Von Vaihingen nach Benin

ENSA-Projekt "Das ABC der Kinderrechte"

25.8.2012 | | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Schüler/innen und Lehrerinnen des Stromberg-Gymnasiums im baden-württembergischen Vaihingen/Enz haben ein ganz besonderes Austauschprojekt gewagt. Fünf Elftklässler flogen für ihre Studienfahrt in den westafrikanischen Staat Benin. In einem Begegnungsprojekt mit der Complexe Scolaire d'Adjégounlè in Benins Hauptstadt Porto Novo wollte man über Kinderrechte diskutieren. Im Mai 2013 soll der Gegenbesuch der Jugendlichen aus Benin stattfinden. Gefördert wurde das Austauschprojekt von ENSA, dem Entwicklungspolitischen Schüleraustausch, und dem eed, dem Evangelischen Entwicklungsdienst.

Im Vorfeld wurden Unterrichtsmaterialien an und für beide Schulen erstellt, von den Schülern selber verfasst und illustriert: mit jeweils einem kurzen Artikel zu jedem Buchstaben des Alphabets, der ein bestimmtes Recht der UN-Kinderrechtskonvention veranschaulicht.

Die fünf deutschen Schüler und Schülerinnen führten während ihrer knapp dreiwöchigen Reise Tagebuch. Auf fluter.de veröffentlichen wir Auszüge aus ihren Berichten.

1.Tag (Dominik)

Nach der langen Flugreise fühlten wir uns von den hohen Temperaturen und der Luftfeuchtigkeit vollkommen überwältigt. Sobald wir in Cotonou aus dem Flugzeug ausstiegen, waren wir verschwitzt und ermattet. Es folgte die dreißig Kilometer lange Strecke nach Porto Novo. Während der Fahrt wurde ich das Gefühl nicht los, dass es in Benin keine Regeln für den Straßenverkehr gibt.

Als ich dann bei meiner Gastfamilie ankam, hatte ich große sprachliche Barrieren zu überbrücken. Die Familie amüsierte sich bestens über mein Französisch. Nachdem ich mich waschen konnte und letztendlich im Bett lag – ich teilte das Zimmer mit einem anderen Austauschschüler – hatte ich endlich das Gefühl, angekommen zu sein.

2. Tag (Leonie)

Wenn ich schreibe, was ich am Sonntagmorgen zum Frühstück bekam, klingt es schrecklich, es schmeckte aber gut: eine Mischung aus Zwiebeln, Fisch und Tomaten, dazu Brot. Ich wurde mit einem afrikanischen Kostüm, mit edlen Schuhen und einer Kopfbedeckung ausstaffiert. Frisch gestärkt ratterten wir auf einem Mofa durch die bunten Straßen zur Kirche, mit wehenden Kleidern und Wind in den Haaren: ein tolles Gefühl. Nach dem Gottesdienst begrüßten mich viele, wollten ein Foto mit mir machen oder einfach meine weiße Hand halten.

Danach, wieder zu Hause, wurde ich den verschiedenen Freunden und Familienmitgliedern vorgestellt, die im Haus meiner Gastfamilie ein- und ausgehen. Alle waren sehr freundlich und wiederholten ihre Fragen geduldig, damit ich sie verstehen konnte. Trotzdem ärgerte ich mich darüber, dass mir all die Französisch-Vokabeln, die ich einmal konnte, einfach nicht mehr einfallen wollten.

3. Tag (Martha)

An meinem ersten Schultag stand das Wasser auf den Straßen knöchelhoch. Wie ich erst später erfuhr, war das die Regenzeit. Meine afrikanische Austauschschülerin und ich nahmen uns ein Motorradtaxi, wir zwei plus ein Fahrer – was hier allerdings nichts Besonderes ist. Gleich am ersten Tag kamen wir zu spät in die Schule. Mittags stand ein Museum auf dem Programm, das Alexandre Sènou Adandé Ethnographic Museum, in dem wir uns Masken gegen verschiedene Krankheiten anschauten und uns über interessante alte Rituale informierten: So wurden früher beispielsweise gerne Schmiede mit Töpferinnen verheiratet, da Schmiede das Feuer beherrschen und Töpfer die Erde. Und zusammen galten sie dann als sehr mächtig.

4. Tag (Sarah)

6 Uhr 30 Uhr. Ich höre nichts. Kein Geklapper in der Küche, kein Lachen im Wohnzimmer, niemand, der auf dem Weg ins Bad durch mein Zimmer läuft. Diese fleißigen Menschen lassen sich doch nicht vom Regen abhalten? Nein: Starker Regen bedeutet, dass man endlich mal ausschlafen kann. Später in der Schule merke ich: Geschenke sind ein großes Thema. Ich habe fünf Kindern versucht, klarzumachen, dass ich leider keine für sie habe. Meine Federmappe ist fast leer, ich besitze keinen einzigen Kuli mehr. So gut hat das geklappt.

Ich stelle fest, dass es die kleinen alltäglichen Dinge sind, die einen glücklich machen: der erste Schluck Cola nach der langen Reise, ein Klo mit Klopapier und mit Spülung, ein Stück Seife neben dem Waschbecken.

8. Tag (Martha)

Heute habe ich mit meiner Austauschschülerin zusammen Spätzle gekocht. Es war schön. Wir drängelten uns alle in der winzigen Küche und verstanden uns bestens. Doch die gesamte letzte Woche war für mich bitter. Ich musste immer wieder daran denken, dass meine Beniner Familie, die einen Eisladen besitzt, dort Kinder beschäftigt. Kinder, die es sich nicht leisten können, zur Schule zu gehen. Arme Kusinen ihrer eigenen Kinder, die glauben, sich so einmal ein besseres Leben ermöglichen zu können.

