Internationale Organisation gegen Körperhass. Und wir kämpfen hier in Hamburg gegen die Pinkisierung von Kindern und Germanys Next Topmodel. Es wächst, es wächst... Stevie Schmiedel für Pinkstinks Germany

Pinkstinks Germany | 20. September 2012   10:10

sozialpädagogische Esoterik

"Uns gehts ums Ganze" .. aber sicher doch. Es geht meines Erachtens sehr viel eher um die Vermarktung eines sich ständig selbstreflektierenden Frauenbildes, das in seiner zur Verunsicherung beitragendenden, in den visuellen Massenmedien dargestellten, ästhetischen Idealbilds in nichts, aber auch gar nichts nachsteht.

sam | 14. September 2012   16:18

Sven, lenk nicht ab

@Sven Natürlich gibt es auch ein Schönheitsideal für Männer. Es nimmt zunehmend Raum ein, und das wird hier auch nicht bestritten. Allerdings ändert das nichts am Inhalt des Artikels - Du lenkst mit Deinem Kommentar nur unnötig vom Thema ab. Außerdem halte ich es für wenig hilfreich, Idealbilder aus dem alten Griechenland zum Vergleich zu stellen: einige Statuen in den Städten sollen ähnlich dem in tausenden Werbebildchen, -filmchen usw. gezeigten, superschlanken, kaum erreichbaren Schönheitsideal des 21. Jahrhunderts bewertet werden? Da hätten sich die Bildhauer in der Antike wohl sehr gefreut, wenn sie die Wirkung eines Massenmediums entfaltet hätten - aber das ist völlig unrealistisch, und ich bin sicher, das weißt du. Wie wäre es, wenn du dich gegen die vielen aus- und übertrainierten Männerbilder engagierst, also etwas TUST - anstatt hier eine Diskussion eher zu VERHINDERN? Viel Erfolg, bei ersterem jedenfalls.

Claudia | 13. September 2012   15:48

Frauen-interne Diskussion

Als Mann empfinde ich nicht, dass Frauen in irgendeiner Form stärker als Männer in den Medien und der Werbung an einem kulturell geprägten Idealbild dargestellt werden, eher im Gegenteil. Während man Brüste aus irgendeinem Grund immer schamhaft halb verdeckt, blicken einem doch perfekt austrainierte Schultern, Arme und Sixpacks nicht nur in der Cola Light Werbung, sondenrn ununterbrochen entgegen. Wenn wir uns aber die Kulturgeschichte der Menschheit vor Augen führen, kommt man nicht umhin, eine Orientierung an spezisch-kulturell geprägten, überspitzten Idealbilder zu erkennen. Von dem übermenschlich groß und muskulös dargestellten Herakles Farnese mit möglichst kleinem, "unbarbarischen" Gemächt (und damit dem männlichen Ideal in der Antike) über archäologisch Funde (und nicht zuletzt Fresken), die Schminke und Spiegel ebenfalls seit tausenden von Jahren nachweisen können. Wenn wir uns nun also vor Augen führen, dass es offenbar in der Natur des Menschen liegt, einem von der Gemeinschaft festgelegten Ideal zu folgen, dann stellt sich die Frage, wie das aktuelle - als krank empfundene - Ideal geändert werden kann. Die Antwort ist klar: Gesamtgesellschaftlich und geschlechtsübergreifend. Dahingehend empfinde ich den Artikel und die beschriebene Aktion als wenig hilfreich, da einseitig und verbunden mit einem implementierten Vorwurf. Siehe auch den Kommentar von Angelika: Ich kenne nur sehr, sehr wenige Männer, die auf "blond-schlank-groß" stehen. Die Vorstellung, dass dies so wäre, ist bereits eine kulturgeprägte Vorstellung, falsch und wenig hilfreich.

Sven | 11. September 2012   23:00

Figur?

Wenn das endlich mal aufhören würde, diese dumme Lästerei für Frauen ab Größe 42!Als ob das Äußere alles wäre! Schade auch, dass Männer fast immer nur blond-schlank-groß schön finden....zumindest die, die mir gefallen.

Angelika | 11. September 2012   18:27

Zustimmung

Tolle Idee,die Kampagne . "Uns geht's ums Ganze"- weiter so! Ich kann Nicole Lindenthal nur zustimmen, es geht um nichts anderes als die möglichst verführerische Darstellung von unnatürlich herausgeputzten Frauen als Werbeobjekte.

Lea | 11. September 2012   11:02

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