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Ab aufs Land!

Interview mit Christoph Braun

3.8.2012 | Michael Saager | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Stadtluft macht frei", der alte Rechtsgrundsatz aus dem Mittelalter, hat längst keine Bedeutung mehr. Das Land lockt. In den Regalen der Supermärkte stapeln sich Magazine wie Landlust, Landleben oder Liebes Land. Das kaufen nicht nur die Senioren. Unter den sogenannten Kreativen – den Werbern, Journalisten oder Designern – lautet eine beliebte Parole: Verlass die Stadt! Kaum einer unter den Kreativen in den großen Städten Deutschlands, der nicht schon mal über ein Wochenendhäuschen nachgedacht hat. Oder bereits eines gepachtet hat.

Autor Christoph Braun

Autor Christoph Braun

Der 1970 geborene Journalist und Autor Christoph Braun, der viele Jahre in Berlin lebte, zog vor sieben Jahren ganz aufs Land. Seine Heimat heißt jetzt Evessen; ein Dorf im Wolfenbütteler Land bei Braunschweig. In seinem Debüt "Hacken", einem literarischen Sachbuch, schreibt Braun darüber, wie sich sein neues Leben anfühlt, als jemand, der von der reinen Schreibtischarbeit zum Nutzpflanzenanbau gewechselt hat – vom Hacking zum Hacken. Braun selber nennt sich jetzt "digitaler Gärtner".

Michael Saager: Sie haben zehn Jahre in Berlin gelebt. In "Hacken", Ihrem ersten Buch, beschreiben Sie sich als Stadtmensch. 2005 zogen Sie mit Freundin und Kind in ein Dörfchen mit rund 1.300 Einwohnern. Weshalb genau?

Christoph Braun: Es war Zeit, etwas anderes zu sehen. Stadt war wichtig, erst Glasgow, dann Berlin. Schließlich bin ich in einer Grenzregion, in einer bis zur Ratifizierung der Schengener Verträge noch abgeschotteten Region, dem Saarland aufgewachsen. Dort endeten die Wege. Wer Konzerte erleben wollte, wer wollte, dass seine eigenen Konzerte gehört werden – so wie ich –, der musste reisen.

Raus aus der Blase

Deshalb war mir die Großstadt wichtig. Zu lernen, wie es dort geht, wie ich dort lebe, was da ankommt an Künsten und überhaupt an zivilisatorischen Maßnahmen. Irgendwann wurde es aber langweilig. Weil sich in einer Großstadt eben nicht nur das Großstädtische verdichtet, sondern auch das Superprovinzielle. Das Gros der Berliner und Berlinerinnen reist ja irgendwann zu. Außerdem lebte ich als Popjournalist in einer Blase, die sich selbst genügte. Dabei gab es noch mehr zu lernen und zu erleben – das ländliche Leben zum Beispiel.

Wieso haben Sie sich keine Datsche im Umland gekauft?

Das haben wir noch nicht einmal diskutiert. Wenn raus, dann richtig.

Wenn man den Land-Magazinen Glauben schenken möchte, dann ist das Leben auf dem Land ja die reinste Idylle. Sie aber schreiben in Ihrem Buch gegen dieses Bild an.

Ich denke, der Erfolg der Land-Zeitschriften liegt in der Arbeit, die darauf verwendet wird, das Land als Idylle darzustellen. Landlust etwa hat ja als unbeachtetes Heft eines kleinen Verlages in Münster begonnen. Es sind tatsächlich auch immer wieder interessante Themen drin. Zum Beispiel wurden einmal diverse Schafrassen vorgestellt. Wogegen nichts zu sagen ist!
Das Problem ist, dass beim Durchblättern so einer Ausgabe das Bild einer Rückzugslandschaft entsteht, die das Land ja gar nicht ist. Vor allem dort, wo agrarwirtschaftlich gearbeitet wird, bedeutet Landleben Rackerei. Harte körperliche Arbeit, lange Arbeitstage, gerade im Frühjahr und Sommer, wenn gesät, gepflanzt und geerntet wird.

Impressionen zum Festhalten

Wie erklären Sie sich denn diese geradezu romantisch-verklärte Sehnsucht nach einem artig-gepflegten Landleben?

Es besteht wohl ein gesellschaftlicher Bedarf nach Erlebnissen, die direkt auf die Sinne gehen. Der wird mit Landlust und den anderen Landmagazinen gedeckt. Gesucht werden außerdem Impressionen zum Festhalten, im ganz konservativen Sinne des Wortes. Ob durch digitale Technologien im Alltag oder in hochspezialisierten Arbeitsprozessen wie der computergestützten Landwirtschaft: Wir leben in einer Gegenwart, in der fundamentale Züge des Menschseins sich fundamental wandeln. Der Körper verliert seine Priorität in der Beschaffung von Nahrung, der Geist erweitert sich in der digitalen Gesellschaft computerbasiert. Da scheint es tröstlich zu sein, noch das alte Bild vom Land im Kopf zu haben. Es geht also darum, etwas, das längst vorbei ist, noch einmal zurückholen.

Wie passt das alles mit der aktuellen Landflucht zusammen?

