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Ein Sportlerleben

Vom Sport-Profi zum PR-Profi

29.8.2012 | Fabian Jellonek | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wenn Sportler Bücher schreiben, dann verraten schon die Buchtitel, dass die Käufer und Käuferinnen eines nicht befürchten müssen: Überraschungen. Jens Lehmann, dem Zeit seiner Karriere der Ruf eines Helikopter-fliegenden Exzentrikers umwehte, platziert das Wort "Wahnsinn" gleich in den Titel seines Buches "Der Wahnsinn liegt auf dem Platz". Damit war schon mal klar: Privates wird Lehmann in seiner Biographie wohl nicht ausplaudern wollen.

Lehmanns ewiger Konkurrent Oliver Kahn, der stets betonte, dass Druck leistungssteigernd wirke, blickt vom Cover seines Buchs "Ich - Erfolg kommt von innen" streng und konzentriert seine Leser/innen an. Ganz bei sich. Ganz der Titan.

Geschichten von außergewöhnlichen Erfolgen

Ein anderer ehemaliger Titan, der siebenmalige Tour-de-France-Gewinner Lance Armstrong, präsentierte sich in seiner zweibändigen Autobiographie als texanischer Sunnyboy mit Kind und Kegel. Schon lange kursieren aber auch massive Dopinggerüchte um den Texaner. Welche Mittelchen bei der Jagd nach Sekunden hilfreich sind, hätte der einstige Weltstar jetzt vor Gericht erzählen sollen. Armstrong hat es aber vorgezogen, zu verzichten – auf den Prozess und auf alle seine Titel. In seinen Büchern "Tour des Lebens" (2001) und "Jede Sekunde zählt" (2004) findet man natürlich sowieso nichts zu den dunklen Seiten des Leistungssports.

Sportler-Biographien erzählen weniger die Biographie eines Menschen als die Geschichte einer Marke. Die Autoren sind deshalb in der Regel selbst Profis, allerdings im Umgang mit Marken. Die Vorstellung eines Oliver Kahns an der Schreibmaschine mag zwar ganz nett sein. Tatsächlich ließ der Titan aber seine Autobiographie "Ich - Erfolg kommt von innen" einen anderen für sich schreiben: einen Ghostwriter.

Beim Verlag Antje Kunstmann, in dem "Der feine Unterschied" erschienen ist, das Buch des Kapitäns der deutschen Nationalmannschaft, Philipp Lahm, betont man, dass kein unsichtbarer Geist am Werk war, sondern ein "autorisierter Autor". Sein Name: Christian Seiler.

Das Buch, das er selber gern gelesen hätte

Andreas Schäfler, zuständig für Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei Kunstmann, sagt, wie froh er darüber war, dass sich Lahm und sein Biograf Seiler "auf Anhieb sympathisch waren". Seiler sei erfahren in Sachen Promi-Biographien und habe "den Ton von Lahm sehr gut getroffen", findet Schäfler. Zwölf bis fünfzehn gemeinsame Sitzungen verbrachten der kickende und der schreibende Profi miteinander. Gespräche wurden geführt, protokolliert, zusammengerafft und auf das Konzept abgestimmt. Ein Konzept, das laut Verlag von Philipp Lahm stammt. Der wollte ein Buch schreiben, "das er selber gerne mit 16, 17 Jahren besessen hätte", sagt Schäfler. Einen Ratgeber darüber, wie man Fußballprofi werden kann. Eine exemplarische Biographie.

Der Anstoß zum "Feinen Unterschied" kam seinerzeit von Lahms umtriebigem, gut vernetztem Berater Roman Grill. Auch die Vermarktung von Lahms Ratgeber gab man in Profihände, allerdings an die Schlagzeilen-Profis von der BILD. Statt Karriere-Tipps suchte und fand das Boulevard-Blatt in dem Buch Sticheleien gegen Ex-Trainer. Im Kunstmann-Verlag ist man von der Zitatauswahl der BILD nach wie vor überrascht. Den Verkaufszahlen dürfte die Empörungswelle allerdings nicht geschadet haben.

Wenn im Oktober 2012 die erste offizielle Biographie über den Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel erscheinen wird, "Pole Position", Untertitel "Sein Weg an die Spitze", dann wird das Cover von dem Namen des Sportwagenpiloten dominiert sein. Dass René Hofmann, Sportjournalist bei der Süddeutschen Zeitung, mindestens als Co-Autor mitgewirkt hat, wird aber vom Bertelsmann-Verlag nicht verschwiegen.

