Hessische Großstadt im Ausnahmezustand

Protokolle von der dOCUMENTA(13)

28.7.2012 | Nina Eberhard | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Seit dem 9. Juni 2012 lädt die dOCUMENTA(13), die größte zeitgenössische Kunstausstellung der Welt, nach Kassel ein. Malereien, Skulpturen, Video- und Soundinstallationen, Performances und Landschaftsprojekte sind, weit verstreut, in der ganzen Stadt zu sehen. Politik, Wissenschaft und Ökologie sind Themenfelder, in denen sich die Kunstwerke verorten. Durch das Motto "Collapse and Recovery - Zerstörung und Wiederaufbau" rückt außerdem auch die 1943 stark bombardierte Großstadt an sich in den Fokus. Nina Eberhard (22) kennt sich dort gut aus: Sie studiert Produktdesign an der Kunsthochschule Kassel. Für fluter hat sie Freunde, Touristen und Einwohner nach ihren Eindrücken zur dOCUMENTA(13) befragt.

TOKONOMA, achtköpfiges Kunst-Club-Kollektiv

Der Begriff Tokonoma kommt aus dem japanischen und tituliert eine Nische im Wohnzimmer, in der die Kunst des Hauses ausgestellt wird. Gegründet haben wir Tokonoma bereits 2011, mit der Idee, Kunst in einer Clubatmosphäre zu zeigen. Den Ursprung bildeten monatliche Partys, die gleichzeitig auch als Kunstausstellungen funktionierten. Wir wollten weg vom musealen Kontext. In den 100 Tagen des dOCUMENTA(13)-Sommers veranstalten wir in unserem Ladenlokal Vorträge, Filmaufführungen und Ausstellungen.

Einen Kernpunkt unserer Arbeit bildet unser Artist-in-Residence-Programm, bei dem fünf von uns ausgewählte internationale Newcomer der Kunstszene im "Tokonoma-Apartment" wohnen und anschließend auch dort ausstellen. Die Künstler haben jeweils zwei Wochen Zeit, ihre Ausstellung vorzubereiten, und eine Woche, in der sie ihre Werke präsentieren.

Anders als beim regulären Museumsbesuch bieten wir unseren Gästen jeden zweiten Samstag die Möglichkeit, Kunst in einer lockeren Atmosphäre zu betrachten. Musik und eine mit kühlen Getränken ausgestattete Bar laden ein zum verbalen Austausch. Danach können unsere Besucher den Abend im Club Batterie ausklingen lassen. Dort spielen unsere Lieblings-DJs. Wir haben auch einen Stadtplan konzipiert und gedruckt, der von jungen Kasslern empfohlene Bars und Locations an Touristen weitergibt.

Wir finden: Erst durch die vielen autonomen Projekte bekommt die dOCUMENTA(13) ihren besonderen und unverwechselbaren Charakter. Unser Ziel ist es, das Projekt auch nach den 100 Tagen weiter zu betreiben. Mit dem gleichen Erfolg.

Ragnheidur (29), studiert Bildende Kunst in Reykjavik

Es ist das erste Mal, dass ich Kassel besuche. Ich bin auf der dOCUMENTA(13) als Teil des Kunstwerks von Paul Ryan. Wir sind eine Gruppe von Menschen, die zwischen 20 und 40 Jahre alt sind und unterschiedlichster Nationalität. Zusammen machen wir eine Performance. Es ist etwas schwierig zu erklären, aber es ist in etwa wie Yoga und insgesamt sehr psychologisch – und auch philosophisch. Besonders freut es mich, wenn sich Leute für das Kunstwerk interessieren, die nicht aus der Kunstszene kommen; Leute, die eine unbefangene Herangehensweise haben.

Meine Arbeit hier ist sehr zeitintensiv. So konnte ich noch nicht allzu viel von der Stadt und der dOCUMENTA(13) sehen. Für mich war aber bereits der kleine Eindruck, den ich bekommen konnte, sehr inspirierend.

Man muss geduldig an die Kunstwerke herangehen. Weil die dOCUMENTA(13) so vieles Verschiedenes auf einmal bietet, versuchen manche Besucher, die komplette Ausstellung in ganz kurzer Zeit zu sehen, und hasten hindurch. Ich denke, dass man mehr davon hat, wenn man sich für jedes Kunstwerk Zeit nimmt – auch wenn man nicht alles sehen kann.

Johanna (14) und Rafael (15), Schüler aus Kassel

Wir wohnen in Kassel. Den Trubel um die dOCUMENTA(13) haben wir mitbekommen und auch schon ein paar Kunstwerke gesehen. In der Schule haben wir letztes Jahr das erste dOCUMENTA(13)-Kunstwerk "Idee di Pietra" von Guiseppe Penone, ein Baum aus Bronze mit einem Stein in der Krone, durchgenommen.

