Als wir uns das erste Mal begegnet sind, war ich vier Jahre alt und habe mir zu Weihnachten eine Puppe gewünscht. Ein ungewöhnlicher Wunsch für einen Jungen. Meine Mutter war dagegen und natürlich habe ich die Puppe nicht bekommen. Aber von da an bist du immer da gewesen – manchmal hast du dich offen gezeigt, manchmal musstest du dich verstecken. Lange Zeit habe ich dich nicht erkannt, dabei warst du mir so nah. Lange bevor ich mich verstanden habe, hast du mich verstanden. Du warst die, die ich immer sein wollte. Lange habe ich dich weggestoßen, dich verleugnet – mich in einem Schneckenhaus verkrochen. Mich vor mir selbst versteckt. Ich bin transsexuell. Dass ich diesen Satz einfach so sagen kann, hat mich viel Zeit gekostet.
In der Schule habe ich mich immer mehr isoliert, weil ich mir selbst gegenüber fremd war und mit den anderen Kindern überhaupt nicht klargekommen bin. Der Wechsel auf das Gymnasium war ein Fehler, viel zu sehr hattest du schon Besitz von mir ergriffen. Ich war emotionaler als die anderen, Fußball und toben im Wald fand ich doof. Ich wurde gemobbt. Nach der sechsten Klasse musste ich auf die Realschule wechseln. Meine Noten waren zu schlecht.
Erst nach und nach begann ich zu verstehen: Am Ende der neunten Klasse habe ich zum ersten Mal Mädchensachen getragen. Es war toll. Ich habe mich so wohl gefühlt – irgendwie befreit. Immer öfter habe ich heimlich Mädchensachen angezogen, bis meine Eltern mich erwischt haben. Sie haben die ganzen Klamotten aus meinem Zimmer geschmissen. Meine Haare, die ich mir etwas länger hatte wachsen lassen, mussten geschnitten werden, weil meine Mutter meinte, dass sich das nicht gehört. Ihr war ihr Ruf immer wichtiger als die Gefühle ihrer Familie. Als meine Gefühle. Du wurdest wieder aus meinem Leben verbannt, dabei habe ich mich mit dir so gut gefühlt. Manchmal habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, wenn es mich überhaupt nicht mehr gäbe. Aber ich hatte nicht den Mut, weil es auf der Welt noch so viel zu entdecken gibt.
Ich komme aus einem sehr christlichen Elternhaus – Verständnis für meine Situation, im falschen Körper geboren zu sein, konnte ich da nicht erwarten. Ich war todtraurig. Sie haben mich zum Therapeuten geschickt und mir eingeredet, dass es Sünde wäre. Dass es einfach falsch ist: Gott habe mich als Mann geschaffen und nicht als Frau. Ich habe es geglaubt und mich schuldig gefühlt. Gleichzeitig habe ich aber auch gemerkt, dass das alles im krassen Gegensatz zu dem steht, was ich will, was ich fühle. Aufgewacht bin ich noch lange nicht – mehr und mehr habe ich mich schuldig gefühlt, schließlich wollte ich auch meinen Eltern ein guter Sohn sein. Das wollte ich so sehr, dass ich mich darüber selbst vergessen habe.
Erst im Laufe der Zeit habe ich gelernt, mich aus diesem Denken zu befreien und für mich einzutreten: Ich bin transsexuell. Das ist nichts Schlimmes. Vor einem Jahr habe ich damit begonnen, zu mir zu stehen – so, wie ich bin. Nach und nach verschwindet mein altes verängstigtes und sehr leicht beeinflussbares Ich. Ich habe es geschafft mich selber zu akzeptieren. Heute stehe ich für mich ein, bin selbstbewusst. Meine Freunde stehen zu mir, unterstützen mich, wann immer es geht. Meine Eltern akzeptieren mich bis heute nicht. Ich wohne nicht mehr zu Hause, versuche aber, sie einmal im Monat zu besuchen. Irgendwie fühle ich mich ihnen gegenüber noch immer schuldig, schließlich sind sie meine Eltern.
Das sind die Momente, in denen ich in die Rolle zurückfalle, die ich so lange gespielt habe. Aus der hintersten Ecke meines Schrankes hole ich dann die Jungensachen, die dort eigentlich verstauben sollen. Die packe ich ein, schminke mich ab und verkleide mich als Jungen. Wohl fühle ich mich in dieser Rolle nicht, aber ich möchte, dass endlich Frieden herrscht. Dafür gehe ich diesen Kompromiss ein, der für mich Stress bedeutet. Die Besuche dauern nie lange und ich fahre auch bald wieder, weil ich mich die ganze Zeit über unwohl fühle. Es kommt auch öfters zum Streit, wenn ich zu Hause bin, weil sie noch immer versuchen, dich wieder zu verbannen. Aber heute bin ich stärker. Heute haben sie keine Chance mehr.
Wenn ich die Tür hinter mir schließe, dann lässt dieser unsägliche Druck nach. Endlich muss ich nicht mehr schauspielern. Früher spielte ich eine Rolle, heute lebe ich mich. Viele Jahre habe ich versucht die Rolle eines Jungen zu spielen, obwohl ich das gar nicht bin und mich auch gar nicht mit dieser Rolle identifizieren kann. Deswegen schmeiße ich die Sachen auch direkt wieder in die hinterste Ecke des Schrankes – auf dass sie dieses Mal verstauben dürfen.
