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Die Donau ist überall

Interview mit Michal Hvorecký

20.7.2012 | Michaela Pňačeková | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Autor Michal Hvorecký

Autor Michal Hvorecký

Michal Hvorecký ist ein in Bratislava lebender slowakischer Autor. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören die Erzählungen "Jäger und Sammler" (2001) und der Roman "City: Der unwahrscheinlichste aller Orte" (2005). Seine Bücher sind ins Deutsche, Italienische, Polnische und Tschechische übersetzt. Sein neuer Roman "Tod auf der Donau" erschien dieses Jahr im Stuttgarter Tropen-Verlag.

In dem Roman geht es um die Erlebnisse, die Martin Roy, von der Ausbildung her Übersetzer, bei seinem Sommerjob auf einem Donauschiff hat. Es sind ganz unterschiedliche Welten, die Roy auf seiner grotesken Fahrt von Regensburg bis ins Donaudelta passiert, aber sie befinden sich alle in Europa. Michaela Pňačeková sprach mit Michal Hvorecký über sein neues Buch, sein Interesse an Übersetzungen, an Deutschland und über die Donau.

Michaela Pňačeková: Michal, der Held deines Romans "Tod auf der Donau" ist Übersetzer. Wieso gerade dieser Beruf?

Michal Hvorecký: Der Beruf des Übersetzers hat eine natürliche Nähe zur Schriftstellerei. Zu den Übersetzungen meiner Bücher habe ich eine sehr enge Beziehung. Interessant an den deutschen Übersetzungen ist die Tatsache, dass sie sich vom Original ziemlich unterscheiden, und das gilt auch für "Tod auf der Donau". Beispielsweise haben wir uns darum bemüht, dass der Text auch in der deutschen Fassung die erzählerische Geschlossenheit und Dynamik beibehält. Wir haben daher die Dialoge mit den Amerikanern gekürzt, sich wiederholende Motive und Fakten, die für deutsche Leser vielleicht zu ausführlich sind.
Überhaupt ist meine Haltung zum Schreiben und Übersetzen etwas sonderbar – am liebsten würde ich nämlich zunächst die slowakische Version schreiben, diese dann ins Deutsche übersetzen lassen und dann wieder zurück ins Slowakische. Eine Übersetzung hat nämlich die Fähigkeit, sowohl die starken als auch die schwachen Seiten eines Textes zu offenbaren. Übersetzen ist für mich ein kreativer Prozess, aus dem ich viel gelernt habe; beispielsweise wie man ökonomischer und besser die eigenen Texte bearbeitet. Sich dann einen Übersetzer als Hauptfigur zu erschaffen, war relativ einfach. Ich wusste nämlich, wie sein täglich Brot aussieht, womit er zu kämpfen hat und dass er vom Typ her einem Schriftsteller sehr nahe steht.

Sie wollen zu Mitteleuropa gehören

In "Tod auf der Donau" taucht das Motiv Mitteleuropas auf. Mitteleuropa ist schlussendlich überall: von Deutschland über die Slowakei, Ungarn und Serbien bis zum Donau-Delta. Wie nimmst du das Phänomen Mitteleuropa wahr?

Das Konzept Mitteleuropa nehme ich mit einer gewissen Selbstironie wahr. Meiner Meinung nach handelt es sich um ein bestimmtes intellektuelles Konstrukt, das in den 1980er-Jahren eine Renaissance erlebte. Dieses Konstrukt wurde von einer Generation Intellektueller – oft Dissidenten – wiederbelebt, die sich vom Westen abgeschnitten und vergessen fühlten. Darüber hinaus habe ich selbst einige Zeit auf einem solchen Schiff gearbeitet, deshalb hat das Buch teilweise autobiografischen Charakter. Und gerade durch diese persönliche Erfahrung bin ich zu der Erkenntnis gelangt, wie überaus wichtig dieses Konzept für die Menschen ist. Je weiter man nach Osten geht, desto stärker ist das Bedürfnis, sich als Mitteleuropäer zu definieren.

 

Wie war die Arbeit auf dem Schiff, von der du gerade gesprochen hast?

Zu der Zeit befand ich mich in einer finanziell schwierigen Lage, denn ich musste die Hypothek für meine Wohnung in Bratislava abbezahlen. Ein Freund von mir, der auf einem solchen amerikanischen Schiff große Karriere gemacht hatte – er arbeitete sich vom Barkeeper bis zum Chef für Mitteleuropa empor –, riet mir, dass ich versuchen sollte, zwei, drei Wochen auf einem solchen Schiff zu arbeiten. Danach würde ich vom verdienten Geld etwas schreiben können. Davor habe ich von Schiffen und Schiffsreisen nur gerne gelesen. Also wurde ich sprichwörtlich ins kalte Wasser geschmissen, als ich einen solchen Job annahm. Für mich war das eine wahnsinnige Erfahrung.

