Überall in der frühindustrialisierten Welt gibt es schrumpfende Städte. Diese ehemaligen industriellen Boomtowns mit ihren heute verödeten Innenstädten zeugen von den Schattenseiten der Globalisierung, zu deren Dynamik es gehört, Produktionsstätten in andere Teile der Welt zu verlagern, nach rein ökonomischen Gesichtspunkten. Und sie zeugen von der Endlichkeit von Ressourcen wie etwa Steinkohle.
Michigan Central Train Station, Michigan Avenue, Detroit
Verödete Innenstädte
So gelangte auch Detroit zu trauriger Berühmtheit. Die Stadt des berühmten Soul-Labels Motown. Die Stadt, in der Techno aufkam. Motor City. Die Stadt im Nordwesten der USA, in der die drei großen amerikanischen Autohersteller Ford, Chrysler und General Motors ihre Wagen bauten, schrumpfte ab den 1960er-Jahren wie kaum eine andere: von etwa zwei Millionen auf 700.000 Einwohnern. Während die vornehmlich weißen Mittelschichtsfamilien an die Ränder oder in wohlhabende Universitätsstädte wie Ann Harbour zogen, verblieb die benachteiligte ärmere Bevölkerungsschicht im Stadtzentrum, der City. Den größten Anteil an der Bevölkerung Detroits bilden heute Afro-Amerikaner/innen mit etwa 82 Prozent.
Die in Hamburg lebende Autorin Katja Kullmann – Autorin von "Generation Ally" (2002) oder "Echtleben" (2011) – berichtet in ihrer Reportagen-Sammlung "Rasende Ruinen" davon, wie in Detroit versucht wird, mit der anhaltenden Verödung des Stadtraums klarzukommen. In den ersten Tagen dort fühlt Kullmann sich erst mal konfrontiert mit der Leere. 370 Quadratkilometer Fläche nimmt die Stadt ein; "so viel Platz, dass die Bewohner von San Francisco, Boston und Manhattan alle zusammen nach Detroit passen würden [...]".
Autorin Katja Kullmann
Wird Detroit das neue Berlin?
Kullmann interessiert sich jedoch vor allem dafür, welche Ideen für eine bessere Zukunft in Detroit selbst zirkulieren. Deshalb besucht sie ganz unterschiedliche Leute, Projekte und Organisationen. Etwa Sarah Treger Strassberg, die mit ihrer Organisation "Humble Design" Frauen vor der Obdachlosigkeit bewahrt. Oder Shane Bernardo vom Stadtgarten "Earthworks". Und sie trifft Mike Banks vom antikapitalistischen Techno-Kollektiv "Underground Resistance". Kullmann sucht auch nach Antworten auf die Frage, ob Detroit vielleicht eine Kreativ-Stadt wie Berlin oder New York werden könnte. Immerhin findet der Chef der Investment-Firma Goldman Properties, Detroit könne das "Berlin der USA" werden – der heiße Ort für Grafikerinnen, Kulturwissenschaftler und Bohemiens. Mit diesem Tony Goldman redet Kullmann ebenso wie mit dem Stadtplaner und "Detroit-Gehirn" Robin Boyle. Beide sprechen Detroit Chancen in der Kreativwirtschaft zu.
Noch erschreckender als all die sozialen Missstände, die Kullmann in ihrem etwas mehr als 90 Seiten langen Band beschreibt, wirkt aber die erste Abbildung im Inneren des Buches. Sie zeigt die Ruine der Michigan Central Station, einen Bahnhof, der seit 25 Jahren leersteht. Er wirkt nackt, kahl und unbehaglich. Auf dem Vorplatz, der ebenso monumental anmutet wie das einst mit Wucht prunkende Hauptgebäude, breiten sich Gräser und wilde Pflanzen aus. Man hat sich damit arrangiert: Deutlich ist zu erkennen, dass die alten Wege zwischen den wuchernden Pflanzen ab und an freigeschnitten werden.
Ihrem eigenen Anspruch, bloß keinen weiteren "Ruinen-Porno" über die Motor City zu erzählen – sich also nicht von dem Verfall zu Sentimentalitäten hinreißen zu lassen – wird Katja Kullmann zwar nicht immer gerecht. Aber das macht nichts. Schön ist, dass Kullmann in "Rasende Ruinen" in ihrer angenehmen, selbstironischen Klugheit den zaghaften Aufbruch dieser Stadt zeigt.
Katja Kullmann: Rasende Ruinen. Wie Detroit sich neu erfindet (Edition Suhrkamp Digital 2012, 93 S., 5.99 €)
Christoph Braun (41) ist Soziologe und lebt in einem wachsenden Dorf inmitten der schrumpfenden Region entlang der Landesgrenze Niedersachsen-Sachsen-Anhalt.
Foto, oben: The former Michigan Central Train Station, on Michigan Avenue in Detroit. Built in 1913, the station served passengers until it's closure in 1988 | Foto: Albert Duce, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Foto, unten : © Patrick Ohligschläger / Suhrkamp Verlag
Homepage von Katja Kullmann
Verlagsseite zu "Rasende Ruinen", mit Video von Katja Kullmann
bpb-Dossier zu schrumpfenden Städten
Das Projekt "Shrinking Cities – Schrumpfende Städte" untersuchte zwischen 2002 und 2008 das Phänomen des Schrumpfens urbaner Lebensräume.
Forgotten Detroit
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