Sex lernen im Nachtprogramm. Erste Erfahrungen online sammeln: mit YouPorn, Pussykätzchen oder Cumshots. "Komisch, erregend und abstoßend zugleich", erklärt das Mädchen im Dokumentarfilm ihre erste Erfahrung mit Pornos im Netz. In "Geiler Scheiß" reflektieren sie und andere 17- bis 23-Jährige ihren Umgang mit Pornografie und lassen wissen, warum und wie häufig sie die Angebote nutzen.
"Man spricht in dem Alter von Muschis und Bla und dann hat ein Kollege gesagt, ich hab' da einen Porno und den ziehen wir uns jetzt rein", sagt ein Junge im Film. Ein anderer, dass sie sich eigentlich die ganze Zeit nur kaputtgelacht hätten. Die meisten von ihnen haben ihren ersten Porno mit 15 Jahren geschaut – viele von ihnen mit Freunden auf einer Party, um ihre Neugier kollektiv zu befriedigen. Nicht bei allen ist der erste Konsum der letzte geblieben.
Junge Menschen suchen nach Wissen, nach Erfahrungen und Vorbildern in Sachen Sex. Sie schauen Pornos aus Gründen der Erregung und wollen wissen, wie Sex funktioniert, weil sie ihn selbst noch nicht erlebt haben. "Andere gucken sie, weil sie mitreden möchten unter Freunden, aus Unterhaltung oder gegen die Langeweile", sagt Professorin Petra Grimm von der Hochschule der Medien in Stuttgart.
Sexuell gesehen haben Heranwachsende heute so viele Freiheiten sich zu entfalten wie keine andere Generation vor ihnen. Sex ist dabei nicht mehr nur intim. Er ist etwas Kollektives geworden, das man über das Internet oder über Fotos und Filme auf dem Handy teilt. Als Rezipienten und aktive Gestalter ihrer Sexualität nutzen Heranwachsende das steigende Angebot im Netz. Nichts ist einfacher, als dort an pornografisches Material heranzukommen – auch an hartes.
Was junge Menschen im Netz finden, wie sie das Angebot bewerten und was es mit ihnen macht, wird von wissenschaftlicher Seite unterschiedlich diskutiert. Die Auswirkungen hat zuletzt die qualitative Studie "Porno im Web 2.0" unter der Leitung von Grimm untersucht. "Pornos sind aus Sicht der Jugendlichen völlig normal und selbstverständlicher Bestandteil ihres alltäglichen Medienkonsums", sagt die Professorin. Ihre Einstellung dazu hänge einerseits von ihrem Alter und der sexuellen Erfahrung, andererseits von ihrer Medienkompetenz ab.
Zudem gebe es einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. "Was als abstoßend gilt, wird von vielen Mädchen bereits als Pornografie empfunden, während Jungen die Grenze zwischen dem, was für sie normal und nicht normal ist, erst bei Extrempornografie ziehen", sagt Grimm. Laura Sciabica, die Filmemacherin des Dokumentarfilms "Geiler Scheiß", tut sich schwer, Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen zu machen. "Nur, weil Jungs mehr darüber sprechen, heißt das nicht, dass sie es auch mehr schauen", sagt die 23-Jährige.
Nicht nur das Schauen, auch das Sprechen über pornografische Inhalte treibt junge Menschen an. Trotz vieler gesellschaftlicher Tabus ist Porno-Chic normal geworden: in Nachmittags-Talkshows, in Bestsellern wie "Feuchtgebiete" oder "Shades of Grey", in Musikvideos von Lady Bitch Ray oder Texten von Porno-Rappern wie Frauenarzt. "Fotze komm' zum King und bück' dich. Ich knall' dich sofort von hinten": Gerade wegen ihres problematischen Inhalts genießen besonders sexuelle Darstellungen in Rap-Texten Kultstatus. In sozialen Netzwerken finden sich Kunstnamen wie "Pornokätzchen" und Pornowitze sind in, "obwohl viele nicht einmal wissen, worum es bei Wörtern wie Gangbang, Blowjob, MILF überhaupt geht", sagt der Sprachwissenschaftler Nils Bahlo von der Universität Münster. Autorin Myrthe Hilken prangert in ihrem Buch "McSex" eine Pornofizierung der Gesellschaft an. Sex sei zu einem billigen Massenkonsumartikel geworden und das Internet, sexistische Musik und Videoclips hauptverantwortlich für diese Entwicklung.
