Hilfe, die Spiele kommen!

Verändern die Olympics 2012 London?

14.7.2012 | Protokolle: Sara Jabril | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Nach dem "Royal Wedding" im April 2011 und dem 60. Thronjubiläum der Queen vor einigen Wochen findet jetzt das nächste Großereignis in London statt – und auch dieses Mal wird die Welt zusehen.

Am 27. Juli beginnen die Olympischen Spiele in der Hauptstadt Großbritanniens. Die Spiele dauern gerade einmal zwei Wochen. Doch die Vorbereitungen zu den Olympics laufen seit Ende 2005; seit feststeht, dass sie in London stattfinden. Seit Monaten geht es richtig hoch her: Stadien wurden gebaut, Straßen erneuert, der Osten Londons erfuhr eine "Aufwertung" – es wurde zum Beispiel ein nagelneues Shoppingcenter gebaut. Und auch die berühmte Londoner U-Bahn, eine der ältesten der Welt, ist im Zuge der Vorbereitungen überholt worden.

Im Vorfeld der Spiele gab es allerdings in England nicht nur Vorfreude auf die Spiele, sondern auch eine Menge Vorbehalte. Sara Jabril hat Londoner und Londonerinnen gefragt, was sie von der olympischen Großveranstaltung in ihrer Stadt halten und inwiefern sich die Stadt ihrer Meinung nach verändert hat.

Arti, 21, studiert Architektur am University College London

Großbritannien ist eine mürrische Nation. Und wir sind gerne mürrisch. Londoner sind da keine Ausnahme: Wir lieben es, uns zu beschweren. Man kann sich also vorstellen, was die Einheimischen von den Olympischen Spielen halten. Wir lieben sie natürlich! Die "Verbesserungen" der U-Bahnlinien bedeuten, dass wir nicht dort hinkommen, wo wir hin wollen. Und wieder müssen wir grummelnde Londoner den glorreichen Schienenersatzverkehr nehmen – was für eine Freude!

Einheimischen Pessimismus beiseite: Die Olympischen Spiele haben bisher keinen wirklichen Einfluss auf das Leben der meisten Londoner gehabt. Im Gegensatz zu Beijing wurde London nicht einer Komplettrenovierung à la Hollywood unterzogen. Überall wird uns auf Plakaten dazu geraten, unsere üblichen Arbeitsrouten zu ändern, damit auf den U-Bahnstationen mehr Raum für Touristen und Ortsansässige ist, die zu den Spielen fahren. Die meisten von uns sind genervt davon, dass jetzt nicht einmal mehr TV-Werbespots für Brot ohne den Hinweis auf die Spiele auskommen. Regen wir uns darüber auf? Selbstverständlich! Es hat sich also nichts wirklich verändert – wir jedenfalls nicht.

Charlotte, 21, studiert in London Jura

Kurz vor den Olympischen Spielen ist London bunter, aufregender und leider auch noch anstrengender für seine Bewohner geworden. Seit Monaten ist die Stadt eine einzige Baustelle; überall liegen die Bauarbeiten jetzt in den letzten Zügen. Über den Menschenströmen in den großen Einkaufsstraßen flattern nach den Diamond-Jubilee-Feierlichkeiten [das eben abgefeierte 60. Thronjubiläum der Queen, Anm. d. Red.] jetzt nicht mehr nur britische Flaggen und in den U-Bahnstationen sind etliche neue Hinweisschilder angebracht worden.

Ich denke, die Londoner sind stolz, Gastgeber eines solchen Ereignisses zu sein – sie nennen diesen Sommer jetzt schon "einen Sommer, der in Erinnerung bleiben wird". Aber es gibt auch negative Stimmen zu vernehmen, die die zahlreichen Straßensperrungen und die zusätzlichen Menschenmassen monieren. Insgesamt jedoch freut sich jeder auf die vielen Theateraufführungen, Konzerte, Lesungen und Ausstellungen, die die Olympischen Spiele und das dazugehörige "London 2012 Festival" mit sich bringen werden.

Giulia, 24, macht gerade ihren Master in English Literature an der FU Berlin

Ich habe gemischte Gefühle, wenn ich an die Olympischen Spiele denke. Ein Teil von mir findet, dass die Spiele eine gute Sache für London sind, weil sie den internationalen und kulturell vielfältigen Status der Stadt bewahren und weiterentwickeln werden. Außerdem sind zahlreiche neue Arbeitsstellen entstanden. Und viele der Sportstätten sollen, wenn die Spiele vorüber sind, der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden.

