Schwimmender Think Tank

”Sailing for Sustainability“

15.9.2012 | Philipp Aepler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Wachenwechsel", ruft Anne uns am frühen Mittwochmorgen vom Heck der Lovis zu. Es ist kurz vor vier. Wir, das sind Kasia und Jarek aus Polen, Maris aus Lettland sowie Miriam und ich aus Deutschland. Wir haben die Segelwache von vier bis acht. Weit draußen vor der russischen Küste von Kaliningrad liegt die Ostsee in trügerischer Ruhe. Nur eine leichte Brise weht durch die Segel und gibt uns Zeit zum Krafttanken. Vom späten Nachmittag bis in die Nacht hatte uns der Seegang bei Windstärke sieben bis acht in Schach gehalten. Wer konnte, flüchtete sich unter Deck zum Durchschlafen. Alle anderen suchten Schutz im Freien und versuchten, auf ihre Art der Seekrankheit standzuhalten.

Vor knapp zehn Tagen hat sich die erste von vier Crews aus insgesamt über einhundert Studierenden und Aktivisten/innen auf den Weg gemacht, von Gdansk in Polen nach Turku in Finnland. Knapp 1.000 Kilometer zu Wasser, meistens unter Segel und fast ohne CO²-Emissionen. "Sailing for Sustainability" (Segeln für Nachhaltigkeit), ein Projekt des europaweiten Bildungsnetzwerks GLEN, fand im Juni und Juli 2012 zeitgleich zur Rio+20 statt – der weltgrößten Konferenz zu nachhaltiger Entwicklung und "grünem", also ökologisch korrektem Wachstum. Im brasilianischen Rio de Janeiro nahmen dabei alle namhaften Staats- und Regierungschefs sowie zahlreiche Minister für Umwelt, Wirtschaft oder Entwicklung teil.

Diskutieren über Nachhaltigkeit

Rio+20 sollte der zentrale politische Gipfel werden, bei dem Konzepte diskutiert und verabschiedet würden, die den von uns Menschen verstärkten Klimawandel durch nachhaltige Maßnahmen eingrenzen könnten; weltweit und langfristig. Eine explosive Mischung: mächtige Staatenlenker der G20-Staaten gegen verzweifelte Regierungschefs aus Staaten wie Tuvalu, Mikronesien und den Malediven, Ländern, die durch den drastisch ansteigenden Meeresspiegel vom Untergang bedroht sind. Global vernetzte Aktivisten/innen des "globalen Südens" gegen die Wirtschaftseliten und Lobbyverbände der übermächtigen westlichen Industrienationen. Und jede/r hatte unterschiedliche Antworten darauf, wie wir zukünftig sozial verträglich und umweltschonend zusammenleben wollen.

Auf dem Traditionssegler Lovis ist die Welt noch weitestgehend in Ordnung. Auf 30 Metern Länge, viereinhalb Metern Breite und 36 Metern Höhe diskutieren wir Konzepte nachhaltigen Wachstums, neue Formen des Zusammenlebens in städtischen Räumen, alternative Formen des Geldverkehrs und wie Banken und der internationale Finanzkapitalismus zu bändigen seien.

Im Frühsommer hatten wir uns beworben: Jede der vier Wochen, die Lovis auf den Weltmeeren herumsegelte, war einem Schwerpunktthema gewidmet. Ein ausführlicher Bewerbungsbogen, Essays und andere kreative Beiträge rund um das Thema Nachhaltigkeit mussten eingereicht werden. Die Bewerbungen kamen aus fast allen EU-Mitgliedsstaaten. Nun waren wir auf dem Schiff, isoliert von der Hektik des Alltags an Land und von den Informationsströmen aus Social Media und Nachrichtentickern. Unser Slogan: entschleunigtes Reisen – um unser Handeln zu reflektieren und endlich mal Zeit für intensive Gespräche über innovative Ansätze und ideenreiche Experimente zu haben.

