Reinhold Beckmann (re.) mit Fussballer Mehmet Scholl
Fußballberichterstattung war schon immer auch ein wenig Entertainment. Als 1963 das aktuelle Sportstudio startete, plante der Moderator der ersten Stunde, Wim Thoelke, das Format als "Unterhaltungssendung mit stark sportlichem Charakter". Daran hat sich bis heute nicht viel geändert: Es geht darum, Emotionen zu transportieren. Schließlich übertrage man ja nicht die Bundestagsdebatte, sondern Fußball, sagt der Moderator Matthias Opdenhövel.
Opdenhövel ist Teil der neuen Moderatorengeneration bei der ARD-Sportschau. Beim Privatsender Pro7 hat er davor Entertainment-Formate präsentiert, und ist damit den umgekehrten Weg seiner Vorgänger gegangen: Die Showmaster Wim Thoelke, Reinhold Beckmann, Johannes B. Kerner, Jörg Pilawa und Oliver Welke kamen alle vom Sport. Vielen von ihnen diente der Privatsender Sat.1 mit seiner Sendung "ran" als Karrieresprungbrett.
Die erste "ran"-Sendung 1989 war einer von zwei großen Brüchen in der Sportberichterstattung seit Einführung der Bundesliga 1963. Davor hatte sich das Publikum mit etwas altbackenen Zusammenfassungen der Sportschau begnügt, die in einer knappen Stunde ausgewählte Spiele zeigten. Das Ganze hatte den Charme und die Gemütlichkeit eines Kaffeekränzchens.
"ran" aber war Disco. Mit bis zu 20 Kameras wurden die Spiele begleitet, es gab einen Index althergebrachter Reporterphrasen, die nicht mehr verwendet werden durften, Interviews direkt vom Spielfeldrand wurden eingeführt, hübsche weibliche Fans und Spielerfrauen auf den Rängen gefilmt – die sogenannten "Honeyshots" –, eine Datenbank angelegt, und Beckmann moderierte sich – wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) 1989 schrieb – "mit einer nicht enden wollenden Fröhlichkeit" (FAZ) durch die erste Sendung. "Wer genau hinschaut", ätzte die FAZ weiter, "der kann zwischen Werbespots, dem organisierten Frohsinn im 'ran'-Studio und all den nichtssagenden Interviews Rudimente von Fußball entdecken."
"ran" war Samstagabend-Unterhaltung, die Unmengen Geld verschlang. Die Sendung war von Anfang an ein Verlustgeschäft. Hatte sich die ARD die Übertragungsrechte noch für umgerechnet 2,25 Millionen Euro pro Jahr sichern können, legte der Sender Sat.1 für die Saison 92/93 das Zehnfache auf den Tisch. Die enormen Kosten wieder einzuspielen erwies sich als hoffnungsloses Unterfangen, "ran" blieb bis zur Einstellung defizitär. Das gilt heute für fast jede große Fußballshow.
Was vor allem daran liegt, dass die Sender die Bilder nicht mehr selbst produzieren. Das war der zweite große Umbruch in der Fußballberichterstattung: Inzwischen werden Fernsehbilder zentral produziert und vertrieben. Für die Bundesliga macht das Sportcast, eine hundertprozentige Tochter der Deutschen Fußballliga (DFL), die wiederum der Dachverband aller Bundesligisten ist. Das Bieterverfahren ist lukrativ, Sky, das sich für 2013 bis 2017 die Rechte an der Live-Berichterstattung gesichert hat, zahlt dafür immerhin 2,5 Milliarden Euro.
Es ist aber nicht nur das Geld, weshalb die Verbände die Bilder selbst produzieren: Sie haben damit auch die Hoheit darüber, was gezeigt wird und was nicht. So haben die Zuschauer des Spiels Kroatien gegen Irland während der gerade zu Ende gegangenen Europameisterschaft in Polen und der Ukraine nicht den Flitzer gesehen, der während einer Spielunterbrechung auf den kroatischen Trainer Slaven Bilic zurannte und ihn inniglich herzte – die Szene wurde herausgeschnitten. Ebenso wenig durften sie leere Stadionsitze sehen, schließlich galten alle Partien als ausverkauft. Sowieso verboten ist es, Plakate mit politischen Statements, etwa die Aufforderung zur Freilassung der ukrainischen Oppositionspolitikern Julia Timoschenko, zu verbreiten. Nichts soll die Atmosphäre des Events stören – vor allem auch kein kritischer Journalismus.
