Dr. Wolfgang Behringer
Der Historiker Dr. Wolfgang Behringer ist alles andere als Sportmuffel. Er ist sowohl ein leidenschaftlicher Zuschauer wie auch selber ein Sporttreibender. Deswegen lag es für ihn nahe, ein Buch über die historische Dimension des Sports zu schreiben. In seiner gerade erschienenen "Kulturgeschichte des Sports" untersucht er den Einfluss von Sport auf unsere Kultur – und umgekehrt, von den Anfängen der Sportkultur bis zu unseren heutigen Großveranstaltungen. Sport, findet Behringer, der an der Universität des Saarlandes unterrichtet, ist eine treibende gesellschaftliche Kraft, die immer wieder für Fortschritt und vor allem auch für Frieden sorgen kann.
Auf dem Cover Ihres Buches "Kulturgeschichte des Sports" sieht man zwei Abbildungen: eine, die Sportler der Olympischen Spiele der Antike zeigt, und eine, die Olympioniken von heute zeigt. Kann man die aktuellen Olympiaden in irgendeiner Weise noch mit den Spielen der Antike vergleichen?
Wolfgang Behringer: Die beiden sind natürlich sehr schwer vergleichbar, denn in der Antike handelt es sich um die kultischen Anfänge des Sports. Heute haben wir eine Differenzierung in Hunderte verschiedener Sportarten. Dennoch ist die Begeisterung für diese Spiele nach wie vor gleich geblieben: sowohl die Massenwirksamkeit für das Publikum als auch die Attraktivität für die Sportler selber.
Das traf auch auf die Vorbereitungen für die alle vier Jahre stattfindenden Olympiaden zu, wo man sogar so weit ging, die Zeitrechnung danach zu richten. In allen einzelnen griechischen Stadtstaaten – vom Schwarzen Meer bis nach Frankreich – hat man sich damals auf dieses Ereignis vorbereitet. Eine weitere Gemeinsamkeit sind die Zweckbauten für den Sport. Das Stadion ist eine griechische Erfindung, und heute wie in der Antike prägen und prägten diese Zweckbauten unsere heutige Sportkultur.
Ist der Zugang zum Sport mit der Zeit demokratischer oder undemokratischer geworden?
Bereits in der Antike war auch der Zweck der großen Sportarenen, immer das Publikum zufriedenzustellen. So gewährleisten die großen Arenen auch leichten Zugang. Heutzutage, in den neu gebauten Stadien, kann man auch sehen, dass der Zuschauer immer besser das Geschehen mitbekommt als in den früheren Stadien der Neuzeit, wo die billigen Ränge teilweise sehr weit vom Feld oder vom Platz entfernt waren. In der Antike waren Stadien nicht nur ausschließlich dem Sport gewidmet; bei Vorveranstaltungen wurde der Bevölkerung auch die Gelegenheit geboten, ihren Stimmungen Ausdruck zu verleihen, zum Beispiel in Anwesenheit des Kaisers.
So waren das oft die einzigen Orte, wo man der Obrigkeit die Meinung sagen konnte. Das ist natürlich eine Funktion, die in unserer Zeit verloren gegangen ist, weil wir andere Orte der politischen Teilnahme haben. Es gibt aber eine sehr lange Tradition der allgemeinen Zugänglichkeit bei Sportstätten.
Fans bei der Fussball EM 2012
Nichtsdestotrotz mischen sich Sport und Politik gerne in den Stadien – wenn zum Beispiel Bundeskanzlerin Angela Merkel zur EM 2012 reist …
Natürlich weiß Bundeskanzlerin Angela Merkel ganz genau um die Wirksamkeit ihres Auftretens im Stadion Bescheid. Indirekt gibt es eine Symbiose zwischen Sport und Politik; Sportvereine und Sportveranstalter sind ja steuerlich privilegiert. Allerdings scheut sich die Politik davor, sich näher mit den Monopolstrukturen im Sport wie der FIFA und dem IOC zu beschäftigen oder aktiv zu werden. Inzwischen üben Sportorganisationen einen so großen Einfluss aus, dass sie teilweise in die Rechte von Nationalstaaten eingreifen. Zum Beispiel, wenn sie diktieren, welche Getränke in der Nähe eines Stadions getrunken und nicht getrunken werden dürfen.