Experimente wie das von Eldar Jakubov, Student an der Kunsthochschule im estnischen Tallinn, der ein Beiboot mit Muttererde, Pflanzensamen und einer Zucchinistaude befüllt hat und untersucht, ob pflanzliches Wachstum auf offener See möglich ist. "Ich bin mir nicht sicher, ob die Setzlinge tatsächlich Wurzeln schlagen", sagt er. "Die Pflanzen sind nicht an die salzhaltige Luft der Ostsee gewöhnt." Eldar will auf alternative Konzepte, die schonende Verwendung natürlicher Ressourcen und das Überschreiten von Grenzen aufmerksam machen. "Wenn wir Menschen uns nie an Schwieriges gewagt hätten, wären wir wahrscheinlich nie einen großen Schritt vorangekommen."

Gegen Grenzen in den Köpfen

In der Mannschaftskombüse unter Deck bereiten derweil Agnieszka, Hannes, Ernst und Michał das Frühstück für die Schiffsbesatzung und die studentische Crew zu. Hungrig stürzen alle beim Klang der Kombüsenglocke zu Tisch. Die Nachtwachen werden ausgewertet, die Route und nächste Stationen diskutiert und zur Beruhigung des Magens Pfefferminztee ausgeschenkt.

Ganz unterschiedliche Charaktere sitzen hier an einem Tisch: die NGO-Aktivistin aus Polen, der angehende Außenpolitiker aus Estland, der freiberufliche IT-Spezialist aus Berlin genauso wie die Sozialpädagogin aus Slowenien. "Ich hätte nie darüber nachgedacht, warum man in Deutschland der Atomenergie so radikal und so bald ein zeitliches Ende gesetzt hat!", sagt Ernst, der in Tallinn Internationale Beziehungen studiert. "Beim Segeln setzt irgendwann die Freiheit im Kopf ein. Man bricht alte Denkmuster auf und öffnet sich ganz automatisch für neue Gedanken", sagt Anne, die als eine der wenigen die Nacht ohne größere Probleme überstanden hat.

Nach zehn Tagen auf See, einigen Landgängen und ein paar Aktionen im polnischen Hel und im litauischen Klaipeda kommen wir in Liepaja in Lettland an. Noch bevor die große Schiffsreinigung anfängt, werden Meldungen an die Presse rausgeschickt und die Ergebnisse tagelanger Diskussionen auf der Projekt-Website veröffentlicht. Gemeinsam mit Bloggern und Postwachstums-Experten aus Deutschland und Österreich wollen wir auf der Seite, auch in den nächsten Monaten, mit einem Logbuch, Konzepten zum Downloaden und Weitersagen und mit von uns geschriebenen Texten von weiteren Initiativen rund um Rio+20 berichten.

Eldars Setzlinge haben die Reise überstanden. Auf dem Vorderdeck blüht eine junge Zucchinistaude und auch andere Pflanzensprösslinge schießen aus dem feuchtschwarzen Boden. "Es hat sich gelohnt, mal einen neuen Weg zu gehen", sagt Eldar. Getreu der Überzeugung unserer Segelcrew, über Grenzen im Kopf hinweg Lösungen für wirtschaftliches Handeln und eine solidarische Gesellschaft zu suchen. Weil weltweite Kommunikation via Internet und eine globalisierte Weltwirtschaft nicht nur für Vorteile bürgen, sondern auch eine grenzüberschreitende Verantwortung füreinander mit sich bringen.

Philipp Aepler (23) studiert in Bremen Politikwissenschaften und Geographie und schreibt regelmäßig für verschiedene Print- und Onlinemedien zu europäischer Politik, Entwicklungszusammenarbeit und Kriseneinsätzen in Katastrophenregionen weltweit.

Fotos: © Kai Löffelbein



Links

Europaweite Nachhaltigkeitskampagne "Sailing for Sustainability"
GLEN, Global Education Network for Young Europeans
Nachhaltigkeits-Gipfel Rio+20
Zweimastsegler Lovis





Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)