Saint Etienne
Als London vor sieben Jahren die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2012 zugesprochen wurde, verkündete der damalige Bürgermeister Ken Livingstone, dass vor allem das sozial benachteiligte East End von den Spielen profitieren würde. Hier sollte auf einem alten Industrieareal im Stadtteil Stratford für über drei Milliarden Pfund das neue Olympia-Zentrum entstehen. Heute ist das Lea Valley nicht mehr wiederzuerkennen. Wo vor wenigen Jahren noch Industriebauten aus der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende standen, befinden sich nun unter anderem ein neues Stadion, ein modernes Schwimmzentrum und ein Velodrom. Die anfängliche Euphorie ist verflogen. Wieder musste ein historischer Londoner Stadtteil einer großspurigen Investorenfantasie weichen.
Die britische Popgruppe Saint Etienne beobachtet seit über zehn Jahren diese Entwicklung in ihrer Heimatstadt mit wachsender Besorgnis. In den neunziger Jahren wurden Saint Etienne mit ihrem disco-orientierten Sixties-Pop als frankophiler Gegenentwurf zum jungslastigen Rave- und Britpop-Phänomen bekannt. Musik machen Bon Stanley, Sarah Cracknell und Pete Wiggs noch immer, doch heute haben sich ihre Interessen etwas verlagert: "Wir sind in Croydon aufgewachsen, einem Vorort von London", erklärt Pete Wiggs den Hang seiner Band zu Beton, Stahl und Glas. "Das ist eine Miniaturstadt aus den 50er-Jahren, komplett aus Beton." 15 Kilometer südlich der City gelegen, wurde Croydon binnen weniger Jahre zur Stadt mit der höchsten Bürodichte Großbritanniens ausgebaut. Bob Stanley: "Erst in den 60er-Jahren, als wir geboren wurden, gab es diese Aufbruchsstimmung. Stadtautobahnen, Unterführungen, die Sichtbeton-Architektur des Brutalismus – uns hat das nachhaltig geprägt."
''Finisterre''
Seit einigen Jahren dreht die Band zusammen mit befreundeten Regisseuren auch Filme – über eine Stadtgeschichte, die ihrer Ansicht nach zu verschwinden droht. Ihr erster Film "Finisterre" erschien 2003 und war der Versuch, der Stimmung der Stadt und der ihrer Bewohner nachzuspüren. Im Stile eines Reisefilms suchte "Finisterre" Orte auf, die sich aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt verabschiedet hatten. Als Erzähler fungierte der britische Sänger David Essex, der mit trockenen Kommentaren die vergessene Geschichte Londons begleitete.
Für Saint Etienne bilden die Menschen die Essenz dessen, was eine Stadt ausmacht und prägt. Sie sind es, die der Stadt einen Gemeinsinn und eine Kultur geben, sie erfüllen die Orte mit Leben und Erinnerungen – ganz gleich, ob sie sich im Park entspannen oder mit ihren architektonischen Entwürfen Spuren im Stadtbild hinterlassen. Das modernistische Isokon-Gebäude zum Beispiel ist einer dieser Gründe, der London für Saint Etienne so lebenswert macht. Hier wohnten einst der Bauhaus-Gründer Walter Gropius und Agatha Christie; heute ist das Isokon-Haus außer unter Architekturstudenten und Stadtforschern weitgehend vergessen. Der spezifische Blick der Band unterliegt nicht dem Diktat von Stadtentwicklern und Finanzinvestoren, deren vorrangiges Interesse darin besteht, den öffentlichen Raum ökonomisch zu gestalten und damit in letzter Konsequenz zu privatisieren. "Finisterre" ist eine Art Liebeserklärung an London.
''What have you done today, Mervyn Day?''
Der 2005 entstandene Film "What have you done today, Mervyn Day?" klang dagegen schon wie ein Nachruf. Nur wenige Monate zuvor hatte London den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2012 bekommen. Mit ihrem Film wollten Saint Etienne das historische Lea Valley in seinem damaligen Zustand dokumentieren, bevor es für immer verschwinden würde. "What have you done today, Mervyn Day?" ruft in Erinnerung, dass im Lea Valley unter anderem die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts mitgeschrieben wurde. In den dortigen Fabriken ist das Plastik erfunden und die Ölraffinierung entwickelt worden. Hier liegt auch einer der Ursprünge der englischen Arbeiterbewegung, als die linke Aktivistin Annie Besant im Lea Valley den Match Girl's Strike ausrief.
Hauptfigur von "What have you done today, Mervyn Day?" ist ein Zeitungsjunge. Er begegnet auf seiner Tour den Anwohnern, die sich an die Vergangenheit des Lea Valley erinnern. Die Kamera hält noch einmal die brüchige Schönheit der alten Industriebauten fest, die dem Olympiapark weichen mussten. Einst schlugen 50.000 römische Soldaten an dieser Stelle ihr Lager auf und die Frage bleibt offen, welche archäologischen Artefakte wohl unter den Industrieruinen begraben liegen. Schmuckstück des Lea Valley ist die wild wuchernde Hackney Marsh nördlich des Olympiageländes, die lieblich und pastoral wie zur Hochzeit der englischen Landschaftsmalerei anmutet. Hier weideten früher Schafsherden; ein Stück Natur inmitten der boomenden Metropole.
Doch trotz dieser lebhaften Vergangenheit genoss das Lea Valley in der Öffentlichkeit lange Zeit keinen guten Ruf. Während der Olympischen Spiele werden eine halbe Million Besucher auf dem Olympiagelände erwartet; die Geschichte des Ortes bleibt ihnen vorenthalten. In "What have you done today, Mervyn Day?" heißt es einmal, dass Stadtplaner keinen Sinn für die Errungenschaften der Vergangenheit haben. Alles würde gleichermaßen planiert. Und im Guardian äußerte ein Mitglied des Olympia-Gremiums kürzlich die Befürchtung, dass der Olympiapark nach den Spielen wie "eine Goldene Stadt auf einem Hügel, umgeben von einem Meer aus Armut" liegen werde.
Eine Art Mahnmal der Architektursünden ist nur einige Kilometer weiter südlich, wo in den 1980er-Jahren im historischen Londoner Hafen mit den Docklands ein neues Finanz- und Handelszentrum entstand, im Bau. In die Londoner Skyline fügt sich zukünftig ein neues Bauwerk auf dem Olympiagelände: die 120 Meter hohe Stahlspirale des indischen Architekten Anish Kapoor. "Eine Reise, die stetig nach oben führt", beschrieb der Baukünstler sein selten hässliches Werk. Inzwischen wünschen sich viele Londoner die historischen Warehouses und Fabrikgebäude zurück, von denen Saint Etienne mit "What have you done today, Mervyn Day?" Zeugnis abgelegt haben.
Andreas Busche ist Filmkritiker und Filmrestaurator.
"Finisterre" ist bereits auf dem englischen DVD-Label Heavenly Films erschienen, "What have you done today, Mervyn Day?" soll diesen Sommer folgen.
Fotos: © Heavenly Management / © CC-Lab Production
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