Als in Japan am 11. März 2011 die Erde bebte und bald danach eine Flutwelle über die Küste einbrach, war die mediale Aufmerksamkeit groß. Weltweit kennt man die Bilder der Zerstörung. Täglich wurde über den aktuellen Stand der Opferzahlen berichtet. Die genaue Stärke des Erdbebens und die Höhe der Tsunamiwelle konnte man messen. Aber als sich die Naturkatastrophe zu einem Atomdesaster ausweitete, das keinen neutralen Messungen unterlag und das die Japaner/innen offenbar nicht in den Griff bekamen, da begann der Informationsfluss zu stocken.
Die wenigsten Menschen, die die Neuigkeiten zu dem GAU verfolgten, wussten zu dieser Zeit, wie gefährlich die austretende Radioaktivität genau war. Radioaktivität wird in Becquerel, Sievert und Millirem gemessen, in drei verschiedenen Maßeinheiten – welcher Wert aber ist für eine Person gefährlich? Wer legt das fest, in wessen Interesse? Wie hoch waren die Strahlungswerte in den verschiedenen Präfekturen Japans? Wie viel verschwieg die japanische Regierung ihren Bürgern/innen und der Welt wirklich?
Sperrzone Fukushima
Der US-amerikanische Schriftsteller William T. Vollmann reiste kurz nach der Atomkatastrophe nach Japan. Seine Reportage "Sperrzone Fukushima" zählt gerade einmal 88 Seiten und ist dennoch ebenso spannend wie aufschlussreich. Vollmann nimmt den Leser mit auf eine Tour durch die vom Tsunami betroffenen Regionen und sammelt dabei hochinteressante Augenzeugenberichte. Ausgerüstet mit einem gebrauchten, nicht unbedingt verlässlichen Dosimeter dringt er bis in die Sperrzonen im unmittelbaren Umkreis des Reaktors vor. Gerade unter den Opfern der Katastrophe stößt er auf eine erschreckende Uninformiertheit. Vollmanns Fahrer beispielsweise weiß nicht, was Radioaktivität ist. "Keine Ahnung", sagt er, als der Amerikaner ihn danach fragt. "Verdunstet das? Ist das eine Flüssigkeit?"
Am Ende des Buches ist man um einiges klüger. Vollmann gelingt es, ein schweres Thema mit einer fesselnden Mischung aus Leichtigkeit, Humor, Philosophie und kritischem Hinterfragen anzugehen. Seine intensive Reportage setzte auch gerade durch die vielen Augenzeugenberichte, die er wiedergibt, ein eindrückliches Statement gegen Atomkraft.
3/11 - Tagebuch nach Fukushima
Die Japanerin Yuko Ichimura hat gar nicht vor, klar für oder gegen Atomkraft zu argumentieren. Ichimura lebt als Illustratorin und Werberegisseurin in Tokio. Auch als am 11. März 2011 die Erde bebte, war sie dort. Für das Magazin der Süddeutschen Zeitung schrieb und zeichnete sie auf, was sie während des Bebens und in den Tagen danach erlebte. Ein Jahr nach Fukushima erscheinen Ichimuras Berichte, ein Hybrid aus Tagebuch und Comic, auch in Buchform.
Ichimuras Tagebucheinträgen merkt man die konkrete, existentielle Betroffenheit an. Wie fühlt es sich an, in einem bebenden Hochhaus festzusitzen? Was bedeutet es, wenn die gesamte Bevölkerung eines Landes zum Stromsparen aufgerufen wird? Was darf man nach einer atomaren Katastrophe noch essen? "3/11" bietet einen intensiven Einblick: "Jeder Tag kann unser letzter sein. So viel haben wir in den letzten Tagen gelernt."
Bildband "Atomkraft"
Als die Reaktoren in Fukushima brannten und schwelten, wurde vielen Menschen bewusst, dass auch ganz in ihrer Nähe, in ihrem Land, ähnliche Gefahrenherde existieren. Inzwischen ist die Abschaltung aller deutschen AKWs eine beschlossene Sache – als gestaffelter Ausstieg bis 2022. Thorsten Klapsch fotografiert seit 2005 alle Kernkraftwerke in Deutschland. Anfangs nur von außen. Kurz vor dem Gau in Japan bekam er die Genehmigungen, auch das Innere der zur Abwicklung bestimmten Industrieanlagen zu dokumentieren. Klapschs streng komponierte eindrucksvolle Bilder wurden nun in einem Bildband zusammengefasst.
Das Ergebnis ist so gespenstisch wie eindrucksvoll. Die meist besenreinen AKWs auf den Bildern wirken steril und verlassen – geradezu harmlos. Das sind sie aber nicht immer. Auch nach der Abschaltung können die Brennelemente in einem AKW noch so viel Wärme produzieren, dass es zu einer Schmelzung kommen kann. Bis ein Kernkraftwerk vollständig stillgelegt ist, ist es ein mühsamer, langer Prozess: Würgassen in Ostwestfalen beispielsweise wurde bereits 1997 abgeschaltet, der "geplante Rückbau" wird aber erst 2014 abgeschlossen sein.
Bei Klapschs Bildern, die die Oberfläche, das Sichtbare der AKWs zeigen, schwingt das Unsichtbare immer mit: die Gefahr der tödlichen, hohen Strahlung, die zuletzt durch den GAU von Fukushima wieder in das Bewusstsein vieler Menschen gerückt ist. Ins Grübeln kommt man da automatisch. Und auch Vollmann und Ichimura gelingt es, die Leserschaft mit ihren Büchern zum Nachdenken über die Gefahren und den Nutzen der Atomkraft zu bringen – auf einer jeweils anderen Ebene.
William T. Vollmann: Sperrzone Fukushima: Ein Bericht (edition suhrkamp digital 2011, 96 S., 6.99 €/auch als E-book)
Yuko Ichimura: 3/11 - Tagebuch nach Fukushima (Carlsen 2012, 180 S., 12.90 €)
Thorsten Klapsch: Atomkraft (Edition Panorama 2012, 320 S., 65 €)
Sara Jabril (22), gebürtige Berlinerin, studiert Sozialwissenschaften an der HU Berlin.
Foto: © aussi97 / photocase.com
Yuko Ichimuras Tagebucheinträge und Zeichungen im Archiv des SZ-Magazins
Die Seite von Thorsten Klapsch
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