Fußball im Pariser Vorort Saint-Denis
Leichter Nieselregen hat den Rasen rutschig gemacht. Es ist ein nasskalter Tag. Trotzdem sind fast fünfzig junge Fußballer zum Training erschienen. Ihre Geschichte beginnt mit "Es war einmal in Afrika", mit einem zerschlissenen Lederball und einem großen Traum. Der Traum ist ihnen geblieben, auch hier, im Pariser Vorort Saint-Denis.
Ein paar Kilometer weiter ragt das Stade de France in den Himmel. "Einmal war ich drin! Es ist gigantisch groß", schwärmt Gui, ein 24-jähriger Abwehrspieler aus Kamerun. Hier holte die "Equipe Tricolore", die französische Nationalmannschaft, 1998 den Weltmeistertitel. Es war die Epoche von Zinedine Zidane, Bixente Lizarazu und Lilian Thuram. Franzosen schwarzafrikanischer und maghrebinischer Herkunft kickten sich gemeinsam mit weißen Franzosen in den Fußballolymp. Der Slogan "black, blanc, beur" (schwarz-weiß-nordafrikanisch) beschrieb dieses neue Gemeinschaftsgefühl.
All dies scheint Lichtjahre entfernt vom weitläufigen Gemeindestadion in Saint-Denis. Es liegt an die Nationalstraße N214, begrenzt durch einen grünen Gitterzaun. Zwei auseinandergebogene Eisenstangen dienen den Spielern als Eingang zum Fußballplatz. Sie trainieren sieben Tage pro Woche. "Das Wetter spielt keine Rolle", versichert Gui. Wenn Schulen und Vereine Mittagspause machen, gehört der Rasen ihnen allein. Nur offiziell gibt es sie nicht. Eine Steinmauer am Spielfeldrand ist ihre Umkleidekabine.
Das Training beginnt mit einem gemeinsamen Gebet. "Religion ist in Schwarzafrika sehr wichtig. Sie gibt uns Hoffnung und Halt", erklärt Ibrahim, 18 Jahre, Abwehrspieler von der Elfenbeinküste. Dann laufen sie sich warm unter den aufmerksamen Augen ihres Trainers. Alle nennen ihn nur "Campos". Für sie ist er mehr als ein Fußball-Coach. Väterlich klopft er Gui auf die Schulter: "Heute will ich mehr sehen von dir, mein Junge. Vertrau' auf dein Talent!"
Am Spielfeldrand sitzt Roland, der wegen einer Verletzung zuschauen muss: "Wenn du Geld brauchst oder in Schwierigkeiten bist, rufst du Campos an. Wenn du einen Arzt oder einen Platz zum Schlafen suchst, findet er eine Lösung." Ein Dutzend jüngerer Spieler macht hinter der Torlinie Sit-ups und Liegestütze, während sich auf dem Rasen das Tempo erhöht. Campos verteilt orangefarbene und graue Trikots, stellt zwei Mannschaften zusammen. "Allez, on joue! Spielt, spielt", treibt er seine Jungs an. Sie kombinieren clever, suchen nach Anspielmöglichkeiten, passen sicher.
Heute sind alle Anstrengungen vergebens. Nach dem Abpfiff steht es 0:0. "Vor dem Tor fehlt es euch an Selbstbewusstsein. Ihr müsst das Ding reinmachen!" Campos ruft die Spieler zusammen. Ermahnt, erläutert, ermutigt. Die Jüngeren kommen zu Stretching-Übungen dazu, Muskeln werden gelockert, Krämpfe ausgeschüttelt. Ein orangenes Trikot fehlt und der Coach ordnet eine Suchaktion an. Ohne Sponsoren und staatliche Hilfe muss er auf jedes T-Shirt, jeden Ball Acht geben. "Obwohl wir nichts haben, spielen wir auf hohem Niveau", bemerkt Roland nicht ohne Stolz. "Wir bekommen ein professionelles Training! Campos ist zwar wie unser Freund, doch auf dem Platz ist er sehr streng, wenn wir nicht mit vollem Einsatz dabei sind."
