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Unter roten Fahnen

Sport war oft Mittel im politischen Kampf

24.7.2012 | Patrick von Krienke | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wenn heute vom deutschen Fußballmeister die Rede ist, dann weiß meist jeder, dass es um den Meister der Bundesliga geht. Auch wenn von Olympia gesprochen wird, käme niemand auf die Idee, dass es neben den vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) organisierten Spielen noch eine ähnliche Veranstaltung geben könnte. Sport gilt als verbindendes Element über alle politischen Richtungen und über Ländergrenzen hinweg.

Plakat I. Internationale Arbeiterolympiade

Plakat I. Internationale Arbeiterolympiade

Mehr als zwei Millionen Arbeitersportler

Nach dem Ersten Weltkrieg zeigte sich in Deutschland ein ganz anderes Bild. Mehr als zwei Millionen Arbeiter hatten sich in den 1920er-Jahren in sogenannten Arbeitersportvereinen organisiert. Sie verstanden sich vor allem als Opposition gegen die bürgerlichen Sportvereine, die oft deutschnational eingestellt waren. Ferner gegen den Betriebssport, der von den Arbeitern als Instrument zur Ruhigstellung der Arbeiterschaft begriffen wurde. In scharfer Gegnerschaft standen sie zu den Turnvereinen der nationalistischen Verbände sowie den rechts außen stehenden Sportclubs und Wehrsportgruppen von Totenkopf und Stahlhelm.

Auch wenn der wichtigste Verband des Arbeitersports, der Arbeiter-Turn und Sportbund (ATSB), bereits Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurde, gewann er erst im scharfen politischen Gegensatz der 1920er-Jahre an Bedeutung. Der Kampf gegen den Kapitalismus und die brüderliche Verständigung unter den Arbeitern aller Länder waren das ideologische Programm der Arbeitersportvereine. Mitglieder wurden auch politisch geschult. Vielen Kindern aus armen Familien war es erst durch die Arbeitervereine möglich, Sport zu treiben. Hier wurden nur niedrige Mitgliedsbeiträge erhoben und oft auch die Ausrüstung gestellt.

Arbeiterolympiaden genauso groß wie die Spiele des IOC

Die Arbeitersportvereine wurden über die Jahre immer professioneller. Eine Bundesschule mit Trainings- und Schulungszentrum in Leipzig wurde 1926 vom ATSB eröffnet. Sogar sechs Olympiaden (3x Sommer, 3x Winter) wurden durch die Arbeitersportler veranstaltet, wobei die Spiele 1925 in Frankfurt am Main und 1931 in Wien durchaus an Größe und sportlichen Leistungen mit den Olympiaden in Paris 1924 und Los Angeles 1932 vergleichbar waren. So gingen in Frankfurt über 3.000 Athleten an den Start. Das Ereignis hatte mehr als 450.000 Zuschauer.

Doch auch in den Arbeitersportverbänden zeigte sich bald der Gegensatz zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, der in der Weimarer Zeit die Arbeiterschaft entzweite. Diese hatten auf der Konferenz der Komintern 1923 die Gründung einer eigenen Sportorganisation, der Roten Sportinternationale (RSI), beschlossen. Sie sollte als Kampfinstrument für die kommunistische Weltrevolution ähnlich arbeiten wie die Sportorganisationen in der Sowjetunion und zur Mobilisierung wie auch vormilitärischen Ausbildung der Jugend beitragen.

In den folgenden Jahren veranstaltete die RSI vor allem Gastwettkämpfe sowjetischer Arbeitermannschaften in Deutschland und opponierte mehr oder weniger offen gegen die sozialistischen Sportvereine, denen sie Zusammenarbeit mit dem Staat und Verrat am Klassenkampf vorwarf. Zentrum der kommunistischen Sportler in Deutschland war vor allem Berlin.

