Wenn das Internationale Olympische Komitee und das Organisationskomitee des Landes einen Olympia-Film in Auftrag geben, verschwindet dieser meist als Teilstück des Olympia-Marketing-Mixes in der Bedeutungslosigkeit. Doch im letzten Jahrhundert gab es einige kontroverse Filme, die demonstrieren, wie eng Olympia und Politik miteinander verwoben sind: Offen, tolerant und modern will sich jedes Gastgeberland präsentieren. Aber nicht immer geht diese Rechnung auf.
'Olympia', Leni Riefenstahl, 1936
Im Propagandarausch
Der erste Langspielfilm über die Olympischen Spiele, Leni Riefenstahls umstrittener Zweiteiler "Olympia", ist auch der prominenteste. Die Dokumentation über die Spiele von 1936 markiert einen filmästhetischen Meilenstein. Riefenstahl nutzte außergewöhnliche Kameraperspektiven, oft aus der Untersicht, und lotete die Möglichkeiten der damaligen Filmtechnik mit Zeitlupeneffekt und Unterwasseraufnahmen aus.
Einen der spannendsten Wettbewerbe der Olympiageschichte, den Zweikampf zwischen Luz Long und Jesse Owens im Weitsprung, inszenierte Riefenstahl am Schneidetisch besonders packend: Durch die Parallelmontage zwischen Wettkämpfern und Zuschauern auf der Tribüne wird ein direkter Bezug hergestellt. Die Fans im Stadion leben mittels Staunen, Jubeln und Trauern den Kinozuschauern die Emotionen vor – eine Form der Sportreportage, die noch heute verwendet wird.
So herausragend der Film auf stilistischer Ebene ist; der Vorwurf, Olympia inszeniere das Deutsche Reich strategisch als toleranten und weltoffenen Staat, der er nicht war, ist nicht zu entkräften. Unübersehbar ist die Präsenz von Reichskanzler Hitler, der in häufiger Zwischenmontage über die Austragung zu wachen scheint. Seine sichtbare Verärgerung über die deutschen Staffelfrauen beispielsweise macht deutlich, dass es um Leistung, nicht um Leidenschaft geht. Die Rassenideologie im Film, mal mehr, mal weniger subtil, sorgt zusätzlich für einen bitteren Beigeschmack: "Zwei Schwarze gegen die Stärksten der weißen Rasse!", bellt der Sprecher an einer Stelle.
Ein Experiment, das keines sein sollte
Quälend lange Großaufnahmen von dreckigen Laufschuhen, muskulösen Beinen und schmerzverzerrten Gesichtern: Die Physiognomie der Athleten ist es, die den japanischen Regisseur Kon Ichikawa begeisterte. Die Dokumentation über die Spiele von 1964 in Tokio bleibt nah beim Wettkampf, schenkt ihm selbst aber keine Beachtung. "Tokyo Olympiad" interessiert sich weder für Medaillen noch für Länder. Die Athleten sind es, die Ichikawa auf kunstvolle Weise in den Mittelpunkt rückte. So auch Abebe Bikila, den drahtigen Marathongewinner aus Äthiopien, den die Kamera minutenlang mustert.
Aber es sind auch Momente abseits ruhmreicher Siege, die den Film zu der wohl besten Olympiadokumentation machen: ein erschöpfter Marathonläufer, der am Straßenrand zusammengesackt ist und die Zuschauer um Wasser anfleht, oder ein gnadenlos abgeschlagener Langstreckenläufer – mutterseelenallein im Stadionrund –, der unter tosendem Beifall seine letzten Kräfte mobilisiert. Unterfüttert werden die experimentellen Bilder Ichikawas mit ebenso experimenteller Musik, die frühe elektronische Tendenzen erkennen lässt. Bild und Ton bilden oft eine Schere.
Das Endprodukt gefiel dem japanischen Olympia-Komitee überhaupt nicht. Die eigentliche Aufgabe des Regisseurs sollte darin bestehen, das ehemals kriegszerstörte Japan als modernisierten und aufblühenden Staat zu präsentieren. Doch ähnlich wie Starregisseur Akira Kurosawa, der zunächst verpflichtet, aber durch Differenzen mit dem Komitee ausgebootet wurde, ließ sich Ichikawa seine Regiearbeit nicht zerpflücken. Aufforderungen zum Nachdreh ignorierte er.
Olympia aus Sicht acht großer Regisseure
Der Japaner wirkte auch beim offiziellen Film über die Münchener Spiele 1972 mit. Zu ihm gesellten sich sieben weitere Filmemacher, unter anderem John Schlesinger, Claude Lelouch und Milos Forman. Die verdienten Regisseure formierten sich zu dem bis heute einzigartigen Projekt Vision of Eight, das die Wettkämpfe in acht geschlossenen Episoden dokumentiert. Weil jeder Regisseur in der Gestaltung freie Hand hatte, ist das stilistische Spektrum vielfältig. Es reicht von Arthur Penns poetischer Bebilderung des Stabhochsprungwettbewerbes, in der die Springer in Slow Motion schwerelos durch die Lüfte segeln, bis hin zu Mai Zetterlings humorvolle Sicht auf das merkwürdige Volk der Gewichtheber.
Dabei die blutige Geiselnahme israelischer Sportler nur am Rande zu thematisieren, ist die Konsequenz aus einem unvorhersehbaren Ereignis und einer gewollten Inszenierung. 17 Tote passten einfach nicht ins Bild. "The games must go on", lautete der vielzitierte Satz des damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage. Eine umfassende filmische Verarbeitung der Ereignisse war erst Jahrzehnte später mit der Dokumentation "Ein Tag im September" von Kevin Macdonald und in Steven Spielbergs Spielfilm "München" möglich.
Olympia abzubilden bedeutet für die Filmemacher – heute noch mehr als gestern – einen schweren Spagat zwischen Authentizität und Verkümmerung zum bloßen Marketinginstrument zu schaffen. Dass das schwierig ist, weiß auch Oscar-Regisseur Danny Boyle. Er entzog sich dieser Aufgabe und inszenierte in London einfach die Eröffnungsfeier.
Stefan Brückner ist Redaktionspraktikant bei fluter.de.
"Olympia 1 & 2 + Die Macht der Bilder - Arthaus Premium Edition" (DVD, Arthaus 2006, ca. 400min.)
"Tokyo Olympiad - The Criterion Collection" (DVD, Criterion 2002, ca. 170min.)
"Visions of Eight" (DVD, Olive Films 2011, ca. 110min.)
Filmstills: "Olympia"/© Arthaus/Studiocanal
DVD-Cover: © Verleih
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