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Thomas Kistner: FIFA-Mafia

Blatters Selbstbedienungsladen

13.7.2012 | Stefan Brückner | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Thomas Kistner

Thomas Kistner

"Eine Million Dollar pro Jahr, vielleicht ein bisschen mehr." So viel verdient FIFA-Präsident Joseph Blatter nach eigenen Angaben. Und solche Sätze sind typisch für den Schweizer, der sich stets dreht und wendet, wenn es um Transparenz in der FIFA geht. Deshalb hat Thomas Kistner, Sportjournalist der Süddeutschen Zeitung, auch ein bisschen tiefer gegraben. Ergebnis seiner Recherchearbeit ist ein Enthüllungsbuch über den Weltfußballverband und seine schmutzigen Geschäfte mit dem Fußball.

Vorsichtig formuliert erhärtet das Buch die Gerüchte um Korruption und Bestechung, die seit Jahren im Umkreis des Genfer Hauptquartiers immer wieder aufflackern. Den dubiosen Machenschaften der Verbandsspitze, die Kistner schlicht als "FIFA-Mafia" bezeichnet, ist der Journalist seit über 20 Jahren investigativ auf der Spur. Für sein Buch griff er unter anderem auf FIFA-interne Mail- und Briefverkehre zurück und auf intensive Gespräche mit Zeugen und Ex-Mitarbeitern des Verbandes. Stolze 400 Seiten umfasst das Ergebnis seiner Recherchen, das auf den letzten 20 Seiten auch ein Quellenverzeichnis enthält.

Horst Dassler, Strippenzieher des Weltfußballs

In einem historischen Abriss legt Kistner zunächst offen, worum es der FIFA seit etwa Mitte der 1970er-Jahre geht: um Geld. Zu verdanken hat das der Verband vornehmlich Horst Dassler, Sohn des deutschen Schuhpapstes Adi. Erst er macht den Fußballsport zu einem Milliardengeschäft. Anfangs durch Schuhverträge mit beliebten Athleten, später, indem er ein Netzwerk wichtiger Funktionäre aufbaute. Dassler, schreibt Kistner, ist die "politische Schaltzentrale der Sportwelt" und fungierte als Strippenzieher der FIFA – ohne jemals Mitglied gewesen zu sein. Durch seine intensiv betriebene Vetternwirtschaft wird der Verband schnell mit mafiösen Strukturen durchsetzt.

Zu Dasslers Arbeitsmethoden gehörten Bestechung, Bespitzelung und Einschüchterung. Später litt er selbst an Verfolgungswahn. Die Auswirkungen seiner geheimen Regentschaft sind noch heute zu spüren: Joseph Blatter, zunächst nur "Handlanger" des Männerclubs FIFA, stammt noch aus der "Dassler-Connection" und wendet das Gelernte seit seiner Präsidentschaft an. Und Blatter lernte schnell. Das spannende Kapitel über die Anfänge eines korrupten Verbandes demonstriert, dass alles Übel einen Ursprung hat – und im Falle von Blatter sogar eigene Wurzeln schlägt.

Strohpuppen für Blatter

Thomas Kistner macht das besonders in seinem Teil über die ominöse FIFA-Präsidentschaftswahl von 1998 deutlich. Es ist für Blatter eine leichte Übung, die Verbandschefs unzähliger Karibikstaaten kurz vor der Wahl mit fünf- oder sechsstelligen Beträgen zu schmieren, die in der Buchhaltung entweder gar nicht oder als "Entwicklungshilfe" auftauchen werden. Schließlich gilt die Stimme eines Inselstaates wie St. Kitts und Nevis genauso viel wie etwa die des DFB, des weltgrößten Fußball-Verbandes.

In der Wahlnacht lockt Blatters Wahlhelfer und Finanzier Bin Hammam die afrikanischen Delegierten mittels wedelnder Geldbündel zu sich herüber. Sie seien "unter dem Druck der Cash-Versprechen eingeknickt, falls Herr Blatter gewinnt", erzählte ein Insider dem Autor. Wenn dann ein Delegierter aufgrund der hohen Reisekosten nicht an der Abstimmung in Europa teilnehmen kann, wird die Stimme kurzerhand recycelt und eine Strohpuppe auf seinem Platz installiert, die natürlich pro Blatter votiert.