Wenn man eine EM oder WM beispielsweise mit der Olympiade vergleicht, kommt einem das Zuschauerverhalten doch sehr viel aufgeregter vor, obwohl es auch bei der Olympiade um Länderspiele im weitesten Sinne geht. Spielen politische oder soziologische Dimensionen bei der Zusammensetzung der Zuschauer dabei eine Rolle?
Ach, Fußball ist einfach klasse! Dennoch spielen da zu viele Dimensionen mit, als dass man die Sportart auf eine einzige Interpretation reduzieren könnte. Die Begeisterung fängt mit der Freude am gemeinsamen Zusehen an und geht bis zur Freude, selbst Fußball zu spielen. Klar gibt es Theorien, die besagen, Fußball reflektiere die industrielle Gesellschaft. Aber so eine einfache Konstruktion lässt sich immer widerlegen.
Sie schreiben, dass Sport unweigerlicher Bestandteil der Moderne ist. War das nicht immer so?
Innerhalb von Europa wurden in der Vergangenheit Sportveranstaltungen in Frage gestellt. Der Theologe Tertullian war der Meinung, dass Sportstätten als Kultstätten Orte der Dämonenverehrung seien, was zu einer Form christlicher Sportfeindschaft führte. Erst in der Neuzeit kam es zu einer "Sportifizierung des Kampfes", zum Beispiel bei Ritterturnieren. Anstatt bis auf den Tod Turniere auszutragen, wurde der Kampf in eine Geschicklichkeitsübung umgewandelt, in der die Ritter ein Ringlein und keinen lebendigen Gegner mit ihrer Lanze treffen mussten. Dafür gewannen sie Punkte und Preise. Somit erreichte der Sport große gesellschaftliche Fortschritte – alleine schon, wenn man bedenkt, wie viele Menschen bei Ritterturnieren gestorben sind und dass sich beinahe keine weiteren Teilnehmer finden ließen.
Wie wichtig, finden Sie, ist Sport für unsere kulturelle Weiterentwicklung? Ist Sport noch Hauptmittel der Verständigung oder nur noch reines Marketingmedium?
Wir haben ja spätestens seit den Olympischen Spielen von Atlanta diese sehr starke Kommerzialisierung mit im Spiel. Der Prozess ist auch noch lange nicht abgeschlossen. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass das Publikum in erster Linie die Freude an der Sportveranstaltung hat und von dem kommerziellen Drumherum eher absieht. Vielleicht ärgert man sich als Zuschauer darüber, dass man nur gewisse Getränke bekommt. Das wird aber in Kauf genommen, um an den großen Spektakeln partizipieren zu können. In den Stadien der Antike waren ebenfalls Stände vorhanden, wo frühe Formen des "Merchandising" stattfanden.
Ich denke, dass Sport schon die Funktion der Völkerverständigung hat und auch von Anfang an gehabt hat. Die ursprüngliche Idee hinter den Olympischen Spielen war, einen unkriegerischen Ausgleich zwischen den verschiedenen griechischen Stadtstaaten, die in Konkurrenz zueinander standen, zu bekommen. Damit hing auch das Kriegsverbot während der Dauer der Spiele zusammen. Ähnliches kann man auch in der frühen Neuzeit sehen bei den städtischen Schützenfesten. Das Element der Verständigung, des Zusammenkommens von Leuten von verschiedenen Regionen und verschiedenen Sprachen. Das ist doch ganz wichtig bei den großen Sportfesten. Heute wie in der Vergangenheit.
Oliver Koehler (39) lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Texter und Übersetzer.
Wolfgang Behringer: Kulturgeschichte des Sports. Vom antiken Olympia bis ins 21. Jahrhundert (C. H. Beck 2012, 494 S., 24,95 €)
Foto Oben: © Jens Ewen
Foto Unten: © dpa
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