René Hofmann traf sich für seine Vettel-Biographie nicht mit dem Sportler. Er begnügte sich damit, Weggefährten des Rennfahrers, dessen Werdegang er seit dessen Juniorentagen verfolgt hat, zu befragen. "'Pole Position' ist kein Buch von Sebastian Vettel und auch kein Buch mit Sebastian Vettel, sondern ein Buch über Vettel und den Formel-1-Betrieb", stellt Hofmann klar. Die Idee zur der Biographie hatte ein Buchagent – unmittelbar, nachdem der Pilot seinen Weltmeistertitel feierte.

Ghostwriter und Co-Autoren

Beim mvg-Verlag, der im Herbst 2012 "Stehaufmädchen", die Autobiographie der Boxerin Rola El-Halabi, an die Buchläden ausliefern will, gibt man sich verschwiegener. Haute hier tatsächlich eine Boxerin ihre Lebensgeschichte in die Tasten oder war eine fremde Feder am Werk? "Jeder Autor bekommt Unterstützung durch einen Lektor", sagt Julia Loschelder von der Pressestelle des Verlags. Mal mehr, mal weniger.

Die Boxerin Rola El-Halabi, eine gebürtige Libanesin, ist die amtierende Europameisterin der WIBF und der WIBA im Leichtgewicht. In der letzten Zeit aber konnte man sie nicht boxen sehen: Im April 2011 schoss ihr Stiefvater, der auch ihr Ex-Manager ist, sie auf offener Straße nieder – wahrscheinlich, weil er ihr Privatleben nicht tolerierte. Im November 2011 wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Der Verlag verspricht in seiner Vorschau, das Buch biete "einen Blick hinter die Kulissen des Boxsports und einer vermeintlich liberalen arabischen Familie". mvg-Presseleiterin Loschelder gibt zu: "Rola El-Halabis Schicksal war für uns ausschlaggebend, das Buch zu veröffentlichen." In der Verlagsvorschau fehlt nicht der Hinweis darauf, dass ein privater Fernsehsender El-Halabis Comeback-Kampf zum Medienereignis machen will.

Viele Fans = viel Aufmerksamkeit = hohe Auflage

Ob der Verlag die Biographie der Boxerin auch ohne den erfolgten Schicksalsschlag ins Programm genommen hätte? Das ist fraglich. El-Halabis gedruckte Biografie ist kein untypischer Fall: Sportbiographien aus Randsportarten liefern meist eine dramatische Geschichte mit. Die Familientragödie eines Gewichthebers oder die überwundene Drogenkarriere eines Triathleten – sportliche Erfolge und Misserfolge werden in den Biographien oft zur Metapher für persönliche Schicksalsschläge.

Sportlerbiographien aus den klassischen Publikumssportarten haben es da leichter. "Am einfachsten ist beispielsweise ein Buch mit Henry Maske kurz nach Karriereende", skizziert Loschelder den Traum jedes Verlegers von Biographien. Viele Fans gleich viel Aufmerksamkeit gleich hohe Auflage – so lautet der Dreisatz im Geschäft für Sportlerbiographien. Philip Lahms Buch hätte sich also wohl auch ohne Unterstützung des Boulevards verkauft. Und René Hofmann stellt klar: Sebastian Vettels "Pole Position" werde "kein Enthüllungsbuch", sondern ein "Erklärungsbuch".

Eine Autobiographie im klassischen Sinn über den Formel-1-Piloten kann sich Hofmann derzeit auch nicht vorstellen. "Ich finde es etwas schwierig", sagt er, "wenn ein 24-Jähriger eine Biografie vorlegt." Ähnlich äußerte sich in der von der BILD geschürten Aufregung um Lahms Buch einst sein Teamkollege Mario Gomez. Der fragte sich öffentlich, warum man als 27-Jähriger seine Lebensgeschichte aufschreibe.

Vielleicht schadet es einer Biographie ja doch nicht, wenn ihr Autor auch abseits vom Sport etwas zu erzählen hat. Und das ist ein schwieriger Spagat.

Fabian Jellonnek (27) engagiert sich für Flüchtlingsrechte und gegen Rechtsradikalismus. Er ist koordinierender Redakteur der Zeitschrift Grenzwertig.

Coverabbildungen: © C. Bertelsmann; © mvgverlag; © Kunstmann; © riva

Foto: © Grammbo / photocase.com







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