Einmal an der Macht, macht es sich "Diktator Blatter", nach außen hin der liebenswerte Repräsentant, auf seinem Thron bequem. Die Devise seines Selbstbedienungsladens: Wenn der Geldhahn offen bleibt, hat auch niemand einen Grund, ihn abzuwählen. Die wenigen integren FIFA-Mitglieder, die sich an der Günstlingswirtschaft stören, werden ausgebootet. Das geht so weit, dass die Familie eines "aufmüpfigen" Funktionärs bedroht wird.

FIFA-Monopol: die Weltmeisterschaft

Beim Lesen von Kistners Enthüllungskrimi fragt man sich, ob Blatter überhaupt noch anderes im Sinn hat, als sich und seinen Steigbügelhaltern die uneingeschränkte Macht zu festigen. Einen Trumpf hat er stets im Ärmel: das Monopol auf die Durchführung der Weltmeisterschaft, die ihm und der FIFA regelmäßig einen Milliardenregen beschert.

Die Mechanismen der freien Wirtschaft greifen für die FIFA nicht. Aufträge werden verbandstreuen Unternehmen zugeschustert – auch wenn diese weniger für die Vermarktungsrechte bieten. Die Familie hält schließlich zusammen. Ihre Geschäftspraxis kennt die FIFA-Marketingabteilung selbst noch am besten.

Einen bestimmten Betrugsversuch, der später als "Fuck-Up" bekannt wurde und bei dem der Geschäftspartner MasterCard übers Ohr gehauen werden sollte, soll nach außen so aussehen, schreibt die Marketingabteilung in einer Mail, "als hätten wir einen Funken Geschäftsethik". Aus reiner Willkür hat die FIFA den langjährigen Sponsor mit Visa betrogen, dabei im Prozess 120 Millionen und die beiden Weltbälle im Logo verloren. Das Erschreckende ist dabei, dass die Behörden eine Person einfach nicht zu fassen bekommen: Joseph Blatter.

Eine Schandtat folgt der nächsten

Dem unermüdlichen Sportjournalisten Thomas Kistner gelingt mit seinem couragierten und hervorragend recherchierten Buch ein Rundumschlag gegen den ruinösen Weltverband. Ohne Atempause kramt Kistner Unregelmäßigkeiten aus dem Umfeld des FIFA-Präsidenten hervor. Nicht einmal Blatters Verkehrssünden bleiben unerwähnt.

Ein Problem hat das Buch jedoch. Weil die FIFA-Familie fernab jeder gesunden Moral handelt, stumpft der Leser irgendwann genauso ab wie der Gentlemen's Club selbst: So verdichtet prasseln die Schandtaten auf ihn ein. Kistner erreicht damit unfreiwillig, dass der Leser resigniert. Schon jetzt ist zu erahnen, wer 2015 zum neuen und alten Präsidenten der FIFA gewählt wird. Doch immerhin: Dank Kistner sind die Sensoren geschärfter denn je.

Thomas Kistner: FIFA-Mafia. Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball (Droemer Verlag 2012., 426 S., 19.99 €, auch als E-Book und Audio-CD)

 

 

Stefan Brückner lebt in Berlin und ist Praktikant bei fluter.de. In Halle (Saale) studierte er Medien- und Kommunikationswissenschaften.

Aufmacher Foto: © markusspiske/photocase.com

Foto oben: Droemer-Knaur Verlag



Links

Interview mit Thomas Kistner auf der Verlagsseite
Website der FIFA





Kommentare

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Was bisher geschah...

Fifa-Mafia

Sehr geehrter Herr Kistner! Ich habe Ihr Buch gelesen und auch schon weiterempfohlen. Es ist unglaublich, geradezu eine Schweinerei, daß man gegen diese Mafiamethoden nichts unternimmt. Gut, daß Sie recheriert und darüber geschriebeb haben.

Mag.Kuchler Barbara | 5. September 2012   16:57

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