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David Van Reybrouck: Kongo

Eine Geschichte vieler Menschen

24.8.2012 | Ingo Petz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Für den Schriftsteller und Journalisten David Van Reybrouck war der 6. November 2008 ein besonderer Tag. Für seine Recherchen zu einem Buch über den Kongo war der Belgier nach Kinshasa geflogen, in die Hauptstadt des zentralafrikanischen Landes. Er wollte ein Buch schreiben, das den kongolesischen Blick auf die Geschichte des Landes berücksichtigt, mit Stimmen von Zeitzeugen.

Vor allem für die Zeit, in der die belgische Kolonialisierung des Kongo begann – im Jahr 1885 ließ der belgische König Leopold II. den privaten Freistaat Kongo ausrufen –, sollte sich die Suche nach Zeugnissen von Kongolesen als schwierig erweisen. Geschichte wurde mündlich verbreitet. Die schriftlichen Zeugnisse aus jener Zeit stammen von weißen Europäern. Zudem, schreibt Van Reybrouck, taucht da noch eine Hürde auf: "Wie lässt sich das bewerkstelligen in einem Land, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung im letzten Jahrzehnt weniger als fünfundvierzig Jahre betrug?"

Papa Nkasi, ein 126 Jahre alter Zeitzeuge

Van Reybrouck aber hatte Glück. Er fand Papa Nkasi, der aussah "wie der älteste Kongolese, dem ich jemals begegnet war". Nkasi erzählte ihm, er sei 1882 geboren worden. 1882! Das war die Zeit, in die die Gründung des Freistaates fiel, die Zeit, in der der berühmte Abenteurer und Forscher Henry Morton Stanley den Kongo bereiste. Konnte das sein? Van Reybrouck, ein erfahrener Afrikareisender, wusste, dass Daten, Fakten und Jahreszahlen im Kongo nicht allzu viel bedeuten. Deswegen blieb er skeptisch. Er überprüfte Nkasis Berichte anhand historisch gesicherter Fakten.

“‘Stanlei?´ fragte er. Er sprach den Namen französisch aus. ‘Nein, den habe ich nie gesehen, aber ich habe von ihm gehört. Er kam erst nach Lukunga und dann nach Kitambo.´ Die Reihenfolge stimmte jedenfalls mit der Reise überein, die Stanley von 1879 bis 1884 unternommen hatte. ´Lutunu habe ich aber noch gekannt, einen seiner Boys. Er kam aus Gombe-Matadi, nicht weit weg von uns. Er trug nie Hosen.´“

Danach war sich Van Reybrouck sicher: Nkasi musste 126 Jahre alt sein. Es sind solche überraschend erhellenden Momente, die Van Reybroucks Buch "Kongo. Eine Geschichte" zu einem rauschhaften Erlebnis machen. Dem 40-Jährigen ist eine famose Erzählung über den Kongo vom Beginn der Kolonialzeit bis in die Gegenwart gelungen, die historische und politikwissenschaftliche Analyse, journalistische und narrative Elemente souverän mit sprachlicher Brillanz verbindet.

Fischerboote im Hafen von Mossaka, DR Kongo

Fischerboote im Hafen von Mossaka, DR Kongo

Plünderungen und Bürgerkrieg

Die Geschichte des Kongo, dieses unter dem Kolonialherren Belgien ausgeplünderte und gedemütigte Land, in ein erzählendes Buch zu packen, ist eigentlich ein Projekt, das an Wahnsinn grenzt. Zu zerrissen, zu vielfältig, zu gewaltig und auch zu gewaltvoll ist die Geschichte der Demokratischen Republik Kongo, wie der Staat heute heißt. Zaire hieß er zwischen 1971 und 1997, unter der Herrschaft Mobutus, dem Mann mit der Leopardenmütze, der sein Land in die dunkelsten Tiefen der Korruption führte. Nach diversen Bürgerkriegen wird das Land heute von Joseph Kabila regiert, Sohn des Milizenführers Laurent-Désiré Kabila.

Es ist zweifelsohne erschütternd, wie ein Land, das so reich an Kautschuk, Gold, Diamanten und anderen Bodenschätzen ist, so viele Katastrophen durchleben musste. Ganz sicher liegt in diesem fatalen Reichtum an Bodenschätzen auch ein Schlüssel zum Verständnis des heutigen Kongo. Denn die Geschichte der Kolonialisierungen erzählen immer auch von der Gier einzelner Menschen.

Vielschichtiges Bild

Aber Van Reybrouck beschränkt sich lobenswerterweise nicht auf die Katastrophen des Kongo. Er schreibt keine Opfergeschichte über ein düsteres Land in Afrika, sondern entwirft das Panorama eines lebendigen, vielschichtigen Landes. Man erfährt auch einiges über die Ethnien und über die Religionen des Kongo, über Literatur, Popmusik, über Bierbrauereien. Van Reybrouck erzählt auch von dem legendären Boxkampf zwischen Mohamad Ali und George Foreman in Kinshasa - aus der Erzählung eines Rebellenführers und eines Zuschauers, die beide damals den Kampf erlebt haben. Die Berichte der Zeitzeugen, mit denen der belgische Autor gesprochen hat, hallen lange nach. Van Reybroucks "Kongo" funktioniert somit eher wie eine Brücke – und zwar eine zu den Menschen des Kongo.

David Van Reybrouck: Kongo. Eine Geschichte. (Suhrkamp 2012, 783 S., 29.95 €)

 

 

 

Ingo Petz ist freier Journalist und schreibt vor allem über Weißrussland.

Coverabbildung: © Suhrkamp Verlag

Foto: "Port de Mossaka - République du Congo" | Foto: Bsm15 / CC BY-SA 3.0



Links

David Van Reybroucks Seite, mit einem schönen Video (engl., franz.)
BBC-Doku über den Kongo (engl.)





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