Meine größte Befürchtung ist aber, dass Institutionen wie die Künste unter der Finanzierung der Spiele leiden werden. Ein solches Großereignis kann ja nur durch enorme öffentliche Kosten finanziert werden. In finanziell kritischen Zeiten wie diesen kann ein solcher Kostenaufwand sehr riskant sein.

Die Dimension der Kosten für diese relativ kurze Veranstaltung finde ich wirklich erstaunlich. Ich hoffe sehr für London, dass die positiven Aspekte dieser Spiele diese zwei Wochen überdauern werden. Und was die Touristen und das Chaos betrifft: Was kann man schon erwarten? Es ist schließlich London!

Hamdi, 23, hat gerade ihren Abschluss in Biochemie gemacht

Als Londonerin freue ich mich natürlich sehr, dass unsere Stadt Gastgeber der Olympischen Spiele ist. So etwas passiert schließlich nur einmal im Leben! Meiner Meinung nach werden die Olympischen Spiele ein wirtschaftlicher Gewinn für Großbritannien sein, da sie Arbeitsplätze schaffen und den Tourismus ankurbeln werden.

Die Stadt hat sich auf jeden Fall verändert; sie wurde "herausgeputzt". Seit dem Zeitpunkt, als London das Rennen um die Olympischen Spiele gemacht hatte, wurden große Restaurierungsaktionen in vielen Bezirken gestartet – man muss sich nur mal Hackney oder Tower Hamlets ansehen. All die kleinen Parks sind nun sicherer und bieten mehr Service für die Besucher, die Straßen wirken sauberer und es wurden Sozialwohnungen renoviert und mit neuen Küchen, Badezimmern und mehr Fenstern ausgestattet. London muss schließlich eine Show ausrichten, und dabei geht es nicht nur um die Olympischen Spiele.

Mohammed, 32, arbeitete lange als Fußballtrainer

Die allermeisten Londoner, darunter auch ich selbst, finden, dass die Olympischen Spiele eine Belästigung sind. Die Organisation der Spiele war von Beginn an ein totales Chaos und das führte zu einer heftigen Gegenreaktion der britischen Bevölkerung. Straßen sind gesperrt, die Reisefreiheit eingeschränkt und es werden für die Zeit während der Olympischen Spiele die Sicherheitsmaßnahmen hochgesetzt, was die Londoner sehr belästigt.

Nur eine Ecke Londons – East London – wird durch die Spiele profitieren, weil dort Sanierungsprojekte gestartet wurden und Arbeitsplätze entstanden sind. Was die anderen Stadtteile Londons angeht, haben die Spiele bisher keine bemerkbaren Veränderungen im Leben der Menschen hervorgerufen und sie werden es auch nicht mehr.

Das "Langzeit-Vermächtnis" der Olympischen Spiele wirft viele Fragen auf. Was wird den Londonern bleiben, wenn die Show erst mal vorbei ist und für London wieder Normalität einkehrt? Eine riesengroße Rechnung für die Steuerzahler, meiner Meinung nach.

Bluebell, 20, studiert an der London Metropolitan University

Bei allem, wovon ich in letzter Zeit gehört habe, geht es um die Olympischen Spiele. Den meisten Londonern, wie auch mir, graut es schon davor. Man versucht, Mittel und Wege zu finden, die Stadt zu verlassen, um den Spielen ganz auszuweichen. Viele Menschen fürchten auch, dass es Terroranschläge geben wird: Weil London ja sowieso ein mögliches Ziel ist und weil ein Anschlag während eines solchen Ereignisses dramatische Auswirkungen hätte.

Ich selbst werde die meiste Zeit in Berlin verbringen, weil London voll mit Touristen und alles chaotisch sein wird. Aber es gibt nicht nur Nachteile, glaube ich, sondern die Spiele haben auch ihre guten Seiten: Es entstehen gutbezahlte Jobs für Londoner und Touristen. Und der Regierung wird eine gute Entschuldigung gegeben, endlich mal ihre öffentlichen Verkehrsmittel und anderes zu überholen und den allgemeinen Zustand der Stadt zu verbessern.

Die Olympischen Spiele werden sich positiv auf die Stadt auswirken, weil sie Tourismus generieren und viele Besucher anziehen werden. Das könnte genau das sein, was London in der derzeitigen Wirtschaftslage gebrauchen kann. Ich werde mich allerdings weit weg von allem aufhalten.

Sara Jabril (22), gebürtige Berlinerin mit einem Bein in London, studiert Sozialwissenschaften an der HU Berlin.

Fotos: © privat







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