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Lloyd Jones: Die Frau im blauen Mantel

Eine Suche, keine Flucht

7.9.2012 | Ingo Petz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Sie sind auf der Jagd nach Rebhühnern, im Morgendunst der norditalienischen Alpen. "Als wir durch die Büsche brechen, ist da die schwarze Frau. Sie trägt einen blauen Mantel. Das ist das Erste, was mir auffällt. Wie seltsam, mit so einem Mantel oben in den Bergen. Nein. Das ist die zweite Überraschung. Die erste ist zweifellos die Frau. Eine Afrikanerin … Sie ergibt sich mit erhobenen Armen. Eine Plastiktüte hängt an ihrer Hand."

Diese Frau, die da schutzlos mit erhobenen Armen vor den Flinten der italienischen Jäger steht, ist tatsächlich bedroht und gejagt. Nur nicht von diesen Männern, die ihr schließlich helfen, ihr Ziel – Berlin – zu erreichen. Sie ist eine der vielen Flüchtlinge, die von Afrika aus über das Mittelmeer versuchen, in die "Festung Europa" zu gelangen; auf der Suche nach Hoffnung, nach einem besseren Leben.

Flüchtige, Gejagte oder Getriebene?

So wie die europäische Politik es auslegt, ist genau dies das Verbrechen vieler Flüchtlinge – die meist waghalsige Flucht in einen hoffnungsvolleren Raum, zu dem sie aber keine Zugangsberechtigung haben. Eigentlich sind diese Menschen nur von einem bedroht: von ihrem eigenen Schicksal. Lloyd Jones, der neuseeländische Autor des Buches "Die Frau im blauen Mantel", hat die Afrikanerin nicht umsonst in einen blauen Mantel gehüllt. Denn Blau ist bekanntlich die Farbe der Sehnsucht – und die Farbe der Wahrheit.

Die Afrikanerin, die diesen Mantel trägt, ist eine mutige, starke Frau. Sie sticht aus der Flüchtlingsmasse, die in den Medien häufig als anonymer "Strom der Verzweifelten" dargestellt wird, heraus. Denn ihre Suche ist nicht vom Mut der Verzweiflung motiviert. Diese Frau sucht ihren Sohn. Er ist ihre Hoffnung – nicht unbedingt auf ein besseres Leben, aber auf das Leben, das sie will: ein Leben als Mutter. Für den Leser ist es deswegen schwierig zu entscheiden, ob sie Flüchtige, Gejagte oder Getriebene ist.

Vor ihrer Flucht arbeitete sie in einem Hotel in Tunesien, und dort hatte sie ihr Kind zusammen mit einem Hotelgast aus Deutschland gezeugt. Als das Kind geboren war, nahm der Mann ihr das Kind weg und ging damit nach Deutschland. In Jones' Buch werden solche Details von denjenigen erzählt, die der – namenlos bleibenden – Frau auf ihrer Reise von Süden nach Norden begegneten. Da ist die Kollegin, die mit ihr im Hotel arbeitete. Da ist der LKW-Fahrer, der sie mit nach Norden nahm und extra einen Umweg machte – weil sie ihn dazu nötigte, indem sie ihre Reize spielen ließ. Zumindest ist das seine Version.

Autor Lloyd Jones

Autor Lloyd Jones

Wie weit würdest du gehen?

Jones hat keine moralinsaure Opfergeschichte einer Afrikanerin geschrieben. Denn diese Frau, die immer wieder gedemütigt wird, wendet ihrerseits auch fragwürdige Praktiken an, um ihrem Ziel näher zu kommen. Sie klaut, sie lügt und betrügt. Zudem hat sie den Namen einer verschwundenen Sizilianerin angenommen. Diese Tatsache setzt einen Inspektor auf ihre Fährte.

"Wie weit würde man selbst gehen, um das Ziel zu erreichen?" Das ist eine der existentiellen Fragen, die Jones in der komplex strukturierten und sprachlich elegant erzählten Geschichte aufwirft.

Im Zentrum seines Romans steht aber nicht unbedingt das dramatische Schicksal afrikanischer Flüchtlinge in Europa. Die Frage, die den Neuseeländer interessiert, ist die nach der Identität und nach dem, was unsere Identität ausmacht – was uns konstituiert. Nach Jones ist die Wahrheit über einen selbst immer eine zutiefst fragwürdige Wahrheit.

Das mag keine ganz neue Erkenntnis sein. Aber so poetisch und geschickt konstruiert, wie Jones es tut, ist es eine Erkenntnis, die einen frischen, kraftvollen Glanz erfährt. Diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Werk des Neuseeländers, der 2007 mit seinem Roman "Mister Pip" international bekannt wurde.

Die Frage nach der eigenen Identität mag nicht ungewöhnlich sein für einen Neuseeländer. Denn der Inselstaat im Südpazifik ist ein klassisches Einwanderungsland – das sich in diesem Jahr als Gastland der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Jones' starkes Buch macht große Lust auf die unbekannte Literatur dieses abgelegenen Landes.

Lloyd Jones: Die Frau im blauen Mantel (Rowohlt 2012, 320 S., 19.95 €)

 

 

 

Ingo Petz ist freier Journalist und schreibt vor allem über Weißrussland.

Foto: © Darren James







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