Richtet regelmäßiger Porno-Konsum bei Jugendlichen Schaden an? "Die Jugend verroht", rufen die Kritiker, sprechen von Verwahrlosung und moralischem Zerfall und betiteln sie als "Generation Porno". Auffällig ist in der Debatte, dass sie lange von Experten jenseits der 40 Jahre geführt wurde. Von Menschen wie Bernd Siggelkow zum Beispiel, dem Gründer des Kinderhilfswerks Arche in Berlin. Die Ergebnisse seiner Umfrage unter Kindern aus sozial schwachen Berliner Familien hat er 2010 unter dem Titel "Die sexuelle Tragödie" publiziert. Darin warnt er vor einer frühreifen Jugend, die zu keinen Partnerschaften mehr fähig sei, beschreibt elfjährige Dauer-Porno-Gucker und Jugendliche, die sich nicht mehr küssen, dafür aber Erfahrung mit Oralsex haben.
Andere wissenschaftliche Studien – wie die der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) von 2010 – zeichnen ein anderes Bild. Demnach sind Jugendliche weitaus treuer und verantwortungsvoller als ihr Ruf. Autor Johannes Gernert setzt der Diskussion in seinem Buch "Generation Porno" eine kritische Bestandsaufnahme aus Perspektive der Jugend entgegen. Ohne moralischen Zeigefinger hat auch die damals 18-jährige Filmemacherin Sciabica ihren Film "Geiler Scheiß" gedreht. "Ich wollte damit meiner Generation eine Stimme geben und einen Film über Jugend und Sexualität von Jugendlichen für Jugendliche machen", sagt Sciabica.
In Sachen Sex stellen sich junge Menschen heute neue und andere Fragen als noch vor zehn Jahren: Was sind die wichtigsten Sexstellungen? Ist Analsex gesund? "Fragen wie diese zeigen, wie weit Bilder, Wissen und eigene Erfahrung auseinanderklaffen", sagt Grimm. Viele seien gespalten zwischen dem Bild, das sie von idealisierter Sexualität hätten, und dem Bild, das sie aus der Pornografie kennen würden. Denn auch wenn die meisten Jugendlichen zwischen Fiktion und Realität unterscheiden könnten, könne ein regelmäßiger Konsum von Internetpornografie die Vorstellung der Jugendlichen von Sexualität prägen. Andere Experten kritisieren, dass in vielen Pornos ein stereotypes biologisch begründetes Geschlechterrollenmodell untermauert wird. Ein Bild von Jungen, die Triebe haben, und Mädchen keine oder eines, in dem Frauen immer wollen und Männer immer können.
"Mit diesen Vorgaben wird ihnen wenig Zeit gelassen, selbst spielerisch und neugierig an ihre eigene Sexualität heranzugehen und Partnerschaft zu entdecken, weil sich besonders in jungen Jahren die Drehbücher und Modelle ein Stück weit übertragen können", sagt Grimm. So herrsche aus Sicht der Jungen dann ein erhöhter sexueller Leistungs- und bei den Mädchen ein Perfektionsdruck, der auf ein körperliches Schönheitsideal abziele. Auch Filmemacherin Sciabica hat diese Beobachtung gemacht – glaubt aber an die Reflektiertheit der Heranwachsenden. Es hätte Mädchen beim Dreh gegeben, die sich gefragt hätten, ob sie auch so aussehen und so stöhnen müssten wie die Frauen im Film. "Irgendwann haben sie gemerkt, dass sie sich diesem Vergleich nicht stellen müssen", sagt die Filmemacherin. Und viele der Jungs hätten verstanden, dass sie einen Strich unter die Darstellung im Film und ihrem realen Liebesleben setzen müssten.
Hadija Haruna arbeitet als Redakteurin bei der jungen Welle des Hessischen Rundfunks (YOU FM) und als freie Autorin unter anderem für den Tagesspiegel und die ZEIT.
Foto, Oben: © Knuppi / photocase.com
Foto, Unten: © himberry / photocase.com
Kommentare
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Was bisher geschah...
