Ein junger Mann balanciert über einen tiefen Abgrund, hinter ihm schimmert der Horizont. Steht er tatsächlich ungesichert auf einem Seil? Ein anderer krallt seine nackten Füße in ein Board, mitten in den schäumenden Wellenkronen. Mitten im Englischen Garten in München. Und ein Dritter ruft in die digitale Welt hinaus: "Die griechische Abwehr steht fest und vielbeinig – wie die Akropolis." Und zitiert damit den ZDF-Fußballkommentator Bela Rethy mit einem seiner neuesten Bonmots.
Drei Klicks, drei verschiedene Eindrücke. Sportblogs bieten weit mehr als Trainingstipps von Hobbygymnasten in verschwitzten Radlerhosen. Die meisten sind liebevolle Kollektionen: Video-und Fotoalben, Zitat- und andere Devotionalien-Sammlungen. So verschieden die Blogs sind, so haben sie doch eines gemeinsam: Es gibt sie, weil Fernsehen und Zeitung nicht oder zu oberflächlich über die jeweilige Sportart informieren. Das macht die Sportblogs so kreativ und unterhaltsam.
Im Netz wie in der analogen Welt: Fußball regiert. Die zehn einflussreichsten, weil meistverlinkten Sportblogs drehen sich allesamt ums runde Leder. Alles nur Vereinsmeierei? Nein, auch hier lohnt sich ein zweiter Klick.
Deutschland hat 80 Millionen Bundestrainer/innen. In der Kneipe und vor dem eigenen Schirm scheint es jeder besser zu wissen als Jogi Löw. Und schon gleich dreimal besser als die Kommentatoren im TV. Wendelin Hübner fordert deshalb auf marcel-ist-reif.de die Fußballkommentatoren-Demokratie. Zusammen mit seinem Schulfreund Moritz Eckert betreibt er den Blog seit dem Beginn der EM 2012. Die Seite macht so viel Freude wie ihr Name.
Fußballfans kommentieren hier die Spiele im Fernsehen selbst. Auf Bayerisch, auf Hessisch, mit und ohne Fachwissen, in der Gruppe oder allein. "Beim Fußball gibt es zwei Reizfiguren: den Schiedsrichter und den Kommentator. Den Schiedsrichter kann man nicht auswechseln, den Kommentator schon", erklärt Wendelin seine Idee. Das Interesse an der Seite war während der EM enorm, daher wollen die beiden mit dem Blog weitermachen.
Dem Beruf des Kommentators widmet sich auch der New Yorker Journalist Matt Langer. Er sammelt auf bestofbelarethy.tumblr.com Zitate des ZDF-Urgesteins Béla Réthy. Auf der radikal schlichten Seite finden sich Rethy-Versprecher wie Safikis (statt Sifakis), vor allem aber jede Menge sprachliche Perlen: "Noch ein kleiner Mann vom FC Barcelona", "Angela Merkel in Fachgesprächen: Er erklärt ihr die Euro, sie ihm den Euro", "Im Zentrum stehen die Kroaten so engmaschig, wie ihre Trikots aussehen". Erst mit den süffisanten Kommentaren von Langer wird die Sache dann rund.
Blogs über Fußball sind nicht immer nur witzig, sie können auch politisch sein. Zum Beispiel, wenn es um Tabus geht. Noch immer gibt es im Profifußball der Männer keinen Spieler, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt. Dafür gibt es Hetzkampagnen einzelner Fans in den Stadien und jede Menge diskriminierendes Stammtischgelaber.
"Homophobie ist in allen Bereichen des Fußballs in einem solch großen Maße präsent, dass Leben und Zusammenleben auf unzumutbare Weise beeinflusst werden", schreiben die Aktionisten von aktion-libero.de. Wer über Sport bloggt, finden sie, ist Teil des Systems. Auf ihrer Seite haben sich mehr als 100 Sportblogger/innen zusammengeschlossen, um die letzten homophoben Strukturen im Fußball zu brechen. Wer mitmachen will, kann sich das Aktionsmotiv oder ein Banner herunterladen und damit auf der eigenen Seite Flagge gegen Homophobie zeigen.
Nischensport tritt im Netz anders auf als Fußball. Die Blogger müssen sich insgesamt mehr Mühe geben, um für ihre Sportart zu begeistern. Die Sorgfalt sieht man den Blogs aber oft auch an.
