Mit ein paar Skateboards im Gepäck erreichte Oliver Percovich, Weltreisender und Skateboarder, vor fünf Jahren Afghanistan. Als er in Kabul in einem stillgelegten Brunnen seine Tricks vorführte, war er über das Interesse der Menschen erstaunt. Vor allem Kinder begeisterten sich für das mysteriöse Brett mit den vier Rollen. So blieb der Australier und gründete kurzerhand die NGO Skateistan, die erste Skateschule Afghanistans. Seitdem ist eine Vielzahl Freiwilliger in sein Team gekommen, damit die afghanischen Jungen und Mädchen ihre Kindheit, die hier oft keine ist, ausleben können.
Nun erscheint das erste Buch der Organisation. "The Tale of Skateboarding in Afghanistan" zeichnet in großzügigen Bilderstrecken und Erfahrungsberichten den Weg vom provisorischen Skate-Brunnen bis zur ersten Indoor-Halle nach und versucht, der westlichen Welt zu vermitteln, was Skateistan macht – und was ein Skateboard für Kinder und Jugendliche in Afghanistan bedeuten kann.
Eine der Freiwilligen, die wertvolle Erfahrungen bei Skateistan gesammelt hat, ist Frauke Meyn. Die 27-Jährige sprach mit Stefan Brückner über ihr Engagement in der NGO und über die Situation in Kabul.
Stefan Brückner: Frauke, du warst für Skateistan ein halbes Jahr in Afghanistan und später bei dem Ableger in Kambodscha tätig. Wie kommt man dazu, Kindern in Entwicklungsländern das Skateboarden beibringen zu wollen?
Frauke Meyn: Ich bin während meines Sportwissenschaftsstudiums in Köln eher zufällig auf Skateistan gestoßen. Ich fand das Projekt total einzigartig und besonders, weil man hier versucht, mit einer westlichen Trendsportart Entwicklungszusammenarbeit zu leisten. Weil ich mich allgemein für Boardsportarten interessiere und auch selbst Skateboard fahre, habe ich mich nach dem Studium bei Skateistan beworben.
Im Buch findet man das Zitat: "Skateboarding may be many things. Sport, Activity, Lifestyle, Life itself" – Skateboarding kann vieles sein. Sport, Aktivität, Lifestyle, das Leben selbst – was bedeutet Skateboarden denn nun für die Kinder und Jugendlichen in Afghanistan?
Ich glaube, für die ist es in erster Linie Spaß und ein Stück Freiheit. Skateboardfahren zeichnet sich ja dadurch aus, dass es keine wirklichen Regeln gibt. Man kann so kreativ sein, wie man möchte, und man hat die Möglichkeit, sich über das Skateboard auszudrücken. Und besonders für die Mädchen bedeutet das, überhaupt einmal Sport zu treiben. Es kommen viele Mädchen zu uns, die noch nie Sport getrieben haben. Für die ist das natürlich eine einmalige Erfahrung, sich das erste Mal so richtig zu bewegen und zu merken, was mit ihren Körpern überhaupt möglich ist. Und für viele unserer Studenten ist Skateboardfahren auch einfach die Kontaktaufnahme mit Gleichaltrigen.
Habt ihr da mit eurem Projekt nicht ein wenig Glück? Frauen in Afghanistan ist es ja beispielsweise verboten, Fahrrad zu fahren.
Unser Glück war, dass Skateboardfahren noch niemand kannte. So konnte es auch niemand verbieten oder als "kulturell unangebracht" bezeichnen. Wir achten aber sehr darauf, dass wir es nicht als westliche Sportart etablieren. Dazu gehört, dass wir keine Skatevideos zeigen. Dadurch entwickelt sich in Afghanistan ein eigener, spezieller Stil. Wenn man keine Vorlage hat, kommen auch ganz neue Tricks zustande, die es so noch nicht gab.
Wie reagieren die Stadtbewohner, wenn plötzlich eine Meute von Skateboardern durch Kabul fährt?
Wenn man einen Street-Spot ansteuert, hat man ganz schnell eine Traube von 30, 40 Leuten um sich, die einem beim Fahren zuschauen. Die Leute sind unheimlich neugierig, interessiert und aufgeschlossen.
Geht es euch denn nur ums Skaten? Was will Skateistan?
Wir sehen Skateboarden als ein Instrument zur Entwicklungszusammenarbeit. Wir versuchen also Entwicklung durch Sport zu fördern. Uns geht es in erster Linie darum, dass die Kinder zusammenkommen und gemeinsam Sport treiben. Man muss bedenken, dass es Kinder aus unterschiedlichen Hintergründen und Ethnien, eben aus unterschiedlichen sozialen Klassen sind. Wir wollen zu ihnen Vertrauen aufbauen und ihnen eine Stimme geben – das ist das eigentliche Ziel. Wir fahren aber nicht nur Skateboard. In Kabul findet auch ein Klassenunterricht statt, der sich auf verschiedene Medienprojekte, Kunst und Ökologie konzentriert.
Wie sah für dich ein ganz normaler Tag in Kabul aus? Hat man ständig Angst, dass etwas Schlimmes passiert?
Ständig Angst hat man nicht unbedingt – was aber auch damit zusammenhängt, dass wir als NGO kein besonderes Anschlagsziel sind. Ein anderes Profil hat man hingegen, wenn man auf höherem Posten für Regierungsinstitutionen arbeitet. Aber man kann sich nicht wirklich frei bewegen. Ich kann als Frau nicht unbedingt mit dem Fahrrad durch Kabul City fahren. Und allein auf dem Markt würde ich auch nicht gehen. Man sollte schon immer mit einer männlichen Person und einem Auto unterwegs sein. Außerdem trägt jede von uns Frauen ein Kopftuch. Zum einen aus Respekt und Sicherheitsgründen, und zum anderen, um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das Risiko an sich ist aber überschaubar, wenn man sich an gewisse Regeln hält. Passieren kann immer etwas. Aber das kann es ja hier in Deutschland auch.
Mit "The Tale of Skateboarding in Afghanistan" bringt ihr nun das erste Buch über eure Arbeit in Afghanistan heraus. Es wurde in Deutschland produziert. An wen richtet sich das Buch?
Natürlich an alle, die an Skateistan interessiert sind und einen noch größeren Einblick in unsere Arbeit bekommen wollen. Und natürlich geht es uns auch darum, ein anderes Bild von Afghanistan zu zeigen. Die meisten Leute kaufen sich ja kein Buch über das Land und kennen es deshalb nur aus den Medien. Das Buch ist aber auch ein Produkt, das dazu beiträgt, dass wir unabhängiger von unseren Geldgebern werden. Der Erlös geht zu 100 Prozent an Skateistan. Das hilft, dass wir auch die nächsten Jahre weiter tätig sein können.
Skateistan - The Tale of Skateboarding in Afghanistan (Skateistan/C-D-A-P 2012, engl., 320 S., 40 €, zu kaufen direkt über skateistan)
Stefan Brückner lebt in Berlin und ist Praktikant bei fluter.de. In Halle (Saale) studierte er Medien- und Kommunikationswissenschaften.
Fotos: © Skateistan e.V.
Die deutsche Skateistan-Seite
Skateistan-Film
Kommentare
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)
Dein Kommentar
Kommentar schreiben
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)