NoFAP und das Gewohnheitstier
Die Diskussion um die sexuellen Darstellungen von Menschen in Film, Werbung, Internet etc. empfand ich meist als übertrieben und den Konsum solcher Inhalte als unproblematisch - bis zu einem Tag, der noch nicht so lange her ist. Es war eine Augen öffnende Frage: Welche Auswirkungen hat mein Pornokonsum auf mich und mein Beziehungsleben, meine Sexualität. Die Webseite yourbrainonporn.com brachte mich auf den Gedanken. Dort wurde über den Zusammenhang von erektiler Dysfunktion (ED), "eskalierendem" Konsum und diverser anderer Themen berichtet. Mit ED ist gemeint, dass junge Männer Probleme haben, eine Erektion zu bekommen, wenn sie mit echten PartnerInnen Sex haben wollen, sonst bei Pornografie jedoch nicht. Das kann sich auch schon vorher darin äußern, dass sie in solchen Situationen nur mit Hilfe "wilder Phantasien" eine Erektion bekommen können. Nur durch diese Probleme habe ich gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt. Seit ich 12 bin, also seit mehr als der Hälfte meines Lebens schaue ich Pornos. Damit wäre ich auch schon beim "eskalierenden" Konsum. Während zu Beginn schon die Unterwäsche-Models im Katalog eines Versandhauses sehr erotisch waren, brauchte es mit der Zeit immer mehr: nackte Frauen, Softcore, Hardcore und so weiter. Ich war immer auf der Suche nach dem besonderen Kick. Eben diesen Kick konnte ich irgendwann in meiner Beziehung nicht mehr bekommen. Dazu kommt das Problem, dass die Libido recht gering ist, wenn man das Gehirn im Glauben lässt, man käme regelmäßig seiner evolutionären Verpflichtung nach, sein Erbgut zu verbreiten; dass es sich hier nur um einen "geschwängerten" Bildschirm handelt, spielt dabei für das Gehirn eine untergeordnete Rolle. Mit nur ein paar Mausklicks bekommt man heutzutage in ein paar wenigen Minuten so viele nackte Frauen zu Gesicht, wie früher ein Mensch wohl in einem ganzen Leben. Aus diesen Überlegungen und dem, wissenschaftlich nicht oder nur wenig nachgewiesenen Gedanken, dass diese Konsum-Gewohnheit auch Folgen für den Dopaminhaushalt haben, entstand eine NoFAP-Bewegung. Fap ist dabei der Internetslang für Masturbation. Es geht also um den erklärten Willen, für längere Zeit bewusst auf den Konsum von Pornografie zu verzichten. Die Erfahrungsberichte lesen sich fast immer ähnlich: Verschwundene ED, offeneres Auftreten, bessere Konzentrationsfähigkeit, evtl. auch ADHS/Depressionen uvm reduziert; auch wenn der Placebo-Effekt hier sicher eine beachtliche Rolle spielen wird und es praktisch keine Kontrollgruppe gibt (es ist sicher schwer, ausreichend junge Männer zu finden, die nicht masturbieren). Ich konnte bei mir selbst ähnliche positive Effekte feststellen. Ganz abgesehen von den praktischen Vorteilen; ich muss mir nun keine Gedanken mehr machen, wenn mal jemand an meinem Rechner sitzt, dass da aus versehen irgendwelche "Dinge" gefunden werden. Die Berichte über Menschen, die diesen Schritt gegangen sind häufen sich. Bleibt zu hoffen, dass es bald eine Kontrollgruppe gibt, so dass sich ernsthafte, wisenschenschaftliche Studien dieser Problematik widmen können. Heute, nach reichlich Reflexionszeit, kann ich sagen, dass ich Pornografie nicht als so "ungefährlich" betrachte, wie ich es immer vermutete. Hier sollten vielleicht auch Ansätze verfolgt werden, die Medienkompetenz-Schulung soweit erweitern, dass sie ein Bewusstsein für Pornografie schaffen. P.S.: Inwiefern diese Ansichten und Erkenntnisse auf weibliche Personen zutreffen, kann ich leider nicht beurteilen, wenngleich es mich sehr interessieren würde. P.P.S.: Die sexistischen Darstellungen von Rollenbildern in Pornos/Werbung/Film/Fernsehen verurteile ich sehr - obwohl ich sie zur Masturbation durchaus toleriert habe... das Wissen, dass es "schlecht" ist, stand hier dem Trieb gegenüber.
Max Pull* | 19. September 2012 01:00
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