Roman Polanski bei Dreharbeiten zu 'Der Pianist'
"Ein Regisseur", sagte Roman Polanski, "muss die Gewalt zeigen, wie sie ist. Zeigt man sie nicht realistisch, ist das unmoralisch. Bringt die gezeigte Gewalt den Zuschauer nicht aus der Fassung, ist sie obszön." Polanski spricht aus Erfahrung. Gewalt ist ein wiederkehrendes Thema in den Filmen, aber auch im Leben des polnischen Regisseurs. Es fällt schwer, sich Polanskis Filme ohne seine Lebensgeschichte im Hinterkopf anzusehen. Die Flucht aus dem Krakauer Ghetto 1943, die Ermordung seiner schwangeren Frau Sharon Tate im August 1969 in ihrem Haus in den Bergen von Los Angeles durch Anhänger des durchgeknallten Sektengurus Charles Manson und die Anklage wegen Vergewaltigung der minderjährigen Samantha Geimer im Jahr 1977. Selbst sein in Polen gedrehtes Frühwerk scheint rückblickend bereits Schatten auf Polanskis späteres Leben zu werfen. Der Filmemacher und die öffentliche Figur sind kaum voneinander zu trennen. Polanski war daran selbst nicht ganz unschuldig. Er hat sich der Öffentlichkeit immer wieder entzogen und sie gleichzeitig gesucht. Nach dem Tod seiner Frau zum Beispiel, den die Medien unschön an die Öffentlichkeit zerrten und auf deren Verleumdungen er verletzt und wütend konterte.
Roman Polanski im Gespräch mit Andrew Braunsberg
So viele Geschichten und Gerüchte kursieren über Polanski, so viel ist in den letzten vier Jahrzehnten über ihn und seine Filme geschrieben worden, dass es an der Zeit war, ihn selbst wieder zu Wort kommen zu lassen. Laurent Bouzereaus Gesprächsfilm "Roman Polanski: A Film Memoir" nimmt sich gegen die Hysterie, die die alleinige Erwähnung von Polanskis Namen in den vergangenen Jahren auslöste, fast ein wenig altväterlich aus. Zwei alte Freunde sitzen zusammen und plaudern über das Leben. Geschenkt, dass Bouzereau Polanski seine Fragen wie heiße Kartoffeln zuschiebt, sie ihm geradezu mundgerecht serviert. Doch die Fairness gebietet es, Polanski auch einmal selbst anzuhören.
Der "Fall Samantha Geimer", der nach seiner Festnahme durch die Schweizer Behörden im September 2009 und Martina Zenovichs Dokumentarfilm "Wanted and Desired" von 2008 wieder aufgerollt wurde, hat in jüngster Vergangenheit die Diskussionen um Polanski bestimmt. Und erneut konnte sich die Kritik nicht verkneifen, sein Werk durch das Prisma seines Privatlebens zu betrachten. In "The Ghostwriter" (2010) sitzt der britische Premierminister von der Außenwelt isoliert in seinem Strandhaus, um seine Memoiren zu verfassen. Natürlich war es naheliegend, darin eine Replik Polanskis zu vermuten, der zu jener Zeit ebenfalls unter Hausarrest stand. Dass der Film in erster Linie aber eine bitterböse Abrechnung mit der Außenpolitik Tony Blairs, insbesondere hinsichtlich des Irakeinsatzes war, ist von vielen Kritikern eher beiläufig erwähnt worden. Ähnlich erging es ihm in den frühen siebziger Jahren, denn mit Polanskis blutiger Shakespeare-Adaption "Macbeth" deutete er die Verarbeitung des Mordes an seiner Frau mehr als an.
Regisseur Roman Polanski
"Macbeth" entstand 1971 als der erste Film Polanskis nach Tates Tod. Ein düsterer, für eine Shakespeare-Adaption ungewöhnlich brutaler und realistischer Film, der sich seiner Theater-Wurzeln vollkommen entledigt hatte. Polanski sagte, dass der Film für ihn keine karthatische Funktion gehabt hätte. Ein Shakespeare-Text wäre in seiner Bedeutung und Epik allerdings die einzige Geschichte gewesen, die der Größe seines eigenen Schmerzes ebenbürtig gewesen wäre. Dennoch hat die Tat Polanskis Sicht auf seine Wahlheimat grundlegend verändert – das zeigte sein nächster großer Film in aller Deutlichkeit. Mit seinem Thriller "Chinatown" erfolgte eine schonungslose Abrechnung mit Los Angeles und allem, für das Hollywood und Amerika standen. So pessimistisch und beklemmend sind nicht einmal die Filme der Schwarzen Serie in den 1940er- und 1950er-Jahren gewesen, auf die Polanski Bezug nahm. Sein Los Angeles war die Stadt der Lüge, ein Sumpf der Korruption und der Inzucht. Jack Nicholson, der die Hauptrolle spielte, merkte damals an, dass Polanski alle wissen ließ, was er von der Glitzermetropole hielt: "Ein Ort, an dem ständig Blut fließt."