Im Münchner Raum kennt jeder die Eisbach-Surfer im Englischen Garten. Von einer kleinen Brücke aus, gleich bei dem "Haus der Kunst", kann man sommers wie winters die Münchner bei ihren Sprüngen auf der perfekten Flusswelle bewundern. Auf riversurfen.tumblr.com bloggen die Aktiven über das Riversurfen – das keineswegs nur im Eisbach stattfindet –, über selbstgebastelte Rampen, neue Surfspots und Wettbewerbe wie die "Surf & Style", die "Munich Surf Open" oder "King of the Küste".
Jeden Dienstag gibt es auf skatedeluxe.de/blog einen neuen Tipp zu einem Skateboardtrick, den Willow in einem kurzen Video erklärt. Willow ist Teil des SK8DLX-Teams, das aus "Pros" (Professionals), Amateuren und "Young Guns" (Anfängern) besteht. Skatedeluxe – so kann man das auch schreiben – ist nicht nur Blog, sondern auch ein Online-Shop – daher muss man auch mit Werbung auf der Seite rechnen. Das Skateboarding-Wiki umfasst die Beschreibung aller Teile des Boards, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur eigenen Montage des Boards und einen Abriss zur Geschichte des Skateboarding. Und vieles mehr.
Radeln
Das Team der Rad-Spannerei aus Berlin-Kreuzberg versteht sich als Fahrradkollektiv. Die Radel-Spezialisten verkaufen in ihrem Laden individuell zusammengestellte Fahrräder. Ihre Kenntnisse über alle Erscheinungsformen von Rädern teilen sie auf rad-spannerei.de/blog. Dort geht es aber nicht nur um technische Feinheiten für Liebhaber, sondern auch um die vielfältige Beziehung zwischen Fahrrad und Stadtleben. Das schlägt sich auch in Kommentaren nieder, wenn die Rad-Spanner beispielsweise über den Berliner Aktivisten Aydin Akin schreiben, der jeden Tag 40 Kilometer durch die Stadt radelt, um für das kommunale Wahlrecht für Immigranten zu demonstrieren. Oder wenn darüber diskutiert wird, ob in Städten allgemein ein Tempolimit von 30 km/h eingeführt werden soll.
Vier Freunde aus Rosenheim bloggen über Wagnisse, über das, was sie "erfüllt und glücklich macht". Einer der Jungs heißt Alexander Schulz. Der 20-Jährige hält den Longline-Europarekord und mit 302 Metern den Weltrekord für Polyester-Slacklining. Der eindrucksvolle Blog oneinchdreams.com zeigt Bilder weiterer Weltrekorde: die längste Highline über eine Schlucht, das Laufen über Waterlines. Die geteilte Leidenschaft für das Slacklining – das Laufen auf einem nicht zu fest gespannten Band, meist in spektakulärer Naturkulisse – ist Thema des Blogs. Die vier Freunde erzählen von überstandenen Abenteuern und dokumentieren ihre Erlebnisse in der Natur mit spektakulären Fotos.
Hahn aufgedreht – Wasser läuft. Beim Campen und anderen Outdoor-Aktivitäten wird die Selbstverständlichkeit schnell zum wichtigsten Thema: Der nächste Supermarkt ist weit, kann ich das Wasser aus dem Fluss einfach so trinken? Tipps zum Abkochen bis hin zu den verschiedenen Arten von Wassertabletten lassen sich auf travelblogging.de nachlesen. Die, wie sie sich selbst nennen, "verantwortungsbewussten Camper" informieren über Trekkingtouren, Ausrüstung und Angeln in der ganzen Welt. Sie bloggen auch über die neue Art der Schatzsuche, das "Geocoaching", und über Work-and-Travel-Erfahrungen.
Martina Kollroß (22), studiert Italienisch und Sozialwissenschaften an der HU Berlin und arbeitet nebenher als freie Autorin.
Foto, oben: © Toniboni / photocase.com
Foto, unten: © Schoky / photocase.com
marcel-ist-reif.de
bestofbelarethy.tumblr.com
aktion-libero.de
riversurfen.tumblr.com
skatedeluxe.de/blog
rad-spannerei.de/blog
oneinchdreams.com
travelblogging.de
Kommentare
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)
Was bisher geschah...
sport und sein bedeutung
sport schwimmen und Fahrradkollektiv.
SAFFAR Houari | 17. August 2012 20:18
Dein Kommentar
Kommentar schreiben
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)