Man merkt sehr deutlich, dass sich die Stadt mit Touristen füllt. Die Straßenbahndurchsagen sind auf internationales Publikum eingestellt. Die Besucher werden in englischer Sprache auf die Ausstellungsorte hingewiesen. Spätestens dann wird einem schnell klar, wie wichtig die documenta ist.

Viele der Kunstwerke sind bestimmt sehr gut und sehenswert. Bei einigen stellt man sich aber auch die Frage, was das mit Kunst zu tun hat. Aber anstatt sich darüber zu ärgern, sollte man sich nur das anschauen, was einem gefällt. Für uns als Bewohner ist die documenta etwas Besonderes. Die Stadt identifiziert sich darüber, und man sollte das als Einwohner von Kassel auch nicht verpassen. Wenn die Ferien anfangen, wollen wir uns Dauerkarten kaufen.

Philipp (16), Schüler aus Frankfurt

Ich bin im Rahmen eines Schulausfluges einen Tag lang auf der dOCUMENTA(13). Jeder durfte selbst entscheiden, welche Kunstwerke er sich anschauen wollte. Somit hatten wir zwar keine Führung, dafür aber die Möglichkeit, die Kunstwerke nach den eigenen Interessen auszuwählen.

Besonders gefallen haben mir die vielen kleinen Häuser und Installationen im Park, die man während eines Spaziergangs nach und nach besichtigen kann. Dabei fällt einem schnell auf, wie riesig der Ausstellungskomplex ist. Ohne einen Stadtplan hätte ich mich schon längst verlaufen. Da ich selbst kunstinteressiert bin, würde ich auch gerne noch mal für einen Tag hierher kommen und mir die restlichen Kunstwerke ansehen. Die Ausstellung bietet ein großes Spektrum und empfiehlt sich deshalb auch für Menschen, die sich sonst nicht mit Kunst beschäftigen.

Marie (22), studiert Produktdesign in Kassel

Da ich in Kassel studiere, hatte ich mir vorgenommen, diejenige documenta, die in meine Studienzeit fällt – das ist in der Regel nur eine – ganz intensiv mitzubekommen. Als ich dann Ende letzten Jahres von dem Job als Companion gehört habe, passte das super. Und die Voraussetzungen dazu klangen spannend: Man sollte einen persönlicher Bezug zu Kassel haben und den Schwerpunkt in einer weiteren Disziplin. Was ich mit Produktdesign ja erfülle.

Bereits seit Januar haben ich und die anderen Companions an intensiven Workshops zur Vorbereitung teilgenommen, bei denen wir schon viele Künstler kennen lernen durften. Einige erzählten viel über ihre Arbeit, andere vermieden das total und haben uns andere spannende Sachen gezeigt. Für den Job ist das sehr hilfreich gewesen, weil wir dadurch ein konkreteres Bild von den Künstlern bekamen und auch manche der Werke besser einschätzen können.

Die von der documenta geplanten "dTOURS", die ein sogenannter Companion anleitet, sollen Besucher in Gespräche verwickeln und so mit ihnen gemeinsam auf neue Ansätze zu den Kunstwerken kommen. Meiner Erfahrung nach ist eine "dTOURS" umso spannender, je mehr die Gruppe auf das Konzept einsteigt.

Oft fragen Leute, wie dieses oder jenes Kunstwerk den Anspruch auf Kunst haben kann. Das nehme ich gerne als Anhaltspunkt, um die Frage nach dem persönlichen Kunstbegriff in die Runde zu stellen. Es entstehen daraufhin fast immer anregende Gespräche – die auch zänkerischen Charakter haben können. Für mich stellt die dOCUMENTA(13) unter anderem genau diese Frage. Und sie gibt nicht, wie viele Besucher es erwarten, die Antwort.

Ich denke, man muss sich auf die Ausstellung voll und ganz einlassen – wie auf ein Abenteuer vielleicht. Es funktioniert nicht, sie schnell konsumieren zu wollen; also in möglichst wenig Zeit möglichst viel zu sehen. Dafür sind schon die Ausstellungsorte zu viele und zu weit voneinander entfernt.

Nina Eberhard, 22, studiert Produktdesign im 4. Semester an der Kunsthochschule Kassel.

Fotos: © Nina Eberhard



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Mehr zur dOCUMENTA(13)
Weitere Infos zu TOKONOMA und ihrem dOCUMENTA(13)-Programm





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