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Medaillen als Auftrag

Über 700 deutsche Spitzensportler sind Bundeswehrsoldaten

30.7.2012 | Patrick von Krienke | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Es ist ein Tag mit buntem Programm in der Berliner Julius-Leber-Kaserne. Die Bundeswehr hat die Türen geöffnet. Eine Gruppe grau Uniformierter aus dem Wachbataillon jongliert mit Holzgewehren. Nicht weit davon führen Soldaten vor, wie streng reglementiert die Salutpatronen für ankommende Staatsgäste in eine Feldhaubitze geladen werden. Zwischen diesen Programmpunkten tritt ein kompakter, muskulöser Mann in Sportkleidung an zwei auf blauen Matten stehende Turngeräte. Sekunden später fliegen Viktor Webers Beine durch die Luft, als würden für den 23-jährigen Turner die Gesetze der Schwerkraft in diesem Moment nicht gelten. Er wirbelt auf dem Pilz und dem Minibarren gekonnt umher, macht ein- und zweiarmige Handstände und einen Salto aus dem Stand.

Weber ist einer der knapp 80 Soldaten der Berliner Sportfördergruppe der Bundeswehr. Nicht nur Turner treiben hier Spitzensport in Uniform. "Normalerweise kümmere ich mich nur um das Training und am Wochenende um die Wettkämpfe", beschreibt Weber seinen Dienstalltag. Die Uniform bleibe in aller Regel im Kleiderschrank. Einen täglichen Dienstplan wie in gewöhnlichen Bundewehrkompanien gebe es nicht. "Soldat sein ist das eine, aber in erster Linie fühle ich mich als Sportler", betont Weber. Für ihn ist es normal, dass das Militär die Athleten in seine Reihen aufnimmt.

Diskuswerfer Hauptgefreiter R. Harting

Diskuswerfer Hauptgefreiter R. Harting

Legitime Förderung oder Staatsamateure

"Wir fördern soweit alle olympischen Sportarten", sagt Oberstabsfeldwebel Uwe Zimmer. Er leitet die Berliner Sporteinheit und ist Bundestrainer für modernen Fünfkampf. Insgesamt unterhält das Militär in Deutschland 15 solcher Sportfördergruppen. Auch einige Athleten nicht-olympischer Sportarten wie beispielsweise Billard werden inzwischen für den Dienst als Sportsoldat zugelassen.

"Seit diesem Jahr haben wir auch sechs Dienstposten für den Behindertensport", ergänzt Zimmer. Die meisten Sportsoldaten seien Leichtathleten, aber auch Ausgefallenes wie Casting – eine Art Zielwerfen mit einer Angelroute – seien vertreten. Mehrere Sportfördergruppen beschäftigen sich auch mit rein militärischen Sportarten, wie dem Fallschirmspringen.

Dabei ist das Prinzip der uniformierten Athleten politisch nicht unumstritten. Bis in die 1980er-Jahre hinein galt diese Form der Förderung offen als verpönt. "Sportsoldaten kannte man aus den 1960er-Jahren vor allem aus den sozialistischen Staaten. Unter dem Namen 'Staatsamateure' wurden sie zum Teil im Westen auch nicht zu Wettkämpfen zugelassen", sagt Sporthistoriker Nikolaus Katzer, der sich mit sozialistischer Sportgeschichte beschäftigt. Damals stand die Frage im Raum, ob vom Dienst freigestellte Soldaten überhaupt noch Amateursportler seien. Gleichzeitig galten Erfolge auf sportlichem Gebiet zu Zeiten des Kalten Krieges als wichtiges Prestige und die Förderung in militärischen Strukturen als ein Weg zum Medaillenregen.

Vor allem das gute Abschneiden der DDR-Athleten 1967/68 soll den Ausschlag dafür gegeben haben, dass die Bundeswehr vom Parlament den Auftrag bekam, wehrpflichtige Spitzensportler für das Training vom Dienst freizustellen. Das war die Geburtsstunde der Spitzensportförderung in deutschen Kasernen.