Perfekt. An ein Bild vom Land zu glauben, wie es in den Idyll-Medien gezeichnet wird, das gelingt nur, wenn man nicht in den Agrarräumen lebt. Der Mediendiskurs unterscheidet sich erheblich von der Wirklichkeit auf dem Land. Auch was den sogenannten "Bio-Boom" angeht. Überall wird über die "Bio-Menschen" vom Prenzlauer Berg berichtet, und es entsteht der Anschein, nur weil dort ein paar sehr bürgerliche Menschen sehr gerne auf Bio-Labels achten, sei das nun der neue Trend. Das bleibt aber alles stark in den sich selbst reproduzierenden Milieus!
Die neuesten Zahlen zeigen, dass der Biolandbau in Deutschland stagniert. Nur 5,9 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche wurden im Jahr 2010 ökologisch bebaut. Das sind lediglich 0,3-Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor. Dabei muss man bedenken, dass bei solchen Erhebungen selbst noch das lasche EU-Bio-Siegel mitzählt.

Gibt es ein Leben außerhalb der Clubs?

"Hacken", so hieß anfangs Ihr Blog für die Musikzeitschrift Spex, aus dem schließlich ein Buchprojekt wurde. Der Untertitel lautet "Leben auf dem Land in der digitalen Gegenwart". Was haben Pop, die digitale Welt der Einsen und Nullen und das Leben in der Pampa für Sie miteinander zu tun?

Das war ja genau die Frage, als ich nach Evessen gezogen bin. Klappt das, steht die Infrastruktur, geht das so außerhalb der Clubs?

Und, klappt es? Oder anders gefragt: Mit welchen Problemen kämpft ein Popjournalist, wenn er auf dem Land lebt?

Eigentlich nur mit punktuellen Infrastrukturproblemen. Vor einem halben Jahr bin ich innerhalb des Dorfes umgezogen und stehe seither ohne Internetanbindung da. Wir wohnen in einer sogenannten Mulde; auch der Empfang mit Stick ist ganz übel. Das ist schlimm, lässt sich aber mit viel Mühe und Energie ausmerzen.

Sie schreiben meistens über Clubmusik wie Techno, House oder Dubstep. Über die Musik der Großstadt also, die Sie nun auf dem Land hören. Ändert sich da was beim Hören?

Clubmusik ist ja gemeinsam erlebte Musik. Auf dem Land muss sie doch zwangsläufig zur Individualmusik werden. Doch, es gibt genug, was sich hier beim Hören zu Hause auflädt mit den Bildern von draußen, den Feldern, den Landschaften überhaupt. Es geht erstaunlich gut.

Kitsch in der Post-Body-Gesellschaft

Das Flow-Erlebnis aus der geloopten Musik, schreiben Sie, kann man auch bei der Feldarbeit haben. Das ist so ein Punkt, der sich ganz gut zu meinem Gesamteindruck fügt, dass das Landleben für Sie eine Art metaphysische Erweiterung Ihrer bisherigen Existenz zu sein scheint.

Ja, so ist es. Wie eben jede neue Erfahrung eine metaphysische sein kann. Ich glaube nicht an Gott als ein höheres Wesen, jedoch an das vom Menschen selbst gemachte Göttliche. Deshalb kann es auch Metaphysik geben, ja, sogar Transzendenz! Ortserfahrung, Körpererfahrung, Schweiß, Muskeln, die sich neu bilden. Der Kitsch in der Post-Body-Gesellschaft besteht doch darin, dass Fitness-Studios als Ersatzbefriedigung aufkommen. Und ich finde das auch völlig in Ordnung und würde wohl auch in eines gehen, lebte ich noch in der Stadt. So ein Körperbedarf ist halt einfach da.
Doch eigentlich bilden sich Muskeln ja erst, wenn sie gebraucht werden. Der Kitschkörper ist halt der, der über Jahre die gleichen schönen Muskeln und Sehnen zeigt. In dieser Gleichförmigkeit wird dann deutlich: Da ist eine Form ohne Funktion. Das macht Gartenarbeit, etwa Hacken, dann doch irgendwie attraktiver. Zumal die Funktion dann ja in etwas Großartigem besteht, nämlich anderen und sich selbst etwas zu Essen zu beschaffen.

Das hört sich sehr positiv an. Ist ein Zurück in die Metropole für Sie überhaupt vorstellbar?

Alles ist immer vorstellbar. Ich bin ja ein Kontextler. Es kommt immer auf den Kontext an!

Christoph Braun: Hacken. Leben auf dem Land in der digitalen Gegenwart (Tropen bei Klett-Cotta 2012, 138 S., 14 Euro)

 

 

Michael Saager schreibt für verschiedene Magazine und Zeitungen und ist leitender Redakteur des Magazins Pony. Er lebt in Berlin.

Foto: © Martin Salzer



Links

Website von Christoph Braun
Audio-Beitrag zu Christoph Brauns "Hacken" (Deutschlandradio)
"Stadt Land Frust" – ein Fernsehbeitrag vom BR zum Thema Land- und Stadtflucht in Bayern





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