9. Tag (Sarah)

In Deutschland habe ich immer das Gefühl, die gläubigen Christen leben in ihrer eigenen Traumwelt; sie schweben irgendwo in den Wolken. Hier aber suchen die Menschen Zuflucht in der Kirche – gerade, weil sie die Realität erkennen. Das Leben ist hart hier, und man bittet um die Unterstützung von Gott, um es gut zu überstehen. Die Gottesdienste sind voller Lebendigkeit und Gemeinschaftsgefühl. Tanzen, singen, gemeinsam laut beten. Gleichzeitig herrscht hier aber auch fast so etwas wie ein Zwang, zur Kirche zu gehen. So in der Art: Wenn du nicht an Gott glaubst, wird dir Schlimmes geschehen, und du bist selber schuld.

12. Tag (Leonie)

Der hiesige Markt hat für mich zwei Gesichter. Auf der einen Seite ist er laut, bunt, dreckig, chaotisch, afrikanisch; einfach nur toll. Auf der anderen Seite sehe ich halbtote Fische und Krebse, stinkende Abflüsse und Kinder in ärmlichen Kleidern, die auf ihren Köpfen Dinge zum Verkauf anbieten. Diese Kinder gehen bestimmt nicht zur Schule. Nach einem langen und heißen Nachmittag auf dem Markt konnte ich die "Yovo! Yovo!"-Rufe – das heißt "Weißer" – nicht mehr hören. Ich war froh, als wir wieder zu Hause waren.

14. Tag (Sarah)

Noch vor zwei Wochen in der Schule fand ich es putzig, wenn ich an jeder Hand mindestens zehn Kinder hatte, fünf vor mir hergeschoben habe und am besten noch eins auf meinen Schultern saß. Jetzt ist es nur noch anstrengend. Jedes Kind zerrt in eine andere Richtung, reißt begeistert an den blonden Haaren und kämpft um meine Aufmerksamkeit.

Es ist traurig, aber wahr, dass man Deutschland und Benin nicht zusammenbringen kann. Man wird es vermutlich nie können. Es gibt zu viele grundlegende Differenzen in fundamentalen Bereichen. Hier in Benin wird mir erst richtig bewusst, wie "deutsch" ich eigentlich bin. Wie sehr ich doch schätze, wie die Dinge in Deutschland ablaufen.

15. Tag (Tatjana)

Jetzt sind wir schon zwei Wochen in Benin. Es ist sehr viel passiert, und mir scheint, als ob ich hier schon viel länger leben würde. Meine Umgebung kommt mir immer vertrauter vor. Und langsam kann ich mir auch die Namen der Menschen in meiner Familie und die Namen der Nachbarn merken. Heute Morgen konnte ich endlich mal ausschlafen. Jetzt, da ich ein Bett für mich alleine habe, schlafe ich nachts viel besser und bin tagsüber viel fitter. Auch mit meiner Gastschwester verstehe ich mich von Tag zu Tag besser.

Den Vormittag habe ich vor dem Haus in der Sonne verbracht. Meine Gastgeschwister und -kusinen hatten Schule. Ich habe mich ein wenig gelangweilt. Mittags dann habe ich meinen beiden Kusinen geholfen, die Wäsche zu waschen. Ich fand den Mousse-Schaum sehr faszinierend. Am liebsten hätte ich darin gebadet.

Abends wartete zu Hause eine kleine Überraschung auf mich: Die Schneiderin hatte endlich die beiden Begrüßungsgeschenke für mich fertiggestellt. Das eine Kleid finde ich wunderschön und möchte es gleich morgen in der Kirche tragen. Vielleicht trage ich es auch einmal in Deutschland. Das andere gefällt mir kein bisschen. Es sieht aus wie ein blauer Müllsack. Egal: Ich habe mich wirklich sehr über die Geschenke gefreut. Meine Gastschwester fand beides "très joli".

17. Tag (Leonie)

Langsam wendet sich unser Benin-Abenteuer dem Ende zu. Gerade die letzten Tage waren sehr schön. Aber ich kann es nicht leugnen: Ich freue mich auf zu Hause! Als ich ein letztes Mal durch die afrikanische Nacht fahre, sauge ich die Eindrücke regelrecht auf: die warme Luft im Gesicht, die Musik überall, die Frauen mit den Körben auf den Köpfen. Ich fragte mich, ob ich wohl jemals wieder hierher kommen werde. Mit gemischten Gefühlen und tausend Gedanken im Kopf schlief ich spät in der Nacht endlich ein.

18. Tag (Martha)

Der letzte Tag war ein einziges großes Austauschen von Adressen, ein sich Versprechen, dass man wiederkommt, ein darum Bitten, dass alle mal nach Deutschland reisen sollen – und dazwischen Umarmungen, Küsse und Geschenke. Als das Flugzeug schließlich abflog und unter uns die Lichter von Cotonou aufleuchteten und langsam kleiner wurden, war ich mir sicher, dass ich wiederkommen werde.

Martha Bonin, Sarah Haubner, Dominik Hollmann, Leonie Offenborn und Tatjana Stephan gehen auf das Stromberg-Gymnasium in Vaihingen/Enz.

Fotos: © privat



Links

ENSA, das Entwicklungspolitische Schüleraustauschprogramm
Evangelischer Entwicklungsdienst eed
Mehr zu Benin
– das bis 1975 Dahomey hieß – auf Wikipedia





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