Gegen Ende der 1920er-Jahre verschärften sich die politischen Konflikte zwischen den Sozialdemokraten und den Kommunisten. Hierzu trug nicht nur die Weltwirtschaftskrise, sondern vor allem auch die "Einheitsfrontpolitik" der Kommunistischen Partei Deutschlands bei. Sport galt als Mobilisierungsmittel. Das Kalkül der Kommunisten: sportinteressierte, aber unpolitische Arbeiter in die Stadien locken und so für die kommunistische Bewegung gewinnen.

Arbeitersportler auf der Maidemonstration in Düsseldorf, 1931

Arbeitersportler auf der Maidemonstration in Düsseldorf, 1931

Spaltung des Arbeitersports

Die sozialistischen Arbeitersportfunktionäre beunruhigte diese Entwicklung. Einerseits fürchteten sie einen zu starken politischen Einfluss der Kommunisten auf die eigene Klientel. Das brachte Unruhe und Zwist in den Sportbetrieb und die Vereine. Andererseits bangte aber vor allem der ATSB auch um öffentliche Fördergelder. Trotz der ideellen Opposition zu nationalstaatlichen und großdeutschen Gedanken finanzierte sich der Verband zu gut der Hälfte aus Fördermitteln des Reiches und der Gliedstaaten; vor allem aus Sachsen.

Die internationale Spartakiade in Moskau 1928 wurde schließlich zur Nagelprobe. Sie wurde von der RSI organisiert. Es reisten 600 Arbeitersportler und Arbeiterfunktionäre aus rund zwölf Ländern an. Das waren sehr viel weniger, als sich die Organisatoren erhofft hatten. Die sozialistische Arbeitersportführung hatte allen Verbandsmitgliedern die Teilnahme verboten; dennoch stellten die Deutschen mit 213 Sportlern unter der Führung des bekannten Ringers Werner Seelenbinder die größte ausländische Delegation bei diesen ersten rein kommunistischen Spielen. Durch die Inszenierung der Spartakiade als politisches Ereignis lassen sich die immensen Zuschauerzahlen erklären, die von der zeitgenössischen Propaganda mit drei Millionen angegeben wurden. Danach spaltete sich die kommunistische Kampfgemeinschaft Rote Sporteinheit mit etwa 200.000 Mitgliedern vom Rest des Arbeitersportes ab. Die internationale Spartakiade in Berlin 1931 war die Gegenveranstaltung zur sozialdemokratisch geprägten Wiener Arbeiter-Olympiade des selben Jahres. 

Die Samariter am Spielfeldrand

Durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland nahm der Arbeitersport ein jähes Ende. Die meisten Funktionäre wurden festgenommen und die Strukturen zerschlagen. Die Bundesschule des ATSB in Leipzig wurde noch 1933 zu einer Sportstätte der nationalsozialistischen SA. Warum sich der Arbeitersport nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder als selbstständige Organisation gründete, ist unter Wissenschaftlern bis heute umstritten. Manche Historiker sind der Ansicht, dass die vorsichtige Vereinspolitik der Besatzungsmächte in Westdeutschland dazu beitrug. In der DDR dagegen gab es nicht mehr den Gegensatz zwischen Arbeitern und Bürgern, konnte es ihn gar nicht geben: Sport war hier sowieso Bestandteil eines sozialistischen Staates und wurde von der Partei organisiert, die auch die Kinder- und Jugendspartakiaden einführte, das Pendant zu den westdeutschen Bundesjugendspielen.

Als einziger Verband aus dem Arbeitersport der Weimarer Zeit ist der Arbeiter-Samariter-Bund immer noch aktiv. Auch heute stehen Samariter bei vielen Sportveranstaltungen als Sanitäter am Spielfeldrand.

Patrick von Krienke (26) ist freier Journalist und Korrespondent in Berlin, Hamburg und Prag.

Foto, oben: "Plakat I. Internationale Arbeiterolympiade / Frankfurt am Main, 1925", InventarNr: P 98/125, © Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin

Foto, unten: "Arbeitersportler auf der Maidemonstration in Düsseldorf, 1931", InventarNr: F 60/1537, © A. Merges / Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin







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