Für die Freiheit kämpfen

Ein Gespräch mit dem aserbaidschanischen Blogger und Jugendaktivisten Emin Milli

25.9.2012 | Ingo Petz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Der international bekannte aserbaidschanische Blogger und Jugendaktivist Emin Milli saß 17 Monate im Gefängnis, weil er sich zusammen mit einem Freund in einem satirischen Video über korrupte Politiker lustig gemacht hatte. Er wurde 2009 zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt, im November 2010 aber infolge internationaler Proteste vorzeitig entlassen. Milli ist auch Mitbegründer des sogenannten Alumni Network in Aserbaidschan, über das er Vorträge und Seminare für Jugendliche in seinem Heimatland veranstaltete. Milli ging nach seiner Freilassung zu einem Studium nach London und kehrte im Juli 2012 nach Baku zurück.

Mit einem Freund haben Sie 2009 ein Video gedreht, in dem Sie sich als Esel verkleidet über korrupte Politiker lustig gemacht haben. Wie ist die Idee zu dem Video entstanden?

Das war nicht mein Video. Mein Freund Adnan, der später zusammen mit mir verhaftet wurde, hat es produziert. Das Video sollte die Regierung dafür lächerlich machen, dass sie zwei Esel von Deutschland gekauft hatte – für die riesige Summe von 84.000 US-Dollar. Das war eine offizielle Information des Komitees für Statistik für das Jahr 2008. Allerdings wollte niemand die Fragen beantworten, warum diese Esel gekauft wurden und zu welchem Zweck. Adnan entschloss sich also, ein Video zu machen, in dem er versuchte, diese Fragen anstelle der Regierung zu beantworten. Das Video sollte zeigen, wie die Regierung mit öffentlichen Geldern umgeht.

Welche Reaktionen gab es auf das Video, das ja im Internet veröffentlicht wurde?

Sehr unterschiedliche. Einige waren der Meinung, dass es den Präsidenten beleidige. Andere – die mehr Humor hatten – verstanden, dass das Video nicht eine bestimmte Person attackierte, sondern das System im Ganzen und die korrupten Mechanismen des Systems. Es ist nicht unser Stil, irgendwen zu beleidigen.

Hätten Sie damit gerechnet, dass das Video zu Ihrer Verhaftung führen würde?

Ich glaube nicht, dass ich wegen des Videos verhaftet wurde. Ich glaube auch nicht, dass Adnan wegen des Videos verhaftet wurde. Adnan ist einer der Begründer der OL!-Bewegung. Und ich bin einer der Begründer des AN-Netzwerkes. Wir entwickelten damals diese Netzwerke, in denen sich eine junge neue Generation Aserbaidschaner traf, die Aserbaidschan in eine demokratische Zukunft führen wollte. Das war keine Idee, die der Regierung gefiel. Also mussten wir dafür bestraft werden, dieser Generation eine demokratische Hoffnung zu geben. Wir wurden bestraft, um eine ganze Generation zu verängstigen und einzuschüchtern. Das war wohl "der große Plan". Und das Video war nur eines der Stücke in dem Theater, das sich damals abspielte.

In diesem Jahr fand der Eurovision Song Contest in Baku statt. Es gab eine Welle an kritischer Berichterstattung über das autokratische Regime des Präsidenten Ilham Alijew. Wie stellt sich die politische Situation nach dem ESC dar? Hat sich die Regierung an ihren Kritikern gerächt?

Der Präsident hat diejenigen, die während des ESC in Baku Menschenrechtsverletzungen öffentlich gemacht haben, "antinationale Elemente" genannt. Ein Regierungssprecher rief dazu auf, "öffentlichen Hass" gegen unabhängige Journalisten und Aktivisten zu demonstrieren. Der Medienkoordinator von "Sing for Democracy", Mehman Husejnow, wurde verhaftet. Ihm droht eine fünfjährige Haftstrafe – wegen angeblichen Rowdytums. Repressionen gegen Regimekritiker haben also begonnen und ich bin mir sicher, dass die Regierung die Daumenschrauben weiter anziehen wird.

Die Opposition in Aserbaidschan wirkt sehr überschaubar und isoliert. Wo muss man ansetzen, um die Bereitschaft zur zivilgesellschaftlichen Aktivität zu stärken?

Es gibt viele Faktoren, die die Opposition und die Zivilgesellschaft marginalisiert und isoliert haben. Die repressive Politik der Regierung und die gigantischen Einnahmen aus unserem Ölreichtum gepaart mit der stillen und aktiven Unterstützung des Regimes durch einige westliche Regierungen und Unternehmen haben die Autokratie geschaffen, in der wir heute leben. Es ist richtig, dass die Repressionen durch das Regime sehr wenig Raum für friedliche und gewaltfreie Oppositionsaktivitäten lassen. Die haben ihr Bestes gegeben, um die aktiven Gruppen zum Schweigen zu bringen, um so öffentliche Gelder stehlen zu können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

Spielt die Jugend eine Rolle im aktuellen Demokratisierungsprozess in Aserbaidschan?