Trainer Campos
Das Geschäft mit der Hoffnung
Ihre Hingabe auf dem Rasen verrät: Sie wollen mehr als nur mit Freunden kicken. Campos weiß, was ihnen der Sport bedeutet: "Beim Spielen können sie alles vergessen. Dann zählt nur noch der Ball. Diese Jungs müssen ums tägliche Überleben kämpfen. Der Fußball ist für sie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft." Über ihre Vergangenheit reden sie wenig. Kaum einer der jungen Männer ist in Frankreich geboren. Stattdessen haben die meisten eine aufreibende Odyssee hinter sich. Zögernd berichtet schließlich ein 20-Jähriger, was er auf seiner Reise erlebt hat. Er gibt sich kurzerhand den Spitznamen "Ballack", weil er anonym bleiben will. Er hat Angst vor jenem "Manager", der ihn aus seiner Heimat Kamerun übers Mittelmeer und Italien nach Frankreich gebracht hat. "Solche Agenten stellen dir einen Vertrag in Aussicht, versprechen, dich in einem Club unterzubringen. Aber plötzlich verschwinden sie und du hast nichts. Kein Geld, keine Papiere …". "Und keinen Stolz", ergänzt Campos.
So wie "Ballack" ergeht es vielen jungen afrikanischen Fußballern. In Frankreich landen überwiegend Jugendliche aus Kamerun, der Elfenbeinküste, dem Senegal oder Mali, wo Französisch offizielle Amtssprache ist. So ist es für sie einfacher, Gelegenheitsjobs und Freunde zu finden. "Ich hatte angefangen zu studieren, aber habe mich dann fürs Fußballspielen entschieden. Das liegt mir im Blut", gesteht Gui.
In den Augen von Ex-Fußballprofi Jean-Claude Mbvoumin ist das ein fataler Entschluss. "95 Prozent dieser Jugendlichen landen auf der Straße." Um Jugendlichen wie Gui, Ibrahim und "Ballack" eine zweite Chance zu geben, gründete der Kameruner vor elf Jahren den Verein "Foot Solidaire". "Ein geregeltes Leben beginnt mit einer Aufenthaltsgenehmigung, einem festen Wohnsitz, einer Schul- oder Berufsausbildung."
Pro Jahr bitten ihn etwa 200 gestrandete Jugendliche um Hilfe. "Das 'foot-business' boomt. Ein Geschäft, das die Betroffenen kaputt macht." Mittlerweile arbeitet der 39-Jährige mit zahlreichen Institutionen in afrikanischen Ländern zusammen, um vor Ort gegen diese "moderne Form von Sklavenhandel" zu kämpfen. "Vermeintliche Talentscouts ziehen durch Dörfer. Sie verlangen zwischen 3.000 und 5.000 Euro. Viele Familien machen immense Schulden, um ihre Söhne nach Europa zu schicken. Später schämen sich die Hoffnungsträger und wollen nicht erfolglos in ihre Heimat zurückkehren. Lieber schlagen sie sich irgendwie durch." Der inoffizielle Fußballclub in Saint-Denis sei aber der falsche Weg, findet Jean-Claude Mbvoumin. "Man darf die Jungs nicht in dem Glauben lassen, sie könnten Profispieler werden. Die athletischen Anforderungen sind enorm hoch. Von 1.000 Nachwuchsfußballern gibt es womöglich einen, der das Zeug dazu hat."
In Saint-Denis aber glaubt ein Mittelfeldspieler mit dem Spitznamen "Ballack" noch immer an eine Laufbahn im Stile seines großen Vorbilds: "Es gibt tausende Ballacks auf Frankreichs Straßen. Man muss uns bloß entdecken!" Deshalb wird er morgen wieder über den abgenutzten Rasen rennen. Wird weiter träumen von Verträgen, von den "ganz großen Klubs" und von seinem ersten Turnier im Stade de France. "Eines Tages möchte ich meiner Mutter etwas zurückgeben, für all das, was sie für mich getan hat."
Und was wünscht Campos seinen Schützlingen für die Zukunft? "Ich möchte, dass ihr woanders hingeht. Ihr müsst weg von hier!" Die Jungs sehen ihn überrascht und ungläubig an. Dann fügt er schnell hinzu: "Schließlich will ich eines Tages vor dem Fernseher sitzen und zuschauen, wie ihr das Ding reinmacht."
Romy Strassenburg lebt als Korrespondentin für deutsche Medien in Paris.
alle Fotos: © Andreas B. Krueger / www.andreasbkrueger.com
Kommentare
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)
Dein Kommentar
Kommentar schreiben
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)