Boxer im Ring
"Das kürzeste Gedicht der Weltliteratur stammt von Muhammad Ali", sagt der Schriftsteller Michael Lentz, "es geht so: 'Me / We'." Lentz muss es wissen, denn er ist nicht nur Romancier, sondern auch Professor für Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Und er ist Boxer.
Damit ist Lentz nicht allein unter Deutschlands zeitgenössischen Schriftstellern: Torsten Becker, Clemens Meyer oder Helmut Kuhn stellen sich gerne an den Sandsack, manche auch in den Ring. Bei Lentz aber bedeutet das nicht, dass Boxen auch in seine Literatur einzieht. Ein Boxerroman? "Daran müsste ich sehr lange arbeiten, es ginge ja über konkrete Bewegungen", sagt er. "Das würde ein schwieriges Werk." Boxen ist für ihn "nur begrenzt literaturfähig".
Das sieht Matthias Eckoldt anders. Er hat mit "Letzte Tage" 2010 einen Boxerroman vorgelegt. Da geht es um einen Profiboxtrainer aus der früheren DDR, der sich um zwei Kämpfer kümmert. Rotlichtmilieu gibt es bei Eckoldt nicht, auch keine arbeitslosen Boxkumpels. "Diese Entscheidungssituation, wo der Trainer sich zwischen zweien seiner Boxer entscheiden muss, das ist Literatur", begründet Eckoldt seinen Ansatz.
Michael Lentz würde in dem von Eckoldt geschilderten Gym wohl nicht vorbeikommen. Der Bachmann-Preisträger von 2001 trainiert im Boxtempel Weißensee, einem Schuppen in einem Ostberliner Industriegebiet. "Das Flair dort hat mich direkt angezogen", sagt Lentz. "Da gibt es nichts Gekünsteltes, nichts Aufgemotztes."
So ganz selten sind boxende Schriftsteller nicht: Norman Mailer und Georges Simenon boxten, Ernest Hemingway hat gegen Profis gekämpft, und Arthur Cravan forderte 1916 sogar den Exweltmeister im Schwergewicht, Jack Johnson, heraus – ohne jede Chance. In Deutschland war Wolfgang Hilbig, der verstorbene Büchner-Preisträger, Amateurboxer gewesen.
Bertolt Brecht hat auch geboxt, zumindest hing in seinem Arbeitszimmer ein Punchingball. Für Eckoldt war bei Brecht viel Pose. "Ich kann mir Brecht nicht vorstellen, wie er boxt", lacht er. Aber literarisch hat er sich diesem Sport gewidmet. Einen nie vollendeten Boxerroman gibt es von Brecht, er verfasste Manifeste über "Sport und geistiges Schaffen" und legte mit "Der Kinnhaken" eine Boxer-Erzählung vor. "Ich glaube aber", meint Michael Lentz, der sich für sein Buch "Pazifik Exil" (2007) mit Brechts Biografie beschäftigt hat, "er war nicht an der boxerischen Arbeit interessiert." Brecht sei es mehr um soziologische Betrachtungen gegangen.
'Fat City' von L. Gardner
Weltliteratur über das Boxen
Manfred Luckas hat seine Dissertation über Boxen und Literatur geschrieben. "Grob geschätzt sind es 150 Romane und Erzählungen, die sich mit dem Boxen beschäftigen", sagt der Journalist aus Köln. Das sind so berühmte wie Budd Schulbergs "Schmutziger Lorbeer" oder Leon Gardners "Fat City", so ungewöhnliche Werke wie "Zwei Baxer" von Heinrich von Kleist und so zu Unrecht kaum bekannte wie "Die Boxkampf-Beichte" von Bernd Eilert.
Es gibt nicht nur literarische, sondern auch theoretische Annäherungen von Literaten an den Boxsport: Joyce Carol Oates' Essay "Über Boxen" etwa oder Djuna Barnes' "Meine Schwestern und ich bei einem Preisboxkampf". Robert Musil nähert sich im "Mann ohne Eigenschaften" so: "Wunderlicherweise nennt man das, was man beim Boxen als überlegene Geisteskraft empfindet, nur kalt und gefühllos, sobald es bei Menschen, die nicht boxen können, aus Neigung zu einer geistigen Lebenshaltung entsteht."
Es ist also auch Weltliteratur dabei. "Aber das beste Buch, das ich über das Boxen gelesen hab", sagt Lentz, "ist kein literarisches." Es ist die Studie des französischen Soziologen Loïc Wacquant, der als Feldforscher drei Jahre lang in einem Gym in der Bronx von Chicago trainierte: "Leben für den Ring" von 2003. Der Schüler des Soziologen Pierre Bourdieu tauchte dort so sehr ab, dass er zeitweilig sogar seine Professur aufgeben und Profiboxer werden wollte.
Auch Boxer, die Schriftsteller wurden, gibt es. Nathan Hare etwa, einer der Begründer der Black Studies in den USA, war Ende der 1940er-Jahre Profiboxer. Nicht vergessen darf man in dieser Aufzählung Gene Tunney und José Torres: Tunney gab, als Weltmeister im Schwergewicht, an der Universität Yale Vorlesungen über Shakespeare. Torres, Exweltmeister im Halbschwergewicht, wurde Schriftsteller. Eines seiner Bücher porträtiert Muhammad Ali, und der gehört ja selbst in die Liste der großen Boxer als große Literaten.
"Ali hatte immer Geschichten zu erzählen", sagt Michael Lentz bewundernd. "Auf Pressekonferenzen, bei Interviews, überall – das war ein großer Geschichtenerzähler." Ali schrieb nicht, er lieferte seine Texte als Performance ab. In Leon Gasts Dokumentarfilm "When we were Kings" über den Kampf Alis gegen George Foreman findet Michael Lentz eine Szene besonders beeindruckend. Darin berichtet der Literaturwissenschaftler George Plimpton, wie Ali vor 2000 Studenten einen Vortrag hielt. "Give us a poem", forderte ein Student. Ali erfuhr, dass das bis dato kürzeste Gedicht in englischer Sprache so lautete: "Adam / had 'em ". Er überlegte einen Moment und sagte dann: "Me / We".
"Das ist doch genial", begeistert sich Lentz. "Das erfüllt alle Kriterien eines Gedichts, und er hat es spontan entworfen."
Martin Krauß, Jahrgang 1964, ist freier Sportjournalist in Berlin und schreibt vor allem für Jüdische Allgemeine, taz und Jungle World.
Foto: © vice / photocase.com
Buchcoverabbildung: © Univ of California Pr
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