Mitgliedschaft in einem Spitzenkader als Voraussetzung

Der heutige Weg in eine Sportkarriere beim Militär ist schwierig. Junge Sportler können sich nicht direkt bewerben. Sie müssen bereits einem Leistungskader in der jeweiligen Sportart angehören. Unter den geeigneten Kandidaten wählen dann der Deutsche Olympische Sportbund und das Streitkräfteamt geeignete Talente für den Dienst in der Sportförderung aus. Zunächst bekommen sie einen Vertrag auf ein Jahr. Wenn die Leistung stimmt, kann dieser Vertrag dann verlängert werden. Länger dienende Sportler können nach einem weiteren Lehrgang auch Feldwebel in den Streitkräften werden. Der Weg zum Offizier und damit zu einem Universitätsstudium steht ihnen aber nicht offen.

Wie alle anderen Soldaten durchlaufen die Sportler eine Grundausbildung. Diese dauert aber nur sechs statt normalerweise acht Wochen und findet an der Feldjägerschule in Hannover statt. Im normalen Dienstalltag haben die Sportler aber keine militärischen Pflichten. "Der einzige Auftrag lautet Medaillen für die Bundesrepublik Deutschland zu erringen", betont Zimmer. Sportsoldaten müssen daher auch nicht in den Auslandseinsatz. Dafür seien sie gar nicht ausgebildet, sagt der Sportgruppenleiter.

Wasserspringerin Unteroffizier Nora Subschinski

Wasserspringerin Unteroffizier Nora Subschinski

Kaum Alternativen in Deutschland

Während der Verpflichtungszeit könnten sich die Athleten ganz auf das Training und die Wettkämpfe konzentrieren, ohne nebenbei jobben zu müssen oder von Sponsoren abhängig zu sein. Ein Sportsoldat erhält je nach Alter und Dienstgrad zwischen 1000 und 2000 Euro im Monat und ist krankenversichert. Kritiker sehen es aber nach wie vor als Manko, dass die Athleten offiziell der Armee angehören und damit auch an die sogenannten soldatischen Pflichten gebunden und in ihren Grundrechten eingeschränkt sind.

Dennoch sind die Alternativen für Spitzensportler spärlich gesät. Eine Sport- und Nachwuchsförderung im Hochschulsport – wie an amerikanischen Colleges oder Universitäten – fehlt hierzulande. Die Zentren der Sportverbände haben meist nur wenige Förderungsplätze. Neben der Bundeswehr halten sich auch die Bundespolizei, der Zoll und einige Länderpolizeien Sportgruppen nach ähnlichen Konzepten wie die Streitkräfte.

Bis zu fünf Medaillen für die Berliner

Den Medaillenauftrag will die Berliner Sportfördergruppe auch bei den Olympischen Spielen in London diesen Sommer erfüllen. Bislang sind der Diskuswerfer Robert Harting sowie die Wasserspringer Patrick Hausding, Nora Subschinski und Mark Kurjo für die Mannschaft qualifiziert. “Wir haben in unserer Sportfördergruppe gute Hoffnungen auf vierzehn Teilnehmer und vier bis fünf Medaillen", gibt sich Uwe Zimmer zuversichtlich. Während der Spiele stünden gleich mehrere Fernseher in den Dienstzimmern der Berliner Kaserne. "Auch das ist eine Form der Dienstaufsicht", schmunzelt der Oberstabsfeldwebel.

Patrick von Krienke (26) ist freier Journalist und Korrespondent. Er lebt in Berlin, Hamburg und Prag.

Fotos: © Bundeswehr







Kommentare

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Was bisher geschah...

Patrik v. Krienke, "Medallie als Auftrag...

Danke für den gut geschriebenen, informativen Beitrag. Es fehlt nur die Info, wie viel diese Form der Sportföderung den Steuerzahler kostet und interessant wäre noch gewesen, wie viele Sportler insgesamt,also nicht nur von der Bundesewehr so gefördert werden. Interessant wäre auch die Frage ob Sportler, die wegen Erfolg lukrative Werbeverträge bekommen, etwas davon an ihren Arbeitgeber abgeben müssen.

Constantin Bartning | 1. August 2012   12:14

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