Meine Eltern akzeptieren mich nicht, aber ich akzeptiere mich. Heute bin ich Jenny, 23 Jahre alt, und lebe als Frau. Ich studiere und freue mich, wenn ich nach dem Studium die geschlechtsangleichende Operation machen lassen kann. Heute weiß ich, dass dieses Versteckspiel mich lange Zeit kaputt gemacht hat. Ich hätte früher auf dich hören sollen. Seit ich endlich ich bin, geht es mir gut. Weil ich mich gefunden habe.
Aufgezeichnet von Clara-Sophie Zink und Nora Jakob
Foto: © nanduu / photocase.com
Kommentare
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Was bisher geschah...
ja - aber
Auch ich empfinde den Artikel als sehr berührend, auch ich kann das Geschreibene gut nachvollziehen, denn auch ich bin, genau wie die anderen, die hier einen Kommentar abgegeben haben transident und kenne dieses sich-falsch-fühlen, dieses nicht-sein-dürfen aus jahrzehntelanger, leidvoller eigener Erfahrung. Aber, wenn wir erkannt haben, dass unsere Seele, auch wenn sie anders ist, als es sich eigentlich in einem solchen Körper gehört, doch nicht falsch, sondern richtig ist. Wenn wir das erkannt haben, wie können wir dann sagen, dass unser Körper falsch ist? Mein Körper ist der einzig, den ich in diesem Leben habe. Gegen ihn Krieg zu führen, ihn mit Messer und Chemie anders zu nmachen, als er nun einmal ist, macht ihn nicht richtiger. Genauso wie ich lehrnen musste, dass meine weibliche Seele richtig ist, möchte ich auch lehrnen, dass mein Körper richtig ist. Falsch ist einzig und allen die Ideologie, dass in einem männlichen Körper nur eine männliche Seele leben würfte und in einem weiblichen Seele nur in einem weiblichen Körper leben könne. Der Artikel hat Recht: Nur wenn ich zu meiner Seele, so wie sie ist "ja"-sage, nur dann kann ich glücklich werden. Aber das genügt nicht: Denn nur, wenn ich auch zu meinem Körper "ja"-sage kann ich wirklich glücklich leben.
nicola | 10. Dezember 2012 15:55
Vielen Dank für den einfühlsamen Artikel
Vielen Dank für diesen einfühlsamen und bewegenden Artikel zum Thema Transidentität. Einige Mitglieder unserer Plattform für Transgender, Angehörige und Interessierte haben dazu übrigens ein sehr einfühlsames Lied geschrieben: http://www.gendertreff.de/2009/11/29/zwei-seelen/ Viele Grüße Ava
Ava | 9. Dezember 2012 14:59
danke :)
danke für diesen großartigen artikel und die vielen weiteren die sich in der aktuellen fluter-ausgabe mit homo- und transsexualität so offen und vorurteilsfrei beschäftigen. danke, dass ihr euch beim thema sex nicht auf heteronormativität beschränkt - ihr seid super. :) Und Jenny, danke dass du deine geschichte mit uns teilst. ich wünsche dir viel Glück und alles, alles Gute auf deinem weiteren Lebensweg!
Lea | 22. September 2012 11:40
Artikel
Jedes Leben geht der Frage nach dem "Was bin ich" nach,auch ich musste dem Ruf meiner weiblichen Seite folgen,nachdem ich lange versucht habe ihn zu verdrängen."Sie" war einfach stärker,wollte leben und nicht "geheilt"werden, so bin ich Ihr gefolgt.Heute mit über Fünfzig habe ich alles was machbar war, auch gemacht,bin glücklich und endlich bei mir selber angekommen.Viel Glück auf deinem weiteren Weg! Danièlle la Belle
Danièlle Weiss | 18. September 2012 15:38
Eindrucksvolle Schilderung
Ich finde es sehr gut, dass das Thema Transsexualität hier thematisiert wird. Der Artikel ist sehr berührend und nahegehend. Ich kann viele der Gedanken nur zu gut nachvollziehen, da ich selbst ebenfalls transsexuell bin. Ich akzeptiere mich selbst zwar eigentlich schon immer, hatte aber angesichts der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bis heute noch nicht den Mut gefunden, das wie die Protagonistin öffentlich kundzutun und bin ratlos, wie ich mit meiner wahren Identität in der Zukunft (ich bin jetzt 19 Jahre alt) umgehen soll. Aber ich freue mich sehr mit der Protagonistin des Textes, dass sie bereits so viel erreicht hat und wünsche ihr weiterhin das Beste und dass sie ihr Leben in vollen Zügen genießen kann und die Welt im richtigen Körper entdecken kann!
Patti H. | 11. September 2012 22:54
Dein Artikel
Wünsche dir alles Gute,auf deinem weitern Weg. Ich mußte 62zig werden,um es zu schaffen LG Hilde
Hilde Ganahl | 8. September 2012 21:14
Super Artikel!
Super Artikel, einfühlsam geschrieben, eindringlich erzählt. Werde ich weiterverteilen. Danke!
Karolina | 5. September 2012 13:11
Sehr berührender Artikel
Ich empfinde den Artikel als sehr bewegend und ich kann die Schilderung sehr gut nachvollziehen, da ich selbst transident bin. Ich bin zwar einiges Älter, als die Protagonistin des Artikels, aber ich kenne die beschriebenen Gefühle nur zu gut. Gerade die letzten vier Sätze kann ich absolut nachvollziehen. Beste Grüsse vom Bodensee, Michaela
Michaela | 5. September 2012 11:15
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