Überqualifiziertes Schiffspersonal

Erzähl mal ...

Ich arbeitete für ein amerikanisches Unternehmen, das einen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts praktizierte. Die Angestellten wurden ausgebeutet und es gab ein bizarres Bewertungssystem, das dazu führte, dass sich die Leute gegenseitig anschwärzten und rausschmissen. Für mich war das ein großer Schock. Schon nach der ersten Fahrt war mir klar, dass das eine großartige literarische Konstellation ist. Dafür sprach auch die Tatsache, dass viele meiner Kollegen hochgebildet waren. Einer war beispielsweise Übersetzer aus dem Ungarischen ins Englische, eine andere Kollegin war die Autorin eines rumänisch-deutschen Wörterbuches, also eine Linguistin.


Diese Leute verdienten in ihren Berufen so wenig, dass sie gezwungen waren, eine solche Arbeit anzunehmen. Kurios war dabei, dass das Unternehmen sich bemühte, den hohen Bildungsstand ihres Personals zu kaschieren. Innerhalb der Besatzung herrschte eine recht psychotische Atmosphäre. Schon nach den ersten Fahrten wusste ich, dass ich daraus ein Buch machen werde. Jetzt bin ich aber froh, dass ich da nicht mehr arbeiten muss. Ich schließe jedoch nicht aus, dass ich das noch mal tun werde.

An "Tod auf der Donau" ist die Genremischung interessant. Mal Reisebericht, dann mysteriöse Motive und auch eine Liebesgeschichte. Warum diese Vorgehensweise?

Die Donau bot mir die ideale Topografie für den Roman. Die Donau ist eigentlich ein epischer Fluss, der dem Autor das Schreiben sehr erleichtert. Der Roman beginnt direkt auf dem Fluss und fließt dann gemeinsam mit ihm die nächsten 20 Tage dahin. Die historischen Passagen erscheinen an den jeweiligen Stellen, wo sich das Schiff gerade befindet. Ansonsten stellt eine Genrevielfalt für mich überhaupt kein Problem dar. Viel problematischer war, dass ich über zu viel Material verfügte, welches ich kürzen musste, um den Text dynamischer, kompakter zu gestalten. Die Unterschiede zwischen den Welten am Anfang und am Ende – also Bayern und zum Schluss Donau-Delta – sind nämlich immens, und deshalb ist auch die Art und Weise, darüber zu schreiben, unterschiedlich. Und ich wollte nicht, dass am Ende nur verschiedenartig geschriebene Einzelabschnitte über diese Orte übrig bleiben. Deshalb bemühte ich mich, das Ganze zu einer Einheit zu formen. Und ob mir das gelungen ist, das muss der Leser selbst beurteilen.

Deutschland entdecken

Deutschland und Berlin kommen in deinen Romanen und Erzählungen häufig vor. Wie ist dein Verhältnis zu diesen Orten?

Mein Verhältnis zu Deutschland ist sehr positiv. Einerseits weil ich dem Land in Bezug auf meine Karriere vieles verdanke, andererseits weil ich dort einen deutschen Übersetzer und meinen Verleger gefunden habe, der sich nicht nur um meine Bücher kümmert, sondern der auch ein enger Freund geworden ist. Meine Beziehung zu Deutschland fing mit der Literatur an, woraus ein langjähriger Weg entstanden ist, der mich an verschiedene Orte führte: Hamburg, Berlin, München, aber auch die deutsche Provinz. Ich betrachte mich als einen Menschen, der Deutschland nach wie vor entdeckt. Es ist für mich eine große und vielgestaltige Landschaft, und ich bin überzeugt, dass dieses Entdecken noch lange andauern wird.

Michal Hvorecký: Tod auf der Donau (Tropen bei Klett-Cotta 2012, 271 S., 19.95 €)

 

 

 

Michaela Pňačeková stammt aus der Slowakei und lebt seit Januar 2011 in Berlin.
(Übersetzung des Interviews: Ivan Dramlitsch)

Dieser Text erschien bereits in jadu, dem deutsch-tschechischen Online-Magazin des Goethe-Instituts Prag (Copyright: Goethe-Institut Prag).

Fotos: © Michal Hvorecký







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