Fußballberichterstattung ist in vielen Fällen Boulevard: Es geht darum, packende Geschichten hautnah zu erzählen. Diese Nähe ist die eigentliche Währung der Sportberichterstattung. Der Sender Sky jubelte über die Verpflichtung zweier neuer Reporter, Uli Köhler und Dirk Schlarmann, weil sie bei den jeweiligen Vereinen, über die sie berichten, "quasi zu Hause" seien. Viele Fußballreporter sind Inbegriff jener Journalisten, die Thomas Kistner, Sportredakteur bei der Süddeutschen Zeitung (SZ), einmal als Fans, die es über die Absperrung geschafft haben, bezeichnet hat. Er zieht ein bitteres Fazit: "Die Erfahrung mit Sportjournalisten lehrt, dass sie sich gewissermaßen schon selbst korrumpieren – beispielsweise über das Glücksgefühl, dass sie in diesem Job ihren Helden des Sports so nahe sein zu dürfen." Und wenn sie doch einmal unbequem werden, machen die Sender klar, wo es langgeht: Sat.1 zog im November 2011 den Reporter Jörg Dahlmann vom nächsten Bayern-Spiel ab, weil der mit einer harmlosen Frage zu Mario Gomez Louis van Gaal verärgert hatte.
Nun mag das noch als eine Posse durchgehen, wenn auch als eine aussagekräftige. Aber auch wenn es im Fußball zu tatsächlichen Kontroversen kommt, verbrüdert sich das Fernsehen mit den Machern des Fußballs. Seit Anfang dieses Jahres wird viel über die von den Vereinen verbotene Pyrotechnik und das Verhalten der sogenannten Ultra-Fans debattiert. Während Zeitungen wie SZ, FAZ oder tageszeitung (taz) versuchen, beide Seiten zur Sprache kommen zu lassen, und das Fußballmagazin "11Freunde" in einer langen Titelgeschichte über Fangewalt zu dem Ergebnis kommt, dass diese seit Jahren – anders als von offizieller Seite behauptet – abgenommen hat, wird in Fernsehübertragungen das Abbrennen von Leuchtfeuern durchgehend kriminalisiert. Dabei galt Pyrotechnik noch vor fünf Jahren auch vielen TV-Reportern als Ausdruck südländischer Leidenschaft, die eine großartige Atmosphäre schaffe. In der Talkshow "Hart, aber fair" zündete Johannes B. Kerner sogar eine Kinderpuppe an, um zu zeigen, wie brutal Pyrotechnik sein könne. Der Titel der Sendung: "Gewaltige Leidenschaft – wer schützt den Fußball vor seinen Fans?".
Nur eine Hand voll von Sportjournalisten wagen sich auch an die ganz großen sportpolitischen Fragen, wie beispielsweise die, nach welchem Verfahren eigentlich Weltmeisterschaften vergeben werden. Im Jahr 2006 recherchierte der britische Enthüllungsjournalist Andrew Jennings Schmiergeldzahlungen innerhalb des Fußball-Weltverbandes (FIFA) von mindestens 100 Millionen US-Dollar und beschrieb ein umfangreiches Korruptionssystem, in das zahlreiche Fußballfunktionäre verstrickt waren. Viele von ihnen sind auch heute noch in Amt und Würden, obwohl es seitdem weitere Indizien und Hinweise darauf gab, dass die Vergabe der Weltmeisterschaften nach Brasilien, Russland und vor allem nach Katar "gekauft" worden sind.
Für viele Fußballjournalisten scheinen solche Enthüllungen kaum eine Rolle zu spielen. Für sie gilt der Satz: Dabei sein ist alles.
Frederic Valin lebt als Journalist in Berlin. Er schreibt für Print und Online.
Foto: Adrian Zawislak / CC BY-SA 3.0
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