Es gibt eine neue Generation mit Leuten, die anders denken, die die Gesellschaft als Ganzes im Blick haben. Natürlich ist die repressive Umgebung ein Hemmnis, um aktiv zu werden, um sich frei auszudrücken, um offen am Widerstand teilzunehmen. Es gibt nur wenige dieser jungen Generation, die sich offen an unserem Kampf beteiligen. Aber ich bin mir sicher, dass sich dies schnell ändern kann und sich dann Hunderttausende den Hundert, die heute kämpfen, anschließen werden. Ich sehe das sehr optimistisch.

Mit welchen Konsequenzen müssen Jugendliche rechnen, die sich in Aserbaidschan für demokratische oder künstlerische Freiheiten einsetzen?

Gefängnis, Folter. Sie können ihre Arbeit verlieren, Verwandte können ihre Arbeit verlieren oder sogar verhaftet werden. Auf sie wird Druck ausgeübt, ihr Privatleben kann gefilmt und gegen sie verwendet werden, indem man die Filme online stellt oder sie zur besten Sendezeit im Staatsfernsehen zeigt.

Mit welchen Herausforderungen kämpfen Jugendliche in Aserbaidschan?

Ich muss betonen, dass die Mehrheit der aserbaidschanischen Jugendlichen wohl mit den Dingen beschäftigt ist, mit denen auch ihre Altersgenossen anderswo beschäftigt sind. Sie suchen Arbeit, wollen Karriere machen. Sie machen sich Sorgen über ihre Einkünfte, über die Qualität der medizinischen Versorgung oder der Bildung und so weiter. Viele sehnen sich danach, in einer besseren Gesellschaft zu leben, die vom Gesetz geschützt ist und nicht vom launenhaften Willen von korrupten und unberechenbaren Staatsbediensteten regiert wird.

Welche Rolle spielt Subkultur für aserbaidschanische Jugendliche?

Ich denke, wir sind eine traditionelle Gesellschaft mit traditionellen Werten. Für junge Leute ist es sehr schwierig, diese Barrieren zu durchbrechen, sich andere Lebenswelten vorzustellen oder neue Welten zu entdecken. Das aktuelle politische System stärkt diese traditionellen Strukturen in der Gesellschaft. Es fehlen eine freie Wirtschaft, junge Leute und insbesondere junge Frauen sind kaum mobil; zudem gibt es autoritär aufgebaute Machtpyramiden in Wirtschaft und Politik. Junge Leute haben Angst davor, einen hohen Preis zu zahlen, wenn sie von der uniformen Gesellschaft abweichen. Die wenigen, die das tun, sind früher oder später gezwungen, das Land zu verlassen, um zu überleben.

Hat dies auch mit dem Islam zu tun? Und gibt es Entwicklungen zu einer freieren Gesellschaft, die für Jugendliche attraktiv ist?

Ich glaube daran, dass Freiheiten mit einer guten Wirtschaftspolitik und einer effizienten Regierung erlangt werden können. Die Religion sehe ich bei uns nicht als Hindernis für eine freiere Entwicklung. Der Islam in Aserbaidschan ist ja ohnehin sehr moderat. Religion ist für mich kein Synonym für Konservatismus. Unterschiedliche Leute können Religion unterschiedlich interpretieren – liberal oder konservativ. Es ist alles eine Frage dessen, was du mit dem machst, was du hast. Ich sehe vor allem, dass eine politische und wirtschaftliche Liberalisierung unsere Gesellschaft öffnen könnte und für junge Leute attraktiver machen könnte. Ansonsten werden immer mehr junge Leute das Land verlassen oder davon träumen, das Land zu verlassen. So, wie es heute der Fall ist.

Sie schreiben an einem Buch. Worum geht es darin?

Mein Buch erzählt von dem aktuellen Kampf um Freiheit in meinem Land – so wie ich ihn in meinem Leben erfahren habe und erfahre. Das Buch wird aus vielen Kurzgeschichten bestehen. Die Geschichte Aserbaidschans hat sich in meinem Lebensweg auf unterschiedliche Art und Weise widergespiegelt. Das will ich aufzeigen. Zum Beispiel war ich im Kindergarten in ein armenisches Mädchen verliebt. Und ein paar Jahre später lag Aserbaidschan mit Armenien im Krieg, der immer noch nicht beendet ist. Ich beschreibe, wie ich als Kind auf meiner ersten Demonstration war – zusammen mit Hunderttausend anderen Aserbaidschanern – und wie ich schließlich im Gefängnis gelandet bin. Ich habe selbst eine lange Entwicklung durchgemacht, in der ich von einem radikalen Nationalisten mit sehr traditionellen Sichtweisen zu einer offeneren und toleranteren Person geworden bin. All das will ich beschreiben.

Das Interview führte Ingo Petz.

alle Fotos: © Emin Milli / privat



Links

Emin Millis Blog: http://eminmilli.posterous.com

Aserbaidschan, seine Geschichte und Gegenwart, auf Wikipedia

100 Tage nach dem Song Contest, Reporter ohne Grenzen über die Lage in Aserbaidschan

Link der Bundeszentrale für politische Bildung

Milli wird im Oktober 2012 auch bei einer Studienreise nach Aserbaidschan, die von der Bundeszentrale für politische Bildung veranstaltet wird, vor den Teilnehmern sprechen.





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