Schon in Polanskis Frühwerk lauerte eine diffuse Bedrohung. In "Messer im Wasser" von 1962 schlägt ein harmloser Bootsausflug in einen handfesten Psychokrieg zwischen den beiden männlichen Protagonisten um. "Ekel" (1965) handelte von einem sexuell verklemmten Mädchen, gespielt von einer zerbrechlichen Catherine Deneuve, das sich, von Psychosen heimgesucht, im Apartment ihrer Schwester einsperrt. Gewalt ist bei Polanski häufig sexuell behaftet, was ihm immer wieder den Vorwurf der Misogynie einbrachte. In seiner "Apartment-Trilogie" war der sexuelle Subtext besonders auffällig. In "Ekel" missversteht das Mädchen die Avancen eines jungen Mannes als Bedrohung und tötet ihn. In "Rosemarys Baby" (1968) vergewaltigt ein Mann seine Ehefrau, die später einen kleinen Satan zur Welt bringt. Und in "Der Mieter" (1976) erliegt die von Polanski gespielte Titelfigur der Wahnvorstellung, vom Geist seiner Vormieterin besessen zu sein. Er schlüpft in Frauenkleidung und springt aus dem Fenster.
Roman Polanski und 'Der Pianist' Darsteller Adrien Brody
Leben und Werk, verwoben, untrennbar?
Polanskis zwiespältiges Verhältnis zu weiblicher Sexualität wurde nach der Anklage wegen Vergewaltigung in den Medien weidlich ausgewalzt. Und wieder hat man das Werk mit dem Leben verwechselt. Eigentlich gibt es nur einen Film Polanskis, der mit gutem Recht biografisch genannt werden kann. Sechzig Jahre nach seiner Flucht aus dem Krakauer Ghetto verarbeitete Polanksi seine Erfahrungen im Dritten Reich mit dem preisgekrönten Holocaustdrama "Der Pianist". Zwar beruht der Film auf der Biografie des polnischen Musikers Wladek Szpilman, aber die Sensibilität und Zurückhaltung, mit der er Szpilmans Lebensgeschichte erzählt, bekundet Polanskis persönliche Anteilnahme am Schicksal des Landsmanns. Polanski vermied das Pathos und die übermenschliche Tragik, wie man es gewöhnlich aus Filmen mit Holocaust-Thematik kannte. Stattdessen schilderte er still und mit großer Menschlichkeit das Einzelschicksal eines Mannes, der gegen alle Widrigkeiten und mit Hilfe seiner Musik der Todesmaschine der Nazis entkam.
Polanskis Hang zu gewalttätigen Themen, das Motiv der Angst, das alle seine Filme durchzieht, fand in dieser Todeserfahrung ihren Ursprung. Auch darum zählt "Der Pianist" zu den Schlüsselwerken in Polanskis Karriere. Der Film hatte zweifellos eine späte therapeutische Wirkung. Polanskis jüngste Filme sind weniger vom Zynismus gezeichnet, sie sind menschlicher und zeigen ihn zum ersten Mal seit dem reichlich albernen "Piraten" von 1985 wieder von seiner komischen Seite. Aber auch das wird Kritiker zukünftig nicht davon abhalten, in Polanskis Arbeiten nach autobiografischen Spuren zu suchen. Als nächstes will er die Spionage-Affäre um den Diplomaten Alfred Dreyfus verfilmen, die Ende des 19. Jahrhunderts eine Renaissance des französischen Antisemitismus einläutete. Es wäre erst das zweite Mal nach "Der Pianist", dass Polanski, ein Überlebender des Ghettos von Krakau, sich in seinen Filmen mit einer jüdischen Thematik befasst.
Andreas Busche ist Filmrestaurator und -kritiker und wie sich unschwer erkennen lässt – Polanski-Fan.
alle Filmstills: "Roman Polanski - A Film Memoir" | © 2012 Eclipse/Studio Babelberg
Literaturverweise zu Roman Polanski im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Auflistung des Filmschaffens von Roman Polanski auf den Seiten der Internet Movie Database
Der Filmverleih Eclipse
Kommentare
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Was bisher geschah...
XYZ
"aus dem Krakauer Ghetto, des Ghettos von Krakau " Sie muessen bezeichnen, dass das nationalsozialistische Getto war. Wenn ich lese das, habe ich einen Eindruck gewonnen, dass der Ghetto zum Polen gehoert hat. Quatsch
Ingrid